In Indien gibt es eine neue politische Hoffnung. Sie heißt AAP, "Aam Aadmi Party" – das bedeutet so viel wie "Partei des gemeinen Mannes", der kleinen Leute also, der normalen Menschen. Entstanden aus einer Protestbewegung gegen die allgegenwärtige Korruption, ist die AAP Anfang Dezember bei den Regionalwahlen in Delhi auf einen Schlag sensationell stark geworden und wird die Metropole tatsächlich regieren. Sie hat ein echtes Demokratiewunder vollbracht: eine politikmüde Bevölkerung mobilisiert, die Armen und das Bürgertum gleichermaßen erreicht, die Kasten- und Religionsgrenzen überwunden, die sonst in Indien die Gesellschaft zerschneiden. Das nationale Parlament hat gerade in völlig untypischer Eile ein vorher endlos aufgeschobenes Gesetz zur Einrichtung einer unabhängigen Untersuchungskommission gegen Bestechlichkeit beschlossen – kaum vorstellbar ohne die Angst der etablierten Parteien vor den Erfolgen der AAP. Wenn es gut läuft, erleben wir einen Reformaufbruch in einer Milliardennation, einen Ermutigungsschub für die Sache der Demokratie weltweit.

Oder es läuft schlecht. Die AAP kann selbst in Korruption versacken oder sich als dilettantisch erweisen; zu viel versprochen (halbierte Stromkosten, freie Wasserversorgung) hat sie schon. Die Sehnsucht der "kleinen Leute" nach dem großen Aufräumen und Saubermachen kann populistisch, sogar barbarisch werden, achtlos für Recht und Verfassung. Sie kann auch einfach in sich zusammenfallen, weil die Müdigkeit am Ende stärker bleibt als Zorn oder Enthusiasmus.

Die Frage ist, worauf man setzen will, auf das Abenteuer oder auf den Status quo. Nicht im Sinne einer Prognose; das ist auch eine wichtige Frage, aber nicht die erste und nicht die letzte. Sondern im Sinne der Perspektive: Was ist der bessere, lohnendere, fruchtbarere Blickwinkel auf Politik und Geschichte - ein Idealismus, der damit rechnen muss, zu scheitern? Oder ein Realismus, der das Scheitern immer schon eingerechnet hat und keine Überraschungen mehr erwartet, jedenfalls keine glücklichen? Suchen wir das Neue oder das ewig Gleiche?

Es ist eine Frage für Bürger und Politiker, denn sie müssen sich entscheiden, ob Optimismus oder Resignation ihr Handeln leiten soll. Es ist aber auch eine Frage für den Betrachter, den Journalisten oder den Zeitungsleser: Wie sehr soll ich, wie viel darf ich mithoffen?

In den vergangenen Jahren gab es zwei große Hoffnungen in der Weltpolitik. Die eine war Barack Obama. Er hat die globale Fantasie wie sonst kein "normaler", gewählter Politiker seit John F. Kennedy beflügelt (Widerstandskämpfer und Freiheitshelden wie Nelson Mandela fallen in eine andere Kategorie). Die Obama-Hoffnung war so intensiv, weil sie einfach und reich zugleich war, weil sie gewissermaßen für jeden Geschmack etwas bot: die bildkräftige Symbolik des ersten schwarzen US-Präsidenten ebenso wie einen ganzen Katalog von historischen Verheißungen, von einem sozialeren Amerika bis zu einer vernünftigeren, friedlicheren internationalen Ordnung. Obama verkörperte die Hoffnung auf eine andere Art Macht und darauf, dass ihr die Zukunft gehören würde: weniger aggressiv, weniger dumm, weniger befehlshaberisch. Und trotzdem mächtig.

Die andere große Hoffnung war der Arabische Frühling. Sein Zauber lag in der Erinnerung an die Revolution von 1989, die in Ost- und Mitteleuropa den Kommunismus erledigt hatte. So wie die einstigen Militärdiktaturen Lateinamerikas und wie die Länder des früheren Sowjet-Blocks sollten jetzt auch die Tunesier, Ägypter und Libyer, die Syrer und eines Tages die Saudis ihre politische Selbstbestimmung erkämpfen. In dieser Hoffnung lag nicht nur ein Urteil über die brutalen und untüchtigen Regime der Region. Sondern darin steckte zugleich eine geschichtsphilosophische, über die Region weit hinausreichende Annahme: dass die Demokratie am Ende überall siegreich und dass ihr Sieg eine gute Sache sein würde. Nach Jahren des Selbstzweifels schienen die Ideale des Westens wieder universal zu gelten; wenn Freiheit und Menschenrechte sich in Kairo durchsetzten, dann mussten sie eines Tages auch Peking erreichen.

Man riskiert nicht viel mit der These, dass beide Hoffnungen getrogen haben. Barack Obama wirkt heute wie ein mittelguter Präsident auf höchstem Niveau, der die USA anständig durch die Finanz- und Wirtschaftskrise gebracht, aber sein Land nicht tiefgreifend verändert hat, noch weniger die Welt. Nicht eine andere Art Macht ist es, die er oft ausstrahlt, sondern Hilflosigkeit – von den peinlichen Internet-Pannen, die den Start seines Krankenversicherungsprojekts gelähmt haben, bis zur fast schon provozierenden Untätigkeit im Angesicht des Blutvergießens in Syrien. Und wer die USA für imperialistisch hielt, der wird sie unter Obama immer noch imperialistisch finden, nur mit Drohnenkrieg und NSA-Überwachung in einer modernisierten, unpersönlich-technologischen Form.

Die arabischen Revolutionen wiederum würden viele inzwischen wahrscheinlich am liebsten rückgängig machen. Der kurze Augenblick, in dem die Staaten des Nahen und Mittleren Ostens ihr schlechtes Image ablegen konnten, in dem die Menschen dort einmal nicht als ewig Beleidigte oder als Terrorverdächtige sichtbar wurden, sondern als Bürger mit Würde und Mut – dieser Augenblick ist vorbei. Die Region gilt wieder als hoffnungsloser Fall, nur jetzt mit noch mehr Fanatismus und Gewalt. Waren die Mubaraks dieser Welt nicht immer noch besser als das heutige Durcheinander von Stammeswesen, Bürgerkrieg, Religionshass und militärischer Konterrevolution? Ist die Demokratie vielleicht keineswegs automatisch ein Segen, sondern in den Händen der falschen, ungebildeten, verhetzten Leute im Gegenteil höchst gefährlich?

Man kann auf die Enttäuschung mit Gegenrechnungen antworten. Dann wird man etwa sagen, dass Barack Obama die Vereinigten Staaten gegen den Dauerwiderstand einer radikalisierten, unberechenbaren und zerstörerischen Opposition politisch rational gehalten hat – eine gewaltige Leistung. Oder man wird zu bedenken geben, dass die arabischen Revolutionen nicht nur die Muslimbrüder-Pleite in Ägypten hervorgebracht haben, sondern auch den weitgehend friedlichen Wandel in Tunesien.