DIE ZEIT: Herr Koolhaas, sind Sie eigentlich ein holländischer oder ein europäischer Architekt?

Rem Koolhaas: Wäre ich immer noch ein holländischer Architekt, ich glaube, ich würde eingehen vor Scham. Nein, ich bin überglücklich, dass ich zu einem europäischen Architekten werden konnte und das Holländische an mir nicht mehr so wichtig ist. Wenn ich zum Beispiel in China arbeite, werde ich selbstverständlich als Europäer, nicht als Holländer angesehen. Andererseits (er lacht) würde ich gar nicht behaupten wollen, tatsächlich ein europäisches Architekturbüro zu betreiben.

ZEIT: Warum das nicht?

Koolhaas: Ach, dafür ist das Baugeschäft zu international. Und schauen Sie sich mal bei uns im Büro um, da arbeiten Architekten aus Syrien, Japan und vielen anderen Ländern. Die erweitern unseren europäischen Horizont ungemein.

ZEIT: Inwiefern?

Koolhaas: Man kann sich ja fragen, was zeichnet einen Europäer eigentlich aus. Und da würde ich sagen: Er zeichnet sich im Moment vor allem dadurch aus, dass er nicht viel von Europa hält. Es gibt keinen Europastolz, auch unter Intellektuellen nicht. Wirklich absurd, denn reisen Sie mal nach Asien oder Afrika – Sie werden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Dort hält man sehr viel mehr von Europa als die Europäer selbst!

ZEIT: Ließe sich das ändern? Wie könnte Europa den Europäern wichtiger werden?

Koolhaas: Es ändert sich ja gerade, nur wollen das viele nicht sehen.

ZEIT: Sie meinen, durch die ökonomische Krise der letzten Jahre?

Koolhaas: Ja, ich glaube, Europa ist in gewisser Weise gestärkt aus dieser Krise hervorgegangen, und zwar paradoxerweise deshalb, weil es sich selbst jetzt realistischer sieht als zuvor. Jetzt ist für alle offenkundig, wie verletzlich die Gemeinschaft ist. Europa hielt sich ja lange für etwas Besseres, man meinte, die Moral auf seiner Seite zu haben. Immer hieß es, wir müssen unsere Werte verteidigen. Europa verschanzte sich hinter einer sehr hohen moralischen Mauer.

ZEIT: Und die bröckelt jetzt? Und damit auch die oft beschworene europäische Wertegemeinschaft?

Koolhaas: Nein, so meine ich das nicht. Nur das falsche Überlegenheitsgefühl geht verloren, ein Moralismus, der bislang verhinderte, dass sich Europäer stärker auf andere Teile der Welt einlassen. Sie hatten sich in ihren Vorurteilen gemütlich eingerichtet – und nicht zuletzt das hat dazu geführt, dass sich Europa selbst so wenig versteht und achtet.

ZEIT: Sie meinen, erst im offenen Austausch mit dem Rest der Welt wird die eigene Identität erkennbar?

Koolhaas: Bislang ist unsere Vorstellung von uns selbst sehr begrenzt. Und vielleicht ist auch deshalb diese Frage nach der Identität so typisch europäisch. Dabei gibt es doch nicht den geringsten Zweifel an der Identität Berlins, der Identität Amsterdams oder anderer Städte. Es gibt so viele Identitäten in Europa, wir ertrinken fast darin.

ZEIT: Dennoch gibt es das Bedürfnis nach europäischer Identität, nach einem geteilten Zentrum.

Koolhaas: Ja, das ist so ähnlich wie mit dem Narrativ, das sich viele wünschen. Immer wieder hört man, Europa brauche dringend eine neue große Erzählung über sich selbst. Aber so etwas lässt sich nicht erfinden, dabei käme nur etwas sehr Künstliches heraus.

ZEIT: Was also tun?

Koolhaas: Ich finde, wir Europäer brauchen mehr Geduld. Das ist so wie bei einer neuen Parkanlage. In der sieht anfangs auch alles noch ein wenig kahl und unfertig aus. Es nützt aber nichts, sich darüber zu beschweren. Man muss warten können, bis sich die Pflanzen entwickelt haben. Und dass sich in Europa etwas entwickelt – und zwar in rasendem Tempo –, wird wohl niemand bezweifeln.