Luftig wie ein offenes Fenster: Bluse von Acne, 270 Euro

Als Kleidung für sehr privilegierte Menschen noch hauptsächlich eine repräsentative Funktion hatte, konnte ihr Gewicht halsbrecherisch sein. In Königshäusern wurde viel Mühe darauf verwendet, Gewänder so üppig mit Stickereien zu verzieren, dass kein Zweifel mehr bestehen konnte, wie erlaucht man war. Solche Kleider wurden so gewichtig, dass sie für die Dame kaum tragbar waren. Die preußische Königin Luise notierte 1809 anlässlich eines Besuchs am Petersburger Hof über ein Korsett mit einem Reifrock, der mit Diamanten besetzt war, die Robe sei "zum Totbeleiben". Nach zwölf Stunden in "diesem Aufputze" sei sie "hundemüde" gewesen. Eines ihrer festlichen Outfits mit prächtiger Schleppe war so schwer, dass Königin Luise sich darin nur mithilfe zweier Zofen bewegen konnte.

Eine Ahnung von solchen Schwergewichten erhält man heute nur noch, wenn man die reich bestickten Roben der Haute Couture betrachtet. Allein in den großen Ateliers versteht man es noch, ein Kleid über und über mit Perlen und Metallapplikationen zu bedecken, sodass sich manches wie eine Bleiweste trägt. Ansonsten ist in der Mode Leichtigkeit angesagt.

Während früher wenig Rücksicht auf Tragekomfort genommen wurde, soll Kleidung heute möglichst wenig wiegen. Daunenjacken, wie sie etwa Moncler unter die Leute bringt, fühlen sich an, als bestünden sie aus Luft. In Zeiten, in denen körperliche Leichtigkeit ein Ideal ist, soll auch Kleidung wirken, als schwebte sie.

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

In der aktuellen Wintermode erkennt man dies bei Designerinnen wie Isabel Marant, Nina Ricci und Anne Valérie Hash. Sie setzen den Akzent auf hoch entwickelte Materialien – die Stoffe scheinen wie ein Wasserfall an ihrem Träger herabzufließen. Der Körper nimmt darin unterschiedliche Gestalt an, so auch in der Frühjahrskollektion von Haider Ackermann. Er hat das Thema Transparenz in Entwürfe von abendlicher Eleganz übertragen: Falten, Drapierungen und Raffungen schaffen ein Volumen, das man sonst höchstens bei Ballettkostümen zu sehen bekommt.

Das ist ein Stil, der Königin Luise sehr gefallen hätte. Sie machte sich bei Hofe stark für die neue "Nacktmode" aus Paris, die aus Kleidern bestand, die für damalige Verhältnisse unerhört luftig waren.