Als man vor gut 200 Jahren noch ohne Schachuhren spielte, konnten Turnierpartien "ewig" dauern und vermerkte der Schiedsrichter in seinem Protokoll schon einmal: "Schwarz ist eingeschlafen!" Heutzutage indes sind mehr als siebenstündige Partien eine Seltenheit. Und doch! Beim letzten Sparkassen Chess Meeting in Dortmund musste sich der Italiener Fabiano Caruana ständig neuer Angriffswellen des russischen Ex-Weltmeisters Wladimir Kramnik erwehren. Nach fast sieben Stunden – die Nacht war längst hereingebrochen, einsam blieben nur noch die beiden auf der Bühne – entstand schließlich die Diagrammstellung.

Endlich schien sich für Caruana als Schwarzen am Zug die fortwährende Mühe und Anspannung gelohnt zu haben, das ersehnte Remis schien greifbar nahe. Doch inzwischen war nicht nur das Fleisch schwach, auch der Geist unwillig. Statt die Variante 1...b2 2.g8D b1D 3.Da8+ Kb2 4.Dxb7+ Ka2 usw. mit einem nahezu sicheren Remis durchzurechnen, meinte er, es mit 1...Txg5 2.Sxg5 und nun der Folge 2...b2 3.g8D b1D 4.Da8+ Kb2 5.Dxb7+ Ka2 viel einfacher zu haben, keine zehn Pferde und nicht einmal Kramnik gewinnen mit Dame + Springer gegen Dame. Auch der (großmeisterliche) Schiedsrichter war dieser Meinung und trug bereits ein Remis ein. Doch – oh Wunder – Caruana gab nach 2.Sxg5 überraschend auf. Warum? Welche weiße Gewinnfortsetzung hatte er nach dem selbstverständlichen 2...b2 völlig übersehen?

Lösung aus Nr. 52:

Wie hätte Schwarz auf 1.Dxa4 gewonnen? Nicht etwa mit sofortigem 1...Dxd4, weil dann 2.Lxf7+! die schwarze Dame erobert hätte. Sehr wohl aber mit dem Einschub 1...Sc3! , wonach 2.Db4 Dxd4 3.Lxf7+ Txf7 4.Dxd4 zwar immer noch die Dame gewinnt, aber diese nun nach der Springergabel 4...Se2+! postwendend zurückverliert