DIE ZEIT:Europa gleicht zum Beginn des neuen Jahres einer wüsten Dauerbaustelle. Gibt es für Sie Neues auf dieser Baustelle?

Julia Kristeva: Wenn ich meine Studenten sehe, habe ich eine neue Spezies vor Augen, die jetzt entsteht, sie bilden ein europäisches Subjekt aus vielen Klängen, sind mehrsprachige Bürger eines multinationalen Europas, aufgeschlossen in ihrer Art zu leben, die Orte zu wechseln und theoretisch zu denken. Als europäische Bürgerin französischer Staatsangehörigkeit und bulgarischer Herkunft sehe ich in diesen Kindern, die Kaleidoskopen gleichen, eine neue Offenheit. Die kennen andere Weltregionen so nicht, und nach der sehnen sie sich. Diese Studenten sind der Trumpf des Kontinents und einer Kultur, die stolz auf sich sein kann.

ZEIT: Stolz warum und worauf?

Kristeva: Wir haben Grund zum Stolz auf die europäische Auffassung von Freiheit. Die europäische Kultur hat eine Leidenschaft dafür, den großen Ernst in offene Fragen zu verwandeln. Sie liebt das Fragezeichen. Vielleicht sind wir Europäer in einer Zeit des Wettens angekommen, in der wir darauf setzen, dass es eine fortgesetzte Erneuerung der menschlichen Fähigkeiten gibt, gemeinsam zu wissen und zu glauben. Das vielsprachige Europa kultiviert nicht die Identität, um die andere Kulturen ringen, sondern die Identität ist in Europa ein Gegenstand fortgesetzter, unabschließbarer Suche.

ZEIT: Der Suche wonach?

Kristeva: Europäer suchen nach Antwort auf die Frage: Wer bin ich? Sie findet sich überall, ob nun in den sokratischen Dialogen oder im mittelalterlichen Epos des suchenden Ritters, ob in der Feststellung des Kirchenvaters Augustinus, er sei sich selbst zur Frage geworden, oder ob in der Renaissance bei Michel de Montaigne, der den Menschen für eine Komposition beweglicher Bausteine hält. Europa steht nicht fest, es befindet sich in ständiger Übersetzung. Die Übersetzung ist eine Muttersprache. Lebendig ist Europa, wenn es sich selbst fremd ist. Es ist eine Föderation von Fremden, die einander respektieren.

ZEIT: Die Welt wundert sich über ein zersplittertes, unsicheres Europa, das der Globalisierung kaum standhält.

Kristeva: Ich meine, die Welt braucht dieses Europa. Das erfahre ich, egal ob ich an brasilianischen oder chinesischen Universitäten zu Gast bin. Überall begegnet mir die Frage, wie man Studenten zu offenen, fragenden Menschen ausbilden kann, mit Respekt vor dem Fremden. Die Welt sehnt sich nach diesen kulturellen Eigenschaften Europas, die in seiner Vielsprachigkeit, Diversität und damit seiner Freiheit wurzeln, die Identität fortgesetzt infrage zu stellen. Aber das politische und ökonomische Europa schenkt dieser Kultur in seinen Verträgen keine Aufmerksamkeit.

ZEIT: Sie sprechen von einer einzigen europäischen Kultur, als sei Europa kein unordentliches Sammelbecken von verschiedenen Nationen mit einer entsetzlichen Gewaltgeschichte.

Kristeva: Ich spreche von jenem Wunder, das auf der Grundlage der Bibel, dreier Weltreligionen und der griechischen Antike in einem weiten Bogen das Mittelalter der Kathedralen, die Aufklärung, die Menschenrechte umfasst, das von den Gesetzestafeln über den Parthenontempel und das Kolosseum, Bethlehem und Golgatha führt, zu Notre-Dame und dem Louvre, dem Britischen Museum, zu Dante, Shakespeare, Rabelais, Cervantes, Goethe ... Es ist eine endlose, unaufzählbare Geschichte ...

ZEIT: ... verwoben in eine Geschichte auch der Gewalt und der Schuld ...

Kristeva: Ja, sie wurde durch die Geschichte der Verbrechen, der Inquisition, der Pogrome, der Schoah, der Kriege verdrängt, aber erst wenn Europa sich nicht nur an seine Schuld, sondern auch an seine Kultur erinnert, kann eine Art Wiedergeburt möglich werden, die eine Stärkung in der Globalisierung bedeutet.

ZEIT: Dieses Europa ist aber gerade dabei, sich in der Krise zu renationalisieren. Fragt man Franzosen und Deutsche nach der europäischen Kultur, wie es in einer Studie getan wurde, so sagen sie, Europas Kultur sei eine Addition nationaler Kulturen.

Kristeva: Ich setze mich deshalb für die Gründung einer Académie de la Culture Européenne ein, die wie ein Blumenstrauß die europäischen Nationalkulturen umfassen und deren Wertschätzung mit Debatten um das Gemeinsame unseres melting pot verknüpfen würde. Anders als manche europäische Linke sehe ich im Nationalen durchaus auch Grund zum Stolz. Ein begründetes nationales Selbstbewusstsein kann wie ein Antidepressivum wirken. Wir müssten in einer solchen europäischen Kulturakademie ebenso am Unterschied wie an der Gemeinsamkeit arbeiten. In Ausstellungen, Bildungsprogrammen, in einer europäischen Öffentlichkeit eben. Der europäische Humanismus ist ein permanenter Neugründungsprozess.