Der Leichnam wird einbalsamiert und fotografiert. Erst nach langen Verhandlungen kann Vizeadmiral von Tegetthoff die vom Transport stark beschädigte Leiche in Empfang nehmen und bestätigen, dass es sich um den Erzherzog handelt. "Das ist nicht mein Sohn!", ruft hingegen seine Mutter Sophie aus, als sie sieben Monate nach der Hinrichtung in Wien in den Sarg blickt.

Bald kursieren erste Gerüchte. Und wahrscheinlich schon 1868 taucht ein Mann in El Salvador auf, der sich "Justo Armas" nennt – was offenbar einem Kommuniqué von Juárez nachempfunden ist, das er nach Maximilians Hinrichtung herausgegeben hat: Diesem sei, wie er darin schrieb, Gerechtigkeit durch die Waffen zuteil geworden (había sido pasado justo por las armas). Zeitungen berichten über den kahlköpfigen Mann. Er habe Schiffbruch erlitten, erzählt er, deshalb wolle er den Boden unter den Füßen spüren und nie wieder Schuhe tragen. El Salvadors Vizepräsident Gregorio Arbizú nimmt ihn in der Familie auf, die Beziehungen mit Mexiko sind gut. Justo Armas richtet Bankette aus, berät Politiker und Vertreter der hohen Gesellschaft. Bis 1936 lebt er in El Salvador – zu diesem Zeitpunkt wäre Maximilian 104 Jahre alt gewesen.

War er ein Verrückter, ein origineller Trittbrettfahrer? Manche behaupteten, es handle sich um Erzherzog Johann Salvator, den abtrünnigen Habsburger, der seit einem Schiffsunglück vor Kap Hoorn vermisst wurde. Doch dieses fand erst 1890 statt, Jahre, nachdem Justo Armas aufgetaucht war. Auch Kronprinz Rudolf konnte es, wie ebenfalls vermutet wurde, nicht gewesen sein. Der hatte sich schon 1889 mit einer Pistole in den Kopf geschossen. Nein, behauptete der salvadorianische Architekt und Hobbyhistoriker Rolando Deneke: Es müsse Maximilian gewesen sein.

Vor seiner Hinrichtung hätte er mehrmals die Möglichkeit zur Flucht gehabt, das erschien Deneke komisch. Zudem sei Maximilian Freimaurer gewesen wie sein Henker Juárez. Viele weitere Indizien sollen belegen, dass es sich um Maximilian handelte. Ein Vergleich der Handschriften und der Kopfform habe das ergeben. Nur ein DNA-Vergleich erwies sich als schwierig, weil in der Familiengruft der Arbizú in El Salvador alle Knochen durcheinanderlagen. Obwohl die These nie bewiesen werden konnte, fand sie großen Widerhall in Lateinamerika, dem Kontinent des magischen Realismus. Schließlich schrieb der österreichische Historiker Johann Georg Lughofer 2002 ein Buch darüber. Darin finden sich viele Konjunktive, aber natürlich kokettiert es mit der möglichen historischen Sensation.

Auch der ORF wurde hellhörig. Julieta Rudich bekam den Auftrag, der Sache nachzugehen, und begann zu drehen. Renate Heilig, die Korrespondentin in Mexiko, wurde eingeschaltet. 2002 wurde eine Dokumentation in der Sendereihe Brennpunkt angekündigt. "Ich war schon so weit, eine DNA-Probe machen zu lassen, und die Gerichtsmedizin wollte mitmachen", erinnert sich Rudich. Ein Vergleich der Haare aus Maximilians Sarg mit einem Exemplar aus seiner Kindheit hätte Klarheit gebracht, ob es sich tatsächlich um seinen Leichnam handelt. Dann telefonierte sie mit Hobbyhistoriker Deneke. "Er war enorm misstrauisch, hatte Angst, man wolle seine Idee stehlen, wirkte extrem paranoid. Das war Grund genug für mich, das Projekt einzustellen."

Die Drehbuchautorin Ingrid Götz und der Regisseur Franz Leopold Schmelzer ließen aber nicht locker. Ein forensischer Thriller schwebte ihnen vor. CSI Maximilian. Sie fuhren nach El Salvador. Deneke war schon an den Rollstuhl gefesselt und konnte nicht mehr sprechen. Keiner konnte ihm nun sein Geheimnis entwenden. Ein DNA-Vergleich in Österreich wurde den Filmemachern verwehrt. Sie wollten Blut von Franz Joseph mit jenem von Maximilian vergleichen – auf dem weißen Unterhemd, das er zu seiner Hinrichtung trug, klebt genug davon. Die Schatzkammer, wo das Stück lagert, wiegelte ab: Die Habsburger seien dagegen.

Götz und Schmelzer interessierten sich bald mehr für den Menschen Maximilian und die verschiedenen Sichtweisen auf ihn. "In Österreich wird er gerne als der liebe, nette dargestellt, der Reformen versuchte. In Frankreich ist er der Versager, während die Mexikaner einen blutigen Diktator in ihm sehen. Wer war er wirklich?", fragt Schmelzer. Götz interessiert sich mehr für seinen Charakter: "In welcher psychischen Verfassung befand sich dieser Mensch, der sich immer in Details verlor und dem es so schwerfiel Entscheidungen zu treffen?"

Für ihr lang gehegtes Pflänzchen einen 350.000 Euro großen Budgettopf zu finden blieb lange aussichtslos. Lediglich der Sender Arte gab von Beginn an seine Zusage als Financier. 2012 holte Heinrich Mayer-Moroni von der Produktionsfirma Interspot den ORF an Bord. Nächstes Jahr könnte es endlich losgehen, wenn weitere internationale Sender zusagen und die EU eine Förderung freigibt.

Posthum bringt Maximilian die Völker wieder zusammen. Für andere Länder hatte er immer schon mehr Bedeutung als für Österreich. Und doch wäre ein Interesse für diesen Untoten, an dessen dramatischem Lebensstoff sich ganze Heerscharen von Regisseuren abarbeiten könnten, keineswegs geheuchelt.

In Mexiko-Stadt, wo mehr Menschen leben als in ganz Österreich, ist Kaiser Max noch in lebhafter Erinnerung. Die Prachtstraße, die er zu seinem Schloss bauen ließ, prägt bis heute das Stadtbild. Die Museen, die er gründete, sind verdiente Institutionen. Auf Hochzeiten werden Münzen mit seinem Konterfei verteilt – damit das Brautpaar mehr Glück habe als er. Musiker, die mit dem Habsburger nach Mexiko gekommen waren, inspirierten die Mariachis. Viele der 8.000 mitgereisten Soldaten aus allen Teilen der Monarchie hinterließen anderweitige Spuren.

Die ehemalige ORF-Korrespondentin Renate Heilig eröffnete ein Restaurant im Viertel Condesa, Citlaltepetl 9. Im Caprichos del Emperador – Allüren des Kaisers – fanden Wiener Schnitzel und Apfelstrudel großen Anklang. Noch mehr Aufsehen erregte jener Mann, der dort öfter am Tresen zu sehen war. Groß, blond, blaue Augen.