Schon ihre Mutter gehörte zu den "starken Frauen", die bei den Gebildeten hoch im Kurs standen. Sie besaß eine eigene Bibliothek, sammelte Kunst und regierte, wenn ihr Gatte abwesend war, weise, aber mit fester Hand. Für ihre Söhne brachte sie nur wenig Interesse auf, doch ihre älteste Tochter erhielt wie ihre Schwester eine sorgfältige Erziehung. Sie büffelte Latein, lernte meisterlich Saiteninstrumente spielen, las klassische Literatur und vertiefte sich in die Geschichte. Beide Schwestern wurden sehr früh verheiratet. Die ältere verstand sich nicht allzu gut mit ihrem misstrauischen Mann, aber sie hielt zu ihm und pflegte ihn selbstlos, als eine unheilbare Krankheit ihn aufzufressen begann. Die "erhabenste aller Frauen", so ein Dichter aus ihrem Umkreis, scharte einen berühmten "Musenhof" um sich. In ihrem prächtig ausgemalten Studierzimmer empfing sie Geistesgrößen und Künstler zum Ideenaustausch, ließ sich auf der Laute hören und sang dazu mit ihrer als Wunder gefeierten Stimme. Vor allem aber war sie Kunstjägerin "mit dem Urteil eines Gelehrten und dem Geschmack eines Kenners". Begehrte sie ein Werk, setzte sie selbst Verwandte massiv unter Druck. Ging ihr das Geld für Neuerwerbungen aus, verpfändete sie kostbare Gewänder und Schmuck. Das muss sie einige Überwindung gekostet haben, denn sie legte größten Wert auf ihre elegante Erscheinung. Der Preis für ihre unkonventionelle Lebensweise war die üble Nachrede, sie umgebe sich mit "lockeren Fräulein". Unmoral warf ihr jedoch niemand vor. Im Gegensatz zu ihrer Mutter liebte sie ihre Söhne über alles. Noch ihre Hunde, meinten Spötter, hätten den Vorzug vor ihren Töchtern. Zwei brachte sie in Klöstern unter, die älteste in einer unglücklichen Ehe.

Als sie nach dem Tod ihres Mannes für ihren Sohn regierte, erwies sie sich als geschickte Politikerin und erreichte eine Aufwertung ihres Standes. Volljährig geworden, drängte ihr Sohn sie aus der Regierung und aus der Stadt. An ihrem neuen Wohnort geriet sie in ein entsetzliches Massaker, mithilfe eines ihrer Söhne rettete sie 2000 Flüchtlingen das Leben. Nach ihrem Tod wurde sie in der Grablege der Familie beigesetzt. Ihr Sarkophag jedoch ist leer, und niemand weiß, warum. Wer war’s?

Lösung aus Nr. 52:

Marco Pantani (1970 bis 2004), Profi-Radrennfahrer, gewann 1998 die Tour de France und den Giro d’Italia. Seit 1999 überschatteten Doping-Vorwürfe seine Karriere, am 14. Februar 2004 fand man ihn tot in einem Hotelzimmer. Er starb vermutlich an einer Überdosis Kokain