Einmal platzte es aus meiner Tochter heraus. "Fies!", rief sie. "Ich find das einfach fies. Die haben eine Mauer um euch herum gebaut, du durftest nicht raus und musstest samstags immer die Küche bohnern." Ich stutzte. So also klang es, wenn eine Zehnjährige mein Leben in der DDR knapp zusammenfasste. Wir fuhren gerade durch Hamburg. Mein Tochter erzählte mir von Luther, den sie im Unterricht behandelten. Sein Leben, den Ablasshandel, die Zustände damals. Sie redete und redete. "Ich bin froh", sagte sie dann, "dass ich hier und heute lebe." Ich nutzte ihre kleine gedankliche Pause, um sie zu fragen, was sie denn glaube, wie meine Kindheit in der DDR so gewesen wäre, und dann platzten eben diese Worte aus ihr heraus. 19 Jahre meines Lebens, geschrumpft auf zwei Sätze.

Meine Kinder sind 10 und 13 Jahre alt, beide wurden in Hamburg geboren. Ich kam in Suhl auf die Welt, in einem kleinen Tal zwischen den Thüringer Bergen. Meine Eltern waren kurz vor meiner Geburt aus einem Dorf im Grenzgebiet in die Stadt gezogen, in ein völlig heruntergekommenes Haus. Sie haben ihr halbes Leben lang daran gebaut. Im Herbst 1990 bin ich weggegangen aus Suhl. Seitdem war ich nie wieder länger als ein Wochenende oder ein paar Ferienwochen dort. Die DDR gibt es nicht mehr, manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich sie vergessen.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich damit begonnen habe, den Kindern zu erzählen, dass Deutschland nicht immer so aussah, wie sie es für selbstverständlich halten. Dass eine Grenze das Land zerrissen hat, mehr als 40 Jahre lang. Wahrscheinlich geschah es auf einer dieser langen Autofahrten nach Thüringen, die Große war vielleicht drei oder vier, die Kleine noch nicht mal ein Jahr alt, als sie hörten, dass Oma und Opa in jenem Teil Deutschlands gelebt haben, um den man einen elektrisch gesicherten Zaun gebaut hatte. Und dass sich ihre Eltern wahrscheinlich nie getroffen hätten, wäre dieser Zaun nicht eines Tages eingerissen worden.

Ich habe in meiner Familie die Rolle der Zeitzeugin zugewiesen bekommen

Die Kleine verstand natürlich nichts, und die Große reagierte auch nicht gerade so, wie mein Mann und ich uns das erhofft hatten. Sie reagierte gar nicht. Wir aber hatten einen Anfang gemacht. Von nun an würde es leichter sein, darüber zu reden. Aber auf Fragen von den Kindern konnten wir lange warten. Also waren wir es, die immer wieder damit anfingen. Keine Reise in Richtung Osten, ohne dass wir nach hinten zu den Kindern riefen: "Seht ihr, hier war die Grenze" – wann immer wir einen früheren Kolonnenweg kreuzten oder ein alter Wachturm in der Ferne auftauchte.

Mein Mann und ich haben nie darüber gesprochen, ob oder wie wir den Kindern von der deutschen Teilung und der DDR erzählen wollen. Es war selbstverständlich, dass wir es tun würden, dass wir es tun mussten. Allein schon deshalb, weil sich unsere kleine Geschichte ohne den Lauf der großen niemals ereignet hätte. Und Grenzerfahrungen hatten wir schließlich beide gemacht. Mein Mann stammt aus einem niedersächsischen Dorf, das an Sachsen-Anhalt grenzt. Er hat im Wald hinter dem Zaun Räuber und Gendarm gespielt, während auf der anderen Seite die Grenzsoldaten Patrouille liefen. Trotz der geografischen Nähe aber war der Osten für ihn genauso weit weg wie für fast jeden Westdeutschen. Ich beneide ihn manchmal darum, dass er in den Gesprächen mit den Kindern vor allem die politischen Themen besetzt, also von Brandt, Kohl und Gorbatschow erzählen kann, wenn er über Teilung und Einheit redet.

Ich aber habe die Rolle der Zeitzeugin zugewiesen bekommen, ich soll erzählen, wie der Osten denn nun wirklich war. Das kann er mir nicht abnehmen.Welches Bild aber will und darf ich meinen Kindern überhaupt vermitteln? Sind ihnen meine Erinnerungen überhaupt zumutbar?

Irgendwann werden sie erfahren, was in den Geschichtsbüchern zur DDR steht. Sie werden darüber diskutieren, warum der Überwachungs- und Unterdrückungsapparat trotz wirtschaftlichem Niedergang und sinkender Moral so lange überleben konnte. Sie werden von der Angst der Menschen hören, von den Zuständen in Gefängnissen wie Bautzen oder Berlin-Hohenschönhausen, sie werden davon erfahren, dass Jugendliche schon aufgrund einer auffälligen Haarfarbe und einer unangepassten Äußerung in Spezialheime wie den geschlossenen Jugendwerkhof in Torgau gesteckt wurden – mit dem Ziel der "Umerziehung".

Ich hoffe sehr, dass sie all das einmal erfahren, ich will, dass die Schule mir etwas abnimmt, ich bin keine ausgebildete Geschichtsvermittlerin. Denn Bautzen habe ich mit meinem Mann lieber alleine besucht, und was in Torgau oder an anderen ähnlichen Orten passiert ist, habe ich ihnen noch nicht erzählt. Vielleicht aber hören sie im Geschichtsunterricht auch nie davon. Beide Kinder bestätigen mir, dass die DDR oder die deutsche Teilung bisher in noch keiner einzigen Unterrichtsstunde Thema war. Meine große Tochter geht seit acht Jahren zur Schule. Sie muss Foltermethoden des Mittelalters pauken, das Wahlrecht verstehen oder Texte über drogenabhängige Obdachlose interpretieren; aber darüber, dass wir in Deutschland auch 23 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer über das Einander-fremd-Sein oder die Sprachlosigkeit zwischen Ost und West diskutieren, erfährt sie in der Schule nichts.

Politologen und Historiker beklagen "zeithistorischen Analphabetismus" vieler Jugendlicher

Viele Kinder wissen nicht, ob die Eltern im Osten oder Westen geboren wurden

Vor einem Jahr habe ich eine neunte Klasse einen Tag lang durch die ehemalige Stasi-Zentrale in Berlin begleitet. Ich sollte darüber schreiben, wie die Jugendlichen reagieren, wenn man sie mit den Methoden des einstigen Überwachungsstaates konfrontiert. Natürlich waren sie erschrocken, entsetzt, berührt, aber sie wirkten dabei so, als habe das mit ihnen selbst nicht mehr viel zu tun. Auf die Frage, ob man zu Hause über die DDR spreche, sagten viele: "Nö, eher nicht." Die meisten wussten nicht einmal, ob ihre Eltern im Osten oder im Westen geboren wurden.

Ich kam ins Grübeln: Was werden meine Kinder auf diese Fragen antworten, wenn sie 15, 16 Jahre alt sind? Ich will, dass sie ein kritisches Geschichtsbewusstsein entwickeln und mir später all die Fragen stellen, auf die ich ihnen noch keine Antwort gegeben habe: Wärst auch du in die Partei eingetreten? Wäre die Mauer nicht gefallen, was für eine Journalistin wärst du geworden? Hättest auch du andere bespitzelt? Wieso hast du nie deine Stasi-Akte angefordert?

Sollen sie mich herausfordern! Auf keinen Fall will ich, dass sie das Gefühl bekommen, das Reden über die DDR sei eine Tabuzone, ein vermintes Gebiet, das man mit den eigenen Eltern besser meiden sollte. So, wie das früher in vielen Familien die Nazizeit war.

Seit Jahren schon beklagen Politologen und Historiker den "zeithistorischen Analphabetismus" vieler Jugendlicher und fordern, das Wissen über die DDR und die deutsche Teilung solle Prüfungsthema werden, damit sich kein Lehrer mehr daran vorbeimogeln könne. Die Schule, sagen Experten, spiele in ihrer Funktion als Korrektiv eine wichtige Rolle, um das durch die Elternperspektive oft geschönte Bild vom Leben im Sozialismus geradezurücken. Studien hätten gezeigt, dass das Image der DDR bei Schülern immer negativer werde, je länger sie den SED-Staat im Unterricht behandelten.

Was aber heißt das für mich als Mutter, die damit automatisch unter den Generalverdacht gerät, mein Leben in der DDR zu wenig kritisch zu beschreiben? Sollte ich lieber schweigen?

Ich starte eine kleine Umfrage unter ostdeutschen Freunden. Ich will wissen, ob sie sich trauen, mit ihren Kindern über die Vergangenheit zu reden. Zwei Väter antworten. Sie schreiben mir, dies sei so gut wie kein Thema zwischen ihnen und ihren Söhnen. Der eine Vater sagt, dass er zwar schon manchmal erzähle, wie es bei ihm in der Schule war, er aber deshalb noch lange nicht auf die DDR zu sprechen komme. "Doch das betrifft auch andere Lebensbereiche und Erfahrungen, die DDR ist fast nie Vergleichsobjekt."

Auch der zweite Freund schreibt mir, er rede mit seinen beiden Kindern selten über das Leben in der DDR. Und eigentlich sei er dankbar dafür: "Meine Meinung weicht in etlichen Punkten stark von der offiziellen Version ab, und ich habe oft gemerkt, dass eine differenzierte Betrachtung der DDR schnell als ›Verharmlosung‹ diffamiert wird." Er fürchte einfach, dass seine Kinder in dieselbe Falle tappen könnten. Ansonsten versuche er, sein Leben so zu beschreiben, wie es gewesen sei, "ohne Wertungen oder Vergleiche". Die Kinder sollten dabei merken, dass das Leben im Osten vor 1989 nicht frei von Problemen war, aber auch nicht von allen Menschen wie ein 40-jähriger Gefängnisaufenthalt empfunden wurde.

Meine Tochter sagt: Ihr hattet doch in der DDR ein ganz schönes Leben

Ich schreibe ihm zurück: Mir sei jetzt erst aufgefallen, dass wir beide, obwohl unsere Kinder im gleichen Alter seien, noch nie über dieses Thema geredet hätten. Nicht nur unsere Kinder, auch wir seien offensichtlich zu sehr mit unseren (westdeutschen) Leben beschäftigt. Und ich schreibe ihm, dass auch ich mich oft ins Geschichtenerzählen rette.

Kinder hören Geschichten sowieso lieber als Vorträge, und sie vergessen sie weniger schnell. So wird mich meine kleine Tochter wohl auf ewig dafür bedauern, dass ich in ihrem Alter jeden Samstag mit einem riesigen Bohnerbesen den Küchenboden polierte. Freiwillig war das nicht, aber genau wie Russischlernen, Staatsbürgerkundeunterricht oder das mehrmals im Jahr stattfindende kollektive Altpapiersammeln irgendwie alternativlos.

Meine Kinder haben die Menschen noch nie danach beurteilt, ob diese Wessis oder Ossis sind

Und meine große Tochter erinnert mich beim Einkaufen gern an jene Geschichte, bei der ich auf der verzweifelten Suche nach einer halbwegs guten Winterjacke an der Hand meines Vaters durch den Hintereingang eines großen Kaufhauses ins Lager geführt wurde und dort all das zu sehen bekam, was der Kunde draußen aufs Schmerzlichste vermisste. Dass wir das offizielle Warenangebot ab und zu umgehen durften, lag daran, dass mein Vater beim Konsum arbeitete, einer von zwei Handelsorganisationen in der DDR, die neben Warenhäusern auch Kaufhallen und Gaststätten betrieb. Natürlich begreift meine Tochter an dieser Stelle der Geschichte, dass die DDR alles andere als eine klassenlose Gesellschaft war. Das Überleben funktionierte gerade am Ende nur noch über "Beziehungen". Sie weiß aber auch, dass wir zwölf Jahre lang auf einen Trabant warten mussten, unser Haus zwei Mal im Jahr durch einen Rohrbruch unter Wasser gesetzt wurde und wir nur zwei Fernsehprogramme hatten.

Trotzdem sagt sie irgendwann: "Ihr habt doch eigentlich ein ganz gutes Leben geführt." Wie soll ich darauf reagieren? Muss ich sofort von all jenen erzählen, die Jahre ihres Lebens im Stasi-Gefängnis verbrachten, bei der Flucht in den Westen erschossen wurden oder deren Kinder man zwangsadoptierte?

Habe ich mein Ziel erreicht, wenn meine Töchter möglichst furchterregend über das Leben in der DDR referieren können? An Schauergeschichten mangelt es nicht, wenn wir meinen Onkel ganz im Süden Thüringens besuchen, nur wenige Kilometer vor der bayerischen Grenze. In dem Ort, der früher im tiefsten Sperrgebiet lag, wohnten auch meine Großeltern. Hören die Kinder heute, dass wir nie ohne Passierschein zur Verwandtschaft durften und bei jeder Reise an einem Schlagbaum aufs Genaueste kontrolliert wurden, sind sie empört. "Wie fies!", ruft dann die Kleine wieder.

1952 wurden mehrere Familien des Ortes, auch Verwandte von uns, über Nacht auf Lastwagen geladen und an einen ihnen zunächst unbekannten Ort gebracht. Die Zwangsumsiedelungen waren Ziel der "Aktion Ungeziefer", bei der man "politisch unzuverlässige" Bürger aus dem Sperrgebiet entfernte.

Wir waren am früheren Todesstreifen und im Museum. Aber was fehlt?

Oben auf dem Friedhof, von wo aus der Blick über die schiefen Dächer der Fachwerkhäuser geht, sieht man im Westen ein schwarzes Kreuz stehen. Immer wenn wir die Gräber besuchen, muss ich den Kindern das Kreuz zeigen – und erneut davon erzählen, wie sich bei Beerdigungen Ost und West in Gedanken trafen. Weil im Sperrgebiet keine westdeutschen Besucher erlaubt waren, versammelten sich die Verwandten und Freunde des Verstorbenen an dem Kreuz im Westen. Man winkte sich zu und trauerte auf diese Weise doch noch gemeinsam.

Spaziergänge entlang der ehemaligen Grenze, Wochenenden in Berlin, Brandenburger Tor, Reichstag, DDR-Museum, Gedenkstätte Bernauer Straße. Diskussionen über Todesstreifen, Selbstschussanlagen, Schießbefehl; und Menschen, die durch Tunnel oder mit einem Heißluftballon versuchten, in den Westen zu gelangen. Was fehlt?

Die Zeit nach der Wiedervereinigung – um die geht es kaum. In den Augen der Kinder ging mit dem Fall der Mauer ja doch alles gut aus. Ich habe ihnen bisher wenig erzählt von Menschen, die mit Mitte 50 zu Hause saßen. Deren Arbeitsplätze es nicht mehr gab; deren Lebenswerk plötzlich als wertlos galten. Oder von anderen, die "das Falsche" studiert hatten, arbeitslos wurden, sich von einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zur nächsten retteten. Ich selbst erlebte das alles nur noch aus der Ferne. Die Grenzen waren offen, ich ging einfach, studierte, reiste, arbeitete. Ich drehte mich nicht mehr oft um.

Meine Kinder haben die Menschen, die sie auf Familienfeiern treffen oder mit denen sie im Urlaub durch die Alpen wandern, noch nie danach beurteilt, ob diese Wessis oder Ossis sind. Es interessiert sie nicht. "Die Klischee-Wessis", sagte meine große Tochter dennoch vor ein paar Tagen, und ich wusste gar nicht, dass sie solche Wörter kennt – "Die Klischee-Wessis" würden immer sagen, "im Osten war alles grau, schrecklich und ungerecht. Und du sagst dann: Ja, stimmt, so war es. Aber du sagst eben auch, dass es noch andere Dinge gab, die auch schön und lustig waren." Das finde sie gut. Und sie würde sich wünschen, dass ich das später auch ihren Kindern erzählte. Ich bin gespannt, ob meine Tochter das dann noch möchte. Oder ein Geschichtsbuch vorzieht.