Es ist spät geworden auf der Terrasse des Ritz Carlton in Sarasota, ein leichter Wind geht. Seit Monaten schon waren wir verabredet, um über die letzten rund zehn Jahre zu sprechen, seit Jürgen Klinsmann im Jahr 2004 die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als Trainerneuling übernommen hatte. Seither ist viel passiert: 2006 trat Klinsmann nach dem "Sommermärchen" von seinem Amt zurück. Seit 2011 ist der 49-Jährige Trainer der Nationalmannschaft der USA . Dazwischen lag eine kurze, ungemütliche Zeit als Trainer des FC Bayern München. Eigentlich müsste man jetzt hier, in Florida, über die schicksalshafte Fügung sprechen, die Klinsmann, den US-Coach, nächstes Jahr bei der WM in Brasilien mit seiner Mannschaft auf Deutschland treffen lässt, auf die Erben des "Sommermärchens", und auf seinen früheren Assistenten und Nachfolger Joachim, "Jogi" Löw.

Doch es gibt Wichtigeres. Keine Figur im deutschen Fußball polarisiert bis heute mehr als Jürgen Klinsmann. In seiner Zeit als Bundestrainer schon hat er Fußballdeutschland gespalten. Manchem galt Klinsmann als autistischer Einzelgänger – von Taktik keine Ahnung. Andere sehen in ihm den charismatischen Revolutionär, den unerhörten Propheten und wahren Erneuerer des deutschen Fußballs. Den Bayern-Bossen gilt der Stuttgarter als Blender, der den Verein beinahe in den Ruin getrieben hätte. Unverdächtige Quellen belegen allerdings, dass Klinsmann es war, der heutigen Bayern-Ikonen zu ihrem ersten Einsatz im Profiteam (Thomas Müller) oder ihrem ersten Profivertrag (Holger Badstuber) verhalf. Schließlich: Statt bei einem der ihn umwerbenden europäischen Champions-League-Clubs zu unterschreiben, verlängerte Klinsmann gerade seinen Vertrag als US-Trainer um vier Jahre. Es sind also noch Fragen offen: Warum, zum Teufel, hat er nach dem Triumph 2006 so fluchtartig das Land verlassen? Warum hat er sich mit den Bayern eingelassen, wo er sie doch alle kannte? Und überhaupt: Warum noch länger Amerika?

Hier muss vorausgeschickt werden, dass Jürgen Klinsmann in all den Jahren, in denen wir uns immer wieder begegnet sind, nicht gern auf Jürgen Klinsmann zu sprechen kam, jedenfalls nicht auf den wahren Jürgen Klinsmann. Lieber verbreitete er sich über seine Arbeit, seine Spieler, seine "Projekte". Statt "ich" sagte er "wir".

Am Nachmittag war Klinsmann in Tampa eingetroffen, die nächsten Tage will er Länderspiele der Jugendnationalmannschaften besuchen, dazu den sogenannten Showcase, ein Turnier von insgesamt 80 der besten Jugendmannschaften, die sich auf einem riesigen Gelände eine Autostunde entfernt von Tampa auf 20 Fußballfeldern präsentieren. Im Mietwagen geht es vom Flughafen zum U-17-Länderspiel: Gelegenheit für ein paar Sätze zur WM-Auslosung.

"Egal, was bei der WM passiert, meine Freundschaft zu Jogi wird davon nicht berührt werden", sagt Klinsmann. Egal, was passiert? Rechnet er ernsthaft damit, die Deutschen schlagen zu können? "Unser Endspiel findet am ersten Gruppen-Spieltag gegen Ghana statt", sagt er, "die müssen wir schlagen, dann ist alles möglich."

Als Klinsmann den Wagen auf den Parkplatz am U-17-Länderspiel-Gelände steuert, werden wir aufgehalten. "I’m the national coach", stellt Klinsmann sich dem Parkwächter höflich vor. Der räumt daraufhin ein paar rot-weiße Hütchen weg. Der National Coach steht dann weitgehend unbeachtet im Halbschatten, den die Flutlichtmasten werfen, kaum einer kümmert sich hier um den Taktgeber eines Sports, der, so Klinsmann selbst, nach Football, Basketball und Baseball "eben nur die Nummer vier ist". Das Spiel ist vorbei, das US-Team hat die Engländer überlegen mit 5 : 1 geschlagen. Und während die Besiegten sofort in den Umkleide-Containern verschwinden, spielt sich auf dem Rasen etwas ab, was mehr über Klinsmanns Einfluss sagt als alle grußlos vorbeiziehenden Fans und ahnungslosen Parkwächter: Grüne, elastische Bänder um ihre Füße gelegt, dehnen und strecken sich die amerikanischen Spieler, am Boden liegend, angeleitet von zwei Fitnesstrainern.

Fitnesstrainer! Da war doch was! In der Tat: Als Klinsmann 2004 in Deutschland das Fußballkommando übernahm, ließ er einige amerikanische Fitnessexperten der Firma Athletes’ Performance aus Arizona einfliegen. Mit noch nie gesehenen Choreografien trugen sie Klinsmann auf dem Boulevard Hohn und Spott ("Gummitwist") ein. Wenig später stießen ihre Übungen dann auf allgemeine Beachtung. Heute schließlich sind ihre Praktiken in nahezu allen Spitzenvereinen State of the Art.

"Mit einigen Jungs von Athletes’ Performance sind wir dabei, bis in die Jugend die Philosophie im Leistungsbereich grundlegend zu erneuern", sagt Klinsmann, während die jungen Talente sich biegen. Da sind sie wieder, die Klinsmann-Vokabeln, mit denen er auch 2004 in Deutschland Fußballgeschichte schrieb: "Philosophie", "Leistungsbereich". "Grundlegende Erneuerung". Weiter geht es: "Wir versuchen in vielen Workshops die Trainingsarbeit zu vereinheitlichen." Und: "Ich habe hier, als ich anfing, eine ›Kultur der Zufriedenheit‹ vorgefunden, da musste ich erst mal einige Dinge grundlegend verändern." Kultur der Zufriedenheit. Klingt eigentlich ganz nett. In Verbindung mit der klassischen Klinsmann-Wortkombination "grundlegend verändern" verhieß dies, besonders für etablierte US-Kräfte, nichts Gutes. Klinsmann bestätigt: "Es gab auch hier über Jahre gewachsene Besitzansprüche. Als ich anfing, habe ich allen gesagt: Was war, gilt nichts mehr, es gilt nur noch Leistung." Bewährte deutsche Fußball-Ikonen wie Christian Wörns und Oliver Kahn, die Klinsmann damals ins zweite, dritte Glied verfrachtete, werden sich erinnern.