Früher, vor der Bahnreform, war alles besser. Stimmt doch – oder? Wir brauchen jedenfalls keine Studien, um zu wissen, wie es dieser Tage in vielen Großraumwagen der Deutschen Bahn aussieht: Jeder Sitzplatz belegt, Stehende in den Gängen, kippelnde Koffer vor den Türen, das Bordbistro hat zu, nicht mal der mobile Brezenverkäufer aus Göttingen kommt durch, und alle kampflos erreichbaren Toiletten sind abgesperrt, defekt oder beides. Wenn dann der Zug noch auf freier Strecke "wegen einer technischen Störung" stoppt, kommt auch leidgeprüften Pendlern die Galle hoch. Und schnell ist klar, wer Schuld hat: erstens der Bahnchef, der gefühlt immer noch Mehdorn heißt, und zweitens die ganze Schnapsidee von Bahnreform, mit der man vor genau 20 Jahren aus einem hochdefizitären Behördenapparat ein blühendes Unternehmen machen wollte. Dass das bis heute nicht gelang, ist bekannt.

Also: War es nicht Wahnsinn, für den ganzen Schlamassel die gute alte Bahn abzuschaffen, bei der, wir erinnern uns gerne, doch vieles einwandfrei lief? Jene Deutsche Bundesbahn, die bekanntermaßen stets pünktlich auf die Minute war und vorbereitet auf jede Eventualität, auf Feiertage genauso wie auf Frühling, Sommer, Herbst und Winter, getreu ihrem Slogan: "Alle reden vom Wetter. Wir nicht." Das waren noch Zeiten.

Obwohl: Je weiter man jedenfalls das selige Angedenken treibt, desto näher rücken auch Erinnerungen, die man offenbar bis eben noch glücklich verdrängt hat. Musste man nicht, bevor man einen der legendären D-Züge oder Intercitys betreten durfte, erst die Begegnung mit dem Schalterbeamten hinter sich bringen? In der Regel ein Mann, der auf Freundlichkeit wenig Wert legte, war doch der Kunde für ihn lediglich ein "Beförderungsfall". Und da das dicke Glas seines Schalters ihn vor dem Zorn auch noch so vieler Beförderungsfälle schützte, fand er nichts dabei, die messingfarbene Sprechklappe genau in dem Augenblick vor unserer Nase zuzuschlagen, in dem der Sekundenzeiger auf 12 sprang und es Zeit für seine Pause war. Am Nebenschalter durften wir dann eine weitere Stunde anstehen, denn mysteriöserweise waren die Warteschlangen, bevor im Zuge der Reform 150 000 Stellen abgebaut wurden, schon mindestens genauso lang wie danach. Und damals konnte man weder an einen Automaten ausweichen noch via Internet buchen.

Aber dann, der Zug! Romantische, mit Holzimitat ausgekleidete Sechserabteile. Vorhänge vor Fenstern und Türen, die tatsächlich Schutz gegen Blicke und stechende Sonne boten. Eine Heizung, die kein labiler Bordcomputer regulierte, sondern die man selber per Drehrad bedienen durfte. Die Frage der korrekten Temperatur sorgte winters für jede Menge Gesprächsstoff zwischen fröstelnden Gangplatzsitzern und schwitzenden Fensterplatzsitzern. Erfahrene Bahnreisende trösteten sich damit, dass das Drehrad häufig genauso wirkungslos war wie die Regler über der Abteiltür, mit denen sich angeblich die Helligkeit der Beleuchtung und die Lautstärke der Durchsagen einstellen ließen.

Zusammengeschobene Sitze machten manche Reise zum erotischen Erlebnis

Trotzdem: Die Bahn gab einem damals zumindest das Gefühl, sein Schicksal selbst im Griff zu haben. Und falls das nicht der Fall war, weil man zum Beispiel als Nichtraucher nur noch einen Platz im Raucherabteil gefunden hatte, dann konnte man immer noch eigenhändig das Fenster öffnen. Außerdem ließen sich – Höhepunkt der Gestaltungsmöglichkeiten! – die plüschigen Sitze des Abteils für Nachtfahrten zu einer großen Liegefläche zusammenschieben. Vorausgesetzt, alle im Abteil waren einverstanden, kam es so für einen ganz normalen Fahrpreis zu einem außerordentlichen, mitunter sogar sehr erotischen Reiseerlebnis. Zumindest wurde man kräftig durchgeschüttelt.

Denn trotz aller Freuden der Freiheit und bei aller Liebe zur Bahn: Der Zustand des Gleisnetzes war vor 20 Jahren tatsächlich schlecht. Auch viele Bahnhöfe befanden sich in unterschiedlichsten Stadien der Verkommenheit. Diesen Punkt ging die Bahnspitze bei der Reform immerhin an, leider vor allem durch die Stilllegung zahlreicher Bahnhöfe. Das Gleisnetz dagegen wurde, wo die Strecken erhalten blieben, behandelt, als stünde es unter Denkmalschutz.