Der Kaiser von Mexiko, Erzherzog Ferdinand Maximilian Joseph Maria von Österreich © Hulton Archive/Getty Images

Er trug Sombrero, förderte Kunst und Wissenschaft, wollte Mexiko die europäische Kultur bringen. "Der Kaiser schloss die Augen und fiel von Kugeln durchbohrt langsam rückwärts. Er bewegte noch die Augen und Arme, konnte aber nicht mehr sprechen." So dramatisch schildert der Hofkoch Joseph Tudös die Exekution seines Herrn. Am 19. Juni 1867 starb Erzherzog Maximilian am Glockenhügel von Querétaro. "Einer der Geistlichen trat hinzu und sprengte seinen Körper mit Weihwasser. Ein Soldat schoss ihn durch die Brust, worauf seine Majestät mit der Hand krampfhaft an seinem Rock riss." Die Monarchen in Europa starrten ungläubig über den Atlantik: Als einziger Herrscher der neuen Geschichte ist Maximilian als Kriegsverbrecher angeklagt, verurteilt und hingerichtet worden.

Danach wurde es still um ihn. Bis ihm ein großer, barfüßiger Mitstreiter neues Leben einhauchte. Ohne Schuhe und Streitmacht marschierte dieser Mann wenig später in El Salvador ein. Helle Augen, süddeutscher Akzent, Rauschebart und europäische Manieren. In seinem Besitz Geschirr mit den kaiserlichen Insignien. Maximilian selbst? Und seine Hinrichtung nur ein inszeniertes Schauspiel? Seither geistert der glücklose Habsburger als Untoter durch die Fantasie der Menschen. Nächstes Jahr jährt sich seine Thronbesteigung in Veracruz zum 150. Mal.

In Österreich nahm sich zunächst nur die Fachwelt seiner Person an. Dem breiteren Publikum blieb Maximilian als exotischer Sonderling in Erinnerung – als Protagonist einer jener habsburgischen Familientragödien, die als tragische Anekdote das Publikum unterhalten. Als die These von seinem angeblichen Weiterleben aufkam, beauftragte der ORF eine Redakteurin, sich dem adeligen Zombie an die Fersen zu heften. Erst mehr als zehn Jahre später könnte nun eine internationale TV-Dokumentation Realität werden, die sich der vielfältigen Person Maximilians annimmt, anstatt bloß sein blutiges, Elvis-gleiches Schicksal ausschlachten zu wollen.

Ferdinand Maximilian, geboren 1832 in Wien, ist weit begabter als sein um zwei Jahre älterer Bruder Franz Joseph, der Kaiser, von dem manche sagen, er hätte sein Leben lang nur Beamtenberichte gelesen. Maximilian ist stolz. Und ehrgeizig. Er regiert als Gouverneur von Lombardo-Venetien, bis Österreich das Gebiet im Krieg verliert. Enttäuscht und politisch kaltgestellt, zieht er sich mit seiner Frau Charlotte von Belgien auf Schloss Miramar bei Triest zurück. Er liebt die See. Als Oberbefehlshaber der Marine unternimmt er 1860 eine wissenschaftliche Expedition nach Brasilien, in die hispanische Völkerwelt seiner Jugendliebe.

Als er die Möglichkeit bekommt, aus dem Schatten seines Bruders zu treten, zögert er trotz vieler Warnungen nicht lange. Napoleon III., der aus machtpolitischen Gründen in Mexiko interveniert hat, bietet ihm die Kaiserkrone an. Unter dem Jubel der konservativen europäischen Presse landet er am 28. Mai 1864 in Veracruz. Während der Überfahrt hat er ein Hofzeremoniell entworfen, das über 300 Seiten umfasst. Bereits die Ankunft relativiert diesen Aufwand. Am Kai defiliert nämlich kein Ehrenspalier; bloß windige Gestalten und Bettler tummeln sich dort, die grölend ihre Instrumente malträtieren. Immerhin säumen dichte Trauben von Menschen den Triumphzug nach Mexiko-Stadt. Das aber auch nur, weil Geistliche sie zusammengetrommelt haben.

Weil er an Tripper leidet, kann Maximilian keinen Thronfolger zeugen. Also adoptiert er einen Enkel des ersten Kaisers von Mexiko, des 1824 erschossenen Iturbide. Das gefällt seiner Frau überhaupt nicht. Zudem verteidigt er seinen Ruf als Schürzenjäger hartnäckig und trinkt Champagner, viel Champagner. Charlotte verließ ihren Gemahl schließlich 1866 Richtung Europa.

Politisch findet sich Maximilian in einem Bürgerkrieg zwischen liberalen und konservativen Kräften wieder. Seine idealistischen Vorstellungen münden in zahlreiche gut gemeinte, aber meist völlig wirkungslose Gesetze. Als die USA den Druck auf die monarchischen Invasoren in ihrem Hinterhof erhöhen und den Europäern die Rute ins Fenster stellen, zieht Napoleon III. seine Truppen ab. Benito Juárez, die Lichtgestalt der Liberalen, nimmt Maximilian nach der Belagerung von Querétaro gefangen – und macht kurzen Prozess. Kurz zuvor hatte Mexiko die Hälfte seines Territoriums an die USA verloren, nun gelingt es zum ersten Mal, einen Eindringling aus dem Land zu werfen. Ein Feiertag für die Mexikaner.

"Justo Armas" - ein Verrückter, ein origineller Trittbrettfahrer?

Der Leichnam wird einbalsamiert und fotografiert. Erst nach langen Verhandlungen kann Vizeadmiral von Tegetthoff die vom Transport stark beschädigte Leiche in Empfang nehmen und bestätigen, dass es sich um den Erzherzog handelt. "Das ist nicht mein Sohn!", ruft hingegen seine Mutter Sophie aus, als sie sieben Monate nach der Hinrichtung in Wien in den Sarg blickt.

Bald kursieren erste Gerüchte. Und wahrscheinlich schon 1868 taucht ein Mann in El Salvador auf, der sich "Justo Armas" nennt – was offenbar einem Kommuniqué von Juárez nachempfunden ist, das er nach Maximilians Hinrichtung herausgegeben hat: Diesem sei, wie er darin schrieb, Gerechtigkeit durch die Waffen zuteil geworden (había sido pasado justo por las armas). Zeitungen berichten über den kahlköpfigen Mann. Er habe Schiffbruch erlitten, erzählt er, deshalb wolle er den Boden unter den Füßen spüren und nie wieder Schuhe tragen. El Salvadors Vizepräsident Gregorio Arbizú nimmt ihn in der Familie auf, die Beziehungen mit Mexiko sind gut. Justo Armas richtet Bankette aus, berät Politiker und Vertreter der hohen Gesellschaft. Bis 1936 lebt er in El Salvador – zu diesem Zeitpunkt wäre Maximilian 104 Jahre alt gewesen.

War er ein Verrückter, ein origineller Trittbrettfahrer? Manche behaupteten, es handle sich um Erzherzog Johann Salvator, den abtrünnigen Habsburger, der seit einem Schiffsunglück vor Kap Hoorn vermisst wurde. Doch dieses fand erst 1890 statt, Jahre, nachdem Justo Armas aufgetaucht war. Auch Kronprinz Rudolf konnte es, wie ebenfalls vermutet wurde, nicht gewesen sein. Der hatte sich schon 1889 mit einer Pistole in den Kopf geschossen. Nein, behauptete der salvadorianische Architekt und Hobbyhistoriker Rolando Deneke: Es müsse Maximilian gewesen sein.

Vor seiner Hinrichtung hätte er mehrmals die Möglichkeit zur Flucht gehabt, das erschien Deneke komisch. Zudem sei Maximilian Freimaurer gewesen wie sein Henker Juárez. Viele weitere Indizien sollen belegen, dass es sich um Maximilian handelte. Ein Vergleich der Handschriften und der Kopfform habe das ergeben. Nur ein DNA-Vergleich erwies sich als schwierig, weil in der Familiengruft der Arbizú in El Salvador alle Knochen durcheinanderlagen. Obwohl die These nie bewiesen werden konnte, fand sie großen Widerhall in Lateinamerika, dem Kontinent des magischen Realismus. Schließlich schrieb der österreichische Historiker Johann Georg Lughofer 2002 ein Buch darüber. Darin finden sich viele Konjunktive, aber natürlich kokettiert es mit der möglichen historischen Sensation.

Auch der ORF wurde hellhörig. Julieta Rudich bekam den Auftrag, der Sache nachzugehen, und begann zu drehen. Renate Heilig, die Korrespondentin in Mexiko, wurde eingeschaltet. 2002 wurde eine Dokumentation in der Sendereihe Brennpunkt angekündigt. "Ich war schon so weit, eine DNA-Probe machen zu lassen, und die Gerichtsmedizin wollte mitmachen", erinnert sich Rudich. Ein Vergleich der Haare aus Maximilians Sarg mit einem Exemplar aus seiner Kindheit hätte Klarheit gebracht, ob es sich tatsächlich um seinen Leichnam handelt. Dann telefonierte sie mit Hobbyhistoriker Deneke. "Er war enorm misstrauisch, hatte Angst, man wolle seine Idee stehlen, wirkte extrem paranoid. Das war Grund genug für mich, das Projekt einzustellen."

Die Drehbuchautorin Ingrid Götz und der Regisseur Franz Leopold Schmelzer ließen aber nicht locker. Ein forensischer Thriller schwebte ihnen vor. CSI Maximilian. Sie fuhren nach El Salvador. Deneke war schon an den Rollstuhl gefesselt und konnte nicht mehr sprechen. Keiner konnte ihm nun sein Geheimnis entwenden. Ein DNA-Vergleich in Österreich wurde den Filmemachern verwehrt. Sie wollten Blut von Franz Joseph mit jenem von Maximilian vergleichen – auf dem weißen Unterhemd, das er zu seiner Hinrichtung trug, klebt genug davon. Die Schatzkammer, wo das Stück lagert, wiegelte ab: Die Habsburger seien dagegen.

Götz und Schmelzer interessierten sich bald mehr für den Menschen Maximilian und die verschiedenen Sichtweisen auf ihn. "In Österreich wird er gerne als der liebe, nette dargestellt, der Reformen versuchte. In Frankreich ist er der Versager, während die Mexikaner einen blutigen Diktator in ihm sehen. Wer war er wirklich?", fragt Schmelzer. Götz interessiert sich mehr für seinen Charakter: "In welcher psychischen Verfassung befand sich dieser Mensch, der sich immer in Details verlor und dem es so schwerfiel Entscheidungen zu treffen?"

Für ihr lang gehegtes Pflänzchen einen 350.000 Euro großen Budgettopf zu finden blieb lange aussichtslos. Lediglich der Sender Arte gab von Beginn an seine Zusage als Financier. 2012 holte Heinrich Mayer-Moroni von der Produktionsfirma Interspot den ORF an Bord. Nächstes Jahr könnte es endlich losgehen, wenn weitere internationale Sender zusagen und die EU eine Förderung freigibt.

Posthum bringt Maximilian die Völker wieder zusammen. Für andere Länder hatte er immer schon mehr Bedeutung als für Österreich. Und doch wäre ein Interesse für diesen Untoten, an dessen dramatischem Lebensstoff sich ganze Heerscharen von Regisseuren abarbeiten könnten, keineswegs geheuchelt.

In Mexiko-Stadt, wo mehr Menschen leben als in ganz Österreich, ist Kaiser Max noch in lebhafter Erinnerung. Die Prachtstraße, die er zu seinem Schloss bauen ließ, prägt bis heute das Stadtbild. Die Museen, die er gründete, sind verdiente Institutionen. Auf Hochzeiten werden Münzen mit seinem Konterfei verteilt – damit das Brautpaar mehr Glück habe als er. Musiker, die mit dem Habsburger nach Mexiko gekommen waren, inspirierten die Mariachis. Viele der 8.000 mitgereisten Soldaten aus allen Teilen der Monarchie hinterließen anderweitige Spuren.

Die ehemalige ORF-Korrespondentin Renate Heilig eröffnete ein Restaurant im Viertel Condesa, Citlaltepetl 9. Im Caprichos del Emperador – Allüren des Kaisers – fanden Wiener Schnitzel und Apfelstrudel großen Anklang. Noch mehr Aufsehen erregte jener Mann, der dort öfter am Tresen zu sehen war. Groß, blond, blaue Augen.