Fackeln lodern, Feldbanner flattern, Posaunen schallen, Schwerter klirren, Nebel wabert, Blitze zucken, Donner grollt, und wenn die wilde Jagdgesellschaft in ihr Lager heimkehrt, dann schleppt sie einen ausgestopften Hirschen auf die Burgtheaterbühne. Peter Stein will bei seiner Inszenierung von König Lear nichts der Fantasie überlassen. Was im Text steht, wird artig illustriert. So wie es sich in der Welt der Fantasy gehört, in der sich die Imagination zu Possen und Posen verdinglicht. Schließlich zählt Theater zu den darstellenden Künsten, und das nimmt der Hohepriester der Werktreue ebenso wortwörtlich wie den Shakespeare-Text. Also geht es an diesem Abend über weite Strecken sehr elisabethanisch zu.

Wenn zwei Großfürsten der deutschsprachigen Theaterkunst verabreden, eine der großen Tragödien der Weltliteratur auf die Bühne zu wuchten, ist bereits im Vorfeld der Premiere die Aufmerksamkeit beträchtlich – die Erwartung eines bedeutenden Kulturereignisses liegt in der Luft. Für Klaus Maria Brandauer, den vielleicht eigenwilligsten Darsteller der Gegenwart, ist es eine Heimkehr auf die Heimatbühne im 70. Lebensjahr. Für den sechs Jahre älteren Peter Stein, den nomadisierenden Eigenbrötler, ist es das Regiedebüt an dem Haus, das für sich seit je beansprucht, die erste Bühne deutscher Zunge zu sein. Die beiden scheinen einen künstlerischen Seniorenbund für den Rest ihrer Leben geschlossen zu haben, zu dem Zweck, die Welt mit ihrer ureigensten Interpretation des Gigantentheaters zu beglücken. Dabei soll Monumentaldramatik entstehen, Elementarereignisse, die so wuchtig sind wie ein Weltuntergang und so gewaltig, wie es Stoff und Sprache verlangen. Irgendwie will alles immer ins Überlebensgroße ragen. In den vergangenen Jahren haben sie so gemeinsam die Entrückung alter Männer in umjubelten Inszenierungen zur Schau gestellt: Schillers Wallenstein, Kleists Dorfrichter Adam oder den geblendeten Ödipus des Sophokles.

Diesmal hat es den Anschein, als wollte der Regisseur seinem kongenialen Partner ein Geschenk machen, indem er ihm weit ausladende dramatische Räume im weißen Würfel des vollkommen leeren Bühnenhauses des Burgtheaters eröffnet. Dort kann er, befreit von der Pflicht, eine Geschichte in ihrem Gesamtzusammenhang erzählen zu müssen, das ganze Panorama seines schauspielerischen Könnens entfalten. Fast alle Szenen, die den Fortgang des intriganten Geschehens schildern, hat Stein zu einem polternden Bauerntheater degradiert, mit bisweilen unfreiwillig komischem Gemetzel und in Kostümen, die aus dem Fundus der Pradler Ritterspiele stammen könnten. Manche Figuren dürfen grauenvoll chargieren, andere müssen hölzern Bericht erstatten. Vor allem die verfehdeten Schwestern Goneril und Regan, an die der greise Lear sein Reich abgetreten hat und von denen er sich nun hintergangen fühlt, was ihn in den Wahnsinn treibt, jaulen wie hysterische Hyänen am oberen Ende der Schreckschraubenskala.

Peter Stein zeigt an der düsteren Weltuntergangstragödie kaum Interesse. Das Desillusionsdrama König Lear, ein einziger Abgrund der Hoffnungslosigkeit, in den Shakespeare vor 500 Jahren seine Figuren taumeln ließ, wird in dieser Inszenierung reduziert auf die private Tragödie eines störrischen und aufbrausenden Patriarchen. Dass diese archaische Welt, in der Herrschsucht, Gier und Eifersucht regieren, keinen Ort für irgendeine Tugend kennt, verschweigt Stein schlichtweg.

So gerät das Ensemblestück unversehens zur Soloperformance eines Ausnahmeschauspielers, der sich dieser Rolle durchaus bewusst und auch würdig erweist. Er muss sich nicht in ein Ensemble einfügen, sondern Stein stellt seinem Hauptdarsteller Sidekicks aus dem Figurenreservoir des Stückes zur Verfügung, die ihn ein Stück seines Weges zur Erkenntnis begleiten, die Lear schlussendlich in des Irrsinns leisen, milden Sphären findet.

Der Lear, den Brandauer spielt, ist ein einsamer Pilger, in dem auf seiner Reise ohne Wiederkehr langsam die Menschlichkeit erwacht. Mit den Ritterspielen, die rings um ihn scheppern, hat er wenig zu tun. Brandauer wirkt trotz seines Titels wenig königlich, auch ein barbarischer Clan-Führer, den das zottelige Kostüm nahelegt, dürfte nicht seine Sache sein. Er ist kein kriegerischer Wüterich, eher ein herrischer Dorftyrann nach Großbauernart, der nicht im fernen Albion, sondern vermutlich sogar im heimatlichen Ausseerland daheim sein könnte.

In immer neuen, feinen Nuancen nimmt Brandauer Zug um Zug alles Kraftlackelige aus diesem geerdeten und stampfenden Charakter, sein Spiel wird immer leiser und leichtfüßiger. Überzeugend gelingt es ihm so, von der Reise eines nach Erlösung dürstenden Sünders zu sich selbst zu erzählen. Am Ende befindet er sich merkwürdig teilnahmslos, unbeschuht und im weißen Büßergewand inmitten der Verwüstung, die er verursacht hat. All die Toten kümmern ihn nicht. Nur die leblose Cordelia, die dritte und verkannte Tochter, die nun in seinem Schoß liegt, ist seinem Geist und seinem Herzen nah. In dieser spiegelverkehrten Pietà findet er seinen Frieden und haucht sein Leben aus – ein berührender und großer Theatermoment, der die vier Stunden dieser zerfransten Inszenierung nahezu vergessen macht.