Als Herr Bahadur an die Reihe kommt, erhebt er sich von einer der winzigen Schulbänke, nimmt Platz auf einem einzelnen Stuhl weiter vorne, faltet scheu die Hände zum Gruß, murmelt namasté – Verehrung dir. Ihm gegenüber auf dem Tisch: ein Samsung-Flachbildschirm und das Kugelauge einer Webcam.

Medizinische Sprechstunde in Nangi. Im Dorfkindergarten warten die Patienten. Ein Mann mit einer üblen Infektion am Auge, eine Schwangere, eine Frau, die einen schlafenden Säugling auf dem Schoß wiegt. Kinder sitzen auf dem Boden des niedrigen, weiß getünchten Raums. Der Blick von Herrn Bahadur irrlichtert zwischen Kamera und Monitor. Das Asthma, sagt er. Immer wenn er oben auf den Feldern arbeite. Ob er rauche, fragt eine weibliche Stimme aus dem Computer. Herr Bahadur verneint. Er möge sich auf jeden Fall von Rauch und offenem Feuer fernhalten, rät die Stimme, und Herr Bahadur fragt entgeistert, wie das bitte gehen solle, sich an seiner Feuerstelle eine Mahlzeit zu kochen, ohne dass es rauche? Eine Weile herrscht Stille im Raum. Es sind nicht nur die paar Hundert Kilometer Weg, die den alten Mann von der Ärztin im fernen Kathmandu trennen.

Tritt man durch die Tür, blickt man auf Reisterrassen und Hirsefelder, dazwischen einzelne Gehöfte, die sich in weitem Abstand voneinander in den steilen Hang krallen. Frauen tragen Heuballen über Felsstufen, Kühe blöken in ihren Pferchen, von einem Götterschrein schwelt Rauch über die Felder. Fern am Horizont glühen die weißen Gipfel des Himalaya. Ein Dorf, wie gemacht für ein Panoramafoto in einem Prospekt für Nepaltrekker, in der Unterzeile irgendetwas mit stehen gebliebener Zeit. Keine Straßen, keine Autos, keine Telefonkabel stören das Bild.

Was hier anders ist, bemerkt man als Fremder zuerst beim Blick auf das eigene Smartphone: WLAN-Empfang – in einer Gegend, wo schon der Strom keine Selbstverständlichkeit ist. Nangi, auf einer Höhe von 2.300 Metern westlich des Annapurna-Massivs gelegen, ist ein besonderer Ort. In Nepal nennen sie es das Internetdorf.

Wir sind am frühen Nachmittag hier angekommen, sind dieselben Wege hinaufgewandert, auf denen die Einheimischen hinab ins Tal laufen. Der Mann, der mich hergeführt hat, brachte seinem Heimatdorf vor elf Jahren das Internet. Niemand hatte das damals für möglich gehalten: WLAN in den Bergen Nepals. Mahabir Pun hat es geschafft und ist seitdem eine Berühmtheit im Land. Und nicht nur dort: Stipendiat der amerikanischen Ashoka Foundation, Ehrendoktor der University of Nebraska, Träger des Ramon Magsaysay Award, des asiatischen Friedensnobelpreises. Alles Auszeichnungen für seine Entwicklungsarbeit in der Heimat und das Nepal Wireless Network, das inzwischen 160 abgelegene Dörfer mit Internet versorgt. Wenn Einheimische von Mahabir Pun erzählen, klingt das nur ein bisschen weniger enthusiastisch als eine Festrede auf Mahatma Gandhi.

Mahabir Pun hat das Wlan auf dem Berg ertüftelt.

Dagegen fällt die erste Begegnung mit ihm etwas enttäuschend aus. Mahabir Pun ist ein kleiner, grämlicher Mann in einem schmutzigen Anorak. Zwei Tage vor unserem Besuch in Nangi treffe ich ihn am Ufer des Kali Gandaki. Eine Hängebrücke führt über den quecksilbrig glänzenden Fluss, an ihrem Aufgang steht ein Schild mit dem Schriftzug "Nepal Community Trek". Auch diese Wanderroute ist eine Idee von Mahabir – und sie dient dem gleichen Zweck wie sein Internetprojekt: den isolierten Dörfern Nepals ein Tor zur Welt aufzustoßen und diese Welt zu ihnen zu bringen, ob wireless oder in Wanderschuhen.

Mahabir will mich auf dem Community Trek durch das Gebirge führen, aber er erweist sich als merkwürdiger Guide. An der Landschaft um sich herum zeigt er keinerlei Interesse, auf meine Fragen antwortet er einsilbig. Geistesabwesend trottet er voran über die schwankende Hängebrücke und in den Wald hinein. Wir steigen steil den Hang hinauf und machen eine erste Rast 200 Meter über dem Fluss. "Mahabir, wie heißen diese Bäume dort?" – "Wir machen Feuerholz daraus. Feuerholzbäume." – "Und der da drüben?" – "Man kann die Nüsse essen. Ein Nussbaum."