Die Späher

Wie gern hätte Jonas Boldt Edinson Cavani in Leverkusen spielen gesehen – jenen technisch versierten Mittelstürmer mit braunen, kinnlangen Locken und Kinnbart, dessen Auftritte er von der uruguayischen U 20 an kontinuierlich verfolgt hat. Cavani wechselte stattdessen zunächst zu US Palermo nach Italien und nun für noch mehr Geld zu Paris Saint-Germain. So was muss man als Scout so schnell abhaken wie ein dusseliges Gegentor. Das fällt Boldt jedoch nicht immer leicht, "vor allem dann nicht, wenn der Spieler im anderen Verein permanent Tore schießt".

Jonas Boldt, 31, arbeitet für den Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen. Seine Aufgabe besteht darin, Talente zu sichten. Es geht um Fußball, rund um die Uhr, quer durch alle Zeitzonen. Boldt wird von einem Entdeckergeist getrieben. Er sagt: "Ich habe eine Vision von einem jungen Spieler und möchte sehen, ob die eines Tages mal Wirklichkeit wird. Das liegt vielleicht auch ein wenig in der männlichen Natur."

Es gibt viele gebrauchte Tage im Leben von Jonas Boldt. Manchmal landet er am Ende einer langen Dienstreise auf einer zugigen Tribüne in der Slowakei oder am Stadtrand von Zagreb. Nicht immer erhält er einen Sitzplatz mit ausklappbarer Tischplatte, dann notiert er seine Beobachtungen auf dem Schoß, oft ist es kalt und windig in den Arenen. Manchmal erfährt er erst beim Blick auf die Mannschaftsaufstellungen kurz vor dem Spiel, dass der Athlet, den er sich genauer anschauen will, an dem Tag nicht spielt. "Das ist dann richtig frustrierend", sagt Boldt. Für einen wie ihn gibt es trotzdem keine andere Option. Er muss auch beim nächsten Mal wieder den weiten Weg reisen. Im Schnitt schaut sich Boldt 250 Spiele pro Jahr live an.

Verschwiegenheit ist das erste Gebot in der Welt der Scouts

Talentspäher – so lautete die Jobbezeichnung zu der Zeit, als die Tore noch aus weißen Holzbalken waren und die Bundesliga samstags von Ernst Huberty, dem jovialen ARD- Sportschau- Onkel, verkörpert wurde. Inzwischen spricht man weltläufiger von Scouting und Scouts. Der Markt für Berufsfußballer ist längst ein globaler, entsprechend hart wird er umkämpft und bis ins kleinste Detail professionalisiert. Die Bedeutung von Scouting-Abteilungen nahm im Laufe der vergangenen Jahre immer mehr zu. Ein Profiverein kann nur dann über einen längeren Zeitraum erfolgreich spielen, wenn sein Kader fortlaufend mit den richtigen Talenten erneuert wird. Die Neuankömmlinge müssen nicht nur spielerisch, sondern auch menschlich in das bestehende Team passen.

Viele Vereine schirmen ihre Scouting-Abteilung wie eine Geheimdienstzentrale ab. Zu groß ist offenbar die Angst, die Konkurrenz könne ihre Arbeitsweise erfahren und diese kopieren. Borussia Dortmund wollte auf Anfrage für diesen Artikel keine Details über sein Scouting-Netz preisgeben, Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach lehnten auch ab. Nur Bayer Leverkusen machte für die ZEIT eine Ausnahme und lässt auf diese Weise einen Blick in eine Welt zu, die Journalisten und Fans in der Regel verschlossen bleibt.

Es ist die Welt von Jonas Boldt und seinen Mitarbeitern. Permanent studieren sie die Spieler gegnerischer Mannschaften, stellen Spielausschnitte mit besonderen Stärken und Schwächen der Mannschaft auf Videomitschnitten für den Trainerstab zusammen. Und sichten im Jugendbereich, bis hinunter zu den Zwölfjährigen, um auffällige Talente zur eigenen Nachwuchsabteilung zu holen. Scouts beobachten Profispieler zwischen Montevideo in Uruguay und Machatschkala in Russland, begleiten sie über mehrere Monate, treffen sich mit ihnen und ihren Familien und führen lange Gespräche, um die persönlichen Hintergründe kennenzulernen. Der Prozess bis zum Vertragsabschluss zieht sich manchmal über Jahre hin.

Wie Spinnen ziehen die Späher mittlerweile ihr Netz quer über Europa, Südamerika, Afrika und Asien – jedes Netz aus tausend Fäden. An jedem beliebigen Spieltag sitzen zwanzig bis hundert Scouts auf den Tribünen internationaler Erst-, Zweit- und Drittligaklubs. Sie arbeiten wie Geheimdienstmitarbeiter inkognito, sitzen zwischen den Journalisten auf der Pressetribüne, verhalten sich dezent, um unbemerkt Ballbehandlung, Laufbereitschaft, Dribbling, Tempo und Spielauffassung zu scannen und nach einem Benotungssystem festzuhalten. In der Halbzeit schauen sie sich Videos eines auffälligen Spielers an, um seinen Eindruck zu hinterfragen. Jonas Boldt sendet seine Notizen per E-Mail an seine Kollegen in Leverkusen, die tragen sie dann in eine selbst entwickelte Datenbank ein. Er lässt manchmal ein paar Tage verstreichen, bevor er eine finale Einschätzung abgibt. Es kommt vor, dass er im ersten Moment, von der Atmosphäre beeinflusst, zu emotional bewertet. Natürlich könnte er sich die Spiele auch im Fernsehen anschauen, Bayer hat jedoch noch nie einen Spieler verpflichtet, ohne ihn im Stadion beobachtet zu haben. Nur dort können Boldt und seine Mitarbeiter sehen, wie ein Spieler mit Druck umgeht oder auf äußere Umstände wie eine widrige Witterung reagiert.

Edinson Cavani konnte Boldt nicht für Leverkusen gewinnen. Dafür verpflichtete der Klub trotz potenter Mitbewerber im vergangenen Sommer Giulio Donati. Der rechte Verteidiger aus Italiens U-21-Team wurde von Inter Mailand auf Leihbasis in Grosseto versteckt. Seitdem Scouts ausschwärmen, werden Spieler, die noch nicht gut genug für die erste Mannschaft sind, aber Potenzial besitzen, auf diese Weise zwischengeparkt. Auch das ist eine Folge des verschärften globalen Konkurrenzkampfes um die besten Spieler, die mitunter wie Schachfiguren hin- und hergeschoben werden.

Jonas Boldt hat das so nicht gekannt, als er noch Torwart in mittleren Amateurligen war. Er konnte keine Profieinsätze vorweisen, als ihn Bayers Sportdirektor Rudi Völler 2009 zu seinem persönlichen Assistenten und zum Leiter der Scouting-Abteilung beförderte. Dafür hatte er Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Sportmanagement studiert und seine Abschlussarbeit über Personal Recruiting im Profifußball verfasst. Während des Studiums absolvierte er zwei Praktika bei Bayer und erhielt danach eine bescheidene Pauschale, um sich während eines Sprachkurses in Buenos Aires nach Spielern umzuschauen. Vormittags Seminar, abends argentinische Liga: So stieß er den Transfer des Chilenen Arturo Vidal an, der zwischen 2007 und 2011 auf Bayer Leverkusens linker Seite im Mittelfeld zu einem der besten Bundesliga-Profis avancierte.

Die besten Scouts scouten

In Leverkusen wurde früher als bei anderen Bundesligisten in weltweites Scouting investiert. Das ist wohl auch der Grund, warum die Verantwortlichen heute offener über ihre Arbeit sprechen. Schon Rudi Völlers Vorgänger Rainer Calmund pflegte gemeinsam mit dem Scouting-Experten Norbert Ziegler, einem ehemaligen Controller aus dem Bayer-Unternehmen, vereinsinterne Spielerdateien. 23 Jahre lang sichtete Ziegler vor allem brasilianische Talente und sicherte Leverkusen mit Spielern wie Zé Roberto und Lúcio den Erfolg. Beide machten anschließend bei Bayern München und in der brasilianischen Nationalmannschaft Karriere.

Heute koordiniert Boldt eine global aufgestellte Scouting-Maschine mit zehn Mitarbeitern, Festangestellten und Honorarkräften. Darunter sind Exprofis wie Thomas Hörster und Stefan Studer oder der Franzose Laurent Busser, der von Hoffenheim nach Leverkusen wechselte. Längst geht es auch darum, die besten Scouts zu scouten, um gegen die Konkurrenz zu bestehen. Boldt sagt: "Ein guter Scout muss eine eigene Idee von der Sache haben. Und das Glück, für einen Verein zu arbeiten, in dem ihm auch jemand zuhört."

Zweitligaklubs wie Bochum müssen aus Geldmangel klüger scouten

Christian Hochstätter arbeitet seit dem Frühsommer als Sportvorstand beim VfL Bochum. Hochstätter muss anders scouten lassen als Rudi Völler. Ein finanziell angeschlagener Zweitligist hat einen bescheideneren Etat fürs Scouting und strengere Vorgaben für seine Späher.

Solange der Verein auf Sanierungskurs ist, kommen fast nur ablösefreie Spieler als Neuerwerb infrage. VfL-Chefscout Uwe Leifeld und seine zwei Kollegen müssen sich um Spieler aus den europäischen Topligen gar nicht erst bemühen. Sie werden kein Großtalent anlocken können. "Wir sind in erster Linie ein Ausbildungsverein", sagt Hochstätter, der bei seinen vorigen Stationen in Hannover und Gladbach großzügiger einkaufen konnte, "das wird auch in den nächsten Jahren unser Weg sein. Dafür haben junge Spieler bei uns die Chance, Spielpraxis zu sammeln und sich dabei optimal zu entwickeln."

Bevor sich die Scouts des VfL Bochum ein Talent aus der Nähe ansehen, informieren sie sich in den einschlägigen Internetforen über dessen Entwicklung und Vertragsfristen. Branchenportale wie transfermarkt.de liefern ihnen aktuelle Einsatz-, Erfolgs- und Verletzungsstatistiken internationaler Talente und halten oft auch noch ausgewählte Spielszenen parat. Neuere Programme wie Scout 7 unterstützen den Verein dabei, Notizen mithilfe von Datenbanken zu pflegen und auszuwerten. Dienstreisen ohne dringende Erfolgsaussicht können sich die Bochumer nicht häufig leisten. Sie orientieren sich nach Westfalen und ins Münsterland oder nach Dänemark, Tschechien sowie Polen und sehen sich im Schnitt drei bis fünf Spiele an.

"Uns geht angesichts des schmalen Budgets sicher mal ein Talent aus Nigeria oder Brasilien durch die Lappen", sagt Uwe Leifeld, "aber es ist sowieso ein großer Vorteil, wenn einer schon in Europa gespielt hat." Ist die Arbeit in Bochum eine viel größere Herausforderung als in einem Eliteverein? Er glaubt schon. "Ich kann keinen Topspieler nach Bochum holen. Also muss ich die Fantasie entwickeln, dass sich der Junge, den ich beobachte, bei uns eventuell noch verbessert."

Leifelds überschaubare Abteilung hat vor Jahren Christian Fuchs im österreichischen Mattersburg entdeckt. Fuchs ist heute Stammspieler auf Schalke. Stanislav Šesták spielte vor seinem Einsatz für Bochum im slowakischen Zilina, heute hoch dotiert in der türkischen Liga. Sprungbrettgeschichten wie diese brachten dem Revierklub enorme Transfergewinne ein. "Sie brauchen in der Zweiten Liga noch mehr Scouting als in der Ersten", sagt Hochstätter. "Wir müssen genauer hinschauen und uns noch schneller entscheiden. Sonst ist der Spieler, den wir haben wollen, schon weg."

Jeder Verein fährt eine andere Scouting-Strategie. Beim Aufsteiger Hertha BSC Berlin leiten nur zwei Angestellte die Scouting-Abteilung, vom Junior- bis zum Profibereich. Die Verantwortlichen des Bundesligisten Mainz 05 suchen vorwiegend im Inland. In Hoffenheim wurde der feste Sichtungsstab sogar wieder verkleinert. In anderen Vereinen werden die Abteilungen dagegen kontinuierlich aufgestockt, ohne dass die Öffentlichkeit Genaueres erfährt.

Scouts dürfen sich nicht von Hypes blenden lassen

Neben Bayer Leverkusen pflegt Borussia Dortmund die professionellste Scouting-Abteilung. Hier kompensieren in dieser Saison die Einkäufe von Pierre-Emerick Aubameyang (AS Saint-Étienne) und von Henrikh Mkhitaryan (Schachtar Donezk) die jüngsten Abgänge von Spielern wie Mario Götze. International gehören der FC Porto, Benfica Lissabon, Udinese Calcio und der FC Sevilla zu Bayers größten Konkurrenten.

In Leverkusen sind Strukturen und Netzwerke über zweieinhalb Jahrzehnte gewachsen, trotzdem darf sich Boldt nicht auf den Erfahrungen ausruhen. Sichtete Bayer früher verstärkt in Brasilien, sind die südamerikanischen Ballkünstler heute in der Liga nicht mehr so gefragt. Die neue Generation deutscher Spieler beherrscht inzwischen auch die Art von filigraner Balltechnik, die noch vor fünf Jahren teuer importiert werden musste.

Jonas Boldt darf sich nicht von Trends treiben lassen. So entdeckten Scouts von Borussia Dortmund im Jahr 2010 den 1,72 Meter kleinen Mittelfeldspieler Shinji Kagawa in der zweiten japanischen Liga. Rund 2,5 Millionen Euro betrug sein Marktwert damals. Zwei Jahre und zwei Meistertitel später verkaufte Dortmund den Japaner für 22 Millionen Euro an Manchester United. Nach seinem Erfolg in Dortmund flogen Scharen von Scouts nach Asien. Bis heute schaffte kein zweiter Kagawa den Durchbruch in der Bundesliga.