Eine Zeit lang habe ich meine Träume gleich nach dem Aufwachen aufgeschrieben. Meine Traumprotokolle habe ich zu Textcollagen zusammengefügt. Das war für mich ein Weg, meine Träume und das, was mich unbewusst beschäftigt, zu verarbeiten.

In meinen Träumen spielen Tod und Verlust eine große Rolle. Früher waren es vor allem Angstträume, in denen meinen Kindern oder meinem Mann etwas zustieß, ein plötzlicher Tod, der mir nicht einmal die Möglichkeit ließ, mich von ihnen zu verabschieden. Diese Angstträume haben sicher auch mit meiner Kindheit zu tun: Als ich sechs war, habe ich miterlebt, wie mein kleiner Bruder bei einem Unfall starb.

Im Zentrum meines drängendsten Wunschtraumes steht ebenfalls der Tod. Ich träume vom würdevollen Sterben. Und davon, dass kein Mensch allein sterben muss. Dieser Wunschtraum wurde durch eine weitere Grenzerfahrung verstärkt: Ich geriet beim Skifahren 2007 in eine Lawine, die mich unter sich begrub und 250 Meter einen Hang hinuntertrug. Die Welt um mich herum wurde dunkler und dumpfer, gleichzeitig wurde es in meinem Bewusstsein immer heller, weiß wie Schnee. Ich erinnere mich, dass ich dachte: "Jetzt sterbe ich." Es war ein ruhiger, bewusster Gedanke, emotionslos, ohne Angst. Irgendwann gab mich die Lawine dann wieder frei. Noch heute verfolgt mich diese Erfahrung bis in meine Träume, manchmal ist es, als würde ich unter der Bettdecke ersticken.

Vor einigen Jahren habe ich dann begonnen, als Sterbebegleiterin zu arbeiten. Ich hatte das Bedürfnis, das Sterben mitzuerleben, ganz direkt. Ich besuche seither Menschen, die im Sterben liegen, in Krankenhäusern, Hospizen und Wohnungen, halte ihre Hand, höre ihnen zu. Ich sehe unzählige Schläuche und Geräte, die helfen sollen, die Phase zwischen Leben und Tod möglichst weit auszudehnen. Aber allzu oft gibt es niemanden, der Zeit hat, mit dem Menschen inmitten der Schläuche ein Gespräch zu führen oder auch nur schweigend neben ihm zu sitzen. Wir haben in unserer Gesellschaft keine Zeit und keinen Raum, uns dem Menschen, der aus der Welt geht, zu widmen, seiner Seele und seinem inneren Erleben. Alles ist auf den Körper ausgerichtet.

Ich hätte es vorher niemals für möglich gehalten, wie viele Menschen allein sterben. Manche, weil es keine lebenden Verwandten oder Freunde mehr gibt, aber häufig sind Angehörige auch so zerstritten, so gefangen in ihrer Wut oder Enttäuschung, dass sie sich und dem Sterbenden die letzte Chance auf eine Versöhnung versagen, auf diesen unwiederbringlichsten aller Momente im Leben. Ich wünsche mir sehr, dass wir erkennen, welche große Friedensmöglichkeit in einem Abschied liegen kann.

Mein eigenes Sterben erträume ich mir im Kreis meiner Angehörigen und Freunde. Ich träume davon, mich bei ihnen bedanken zu können und die schönsten gemeinsamen Erinnerungen mit ihnen auszutauschen. Danach soll es eine Feier geben, mit Musik, gutem Essen und Trinken. Das Requiem für die Trauerfeier habe ich schon ausgesucht.

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