1994 – Seite 1

Mit dem Tod von Kurt Cobain begann die Gegenwart

Am 5. April 1994 hat sich Kurt Cobain, der Sänger von Nirvana, in seinem Haus in Seattle erschossen. Ich besaß Tickets für ein Konzert, das zwei Tage vorher in London geplant gewesen war und das ich unbedingt hatte sehen wollen: Keine Band war mit ihrem Sound so sehr die Essenz jener Zeit wie Nirvana. Dann aber hatte sich der heroinsüchtige Cobain in eine Entzugsklinik einweisen lassen, und die Tour war abgesagt worden. Nun war er tot, mit 27. Mir blieben nur die Tickets und die Ahnung, dass dieses Ereignis ein historisches war.

Es ist unglaublich, aber selbst 2014 sitzt Cobain immer noch als untoter Rock-’n’-Roll-König auf seinem Thron. Er ist verblüffend lebendig: durch die Erinnerung an seinen frühen Tod, durch Wiederveröffentlichungen, als Posterfigur, als ewig präsenter letzter Rebell.

Das liegt nicht allein daran, dass er ein großes Werk hinterlassen hat – wovon man sich am besten auf dem Album Nevermind von 1991 überzeugen kann oder auf den 1994 postum erschienenen Aufnahmen des MTV-Unplugged-Konzerts. Ähnliche Meisterwerke gibt es auch von Bands, deren Name inzwischen verblasst ist. Doch Cobain zeichnet aus, dass er einen Kampf gekämpft und verloren hat, den heute kaum einer mehr auf sich nimmt: um die Authentizität als Künstler, der sich selbst verzehren muss, um zu brennen – als sei der Untergang die letztgültige Weihe des eigenen Schaffens. Auf den alten Aufnahmen und Videos hört und sieht man seinen Willen, alles, wirklich alles von sich in die Musik zu geben. Es war ein größenwahnsinniger, lächerlicher Kampf, der den Rock damals mit unglaublicher Energie aufgeladen hat, nachdem er über die Jahre alt und fett geworden war.

Cobain hat es geschafft, mit seiner Musik eine Generation zu verbinden, man nannte sie die Generation X. Es war eine recht larmoyante Jugend, die sich in der Rezession der frühen neunziger Jahre ins Abseits geschoben fühlte. Solcher Pessimismus erwischt ungefähr jede zweite Generation, weil es eben immer wieder Krisen gibt. So kam es, dass ein Depressiver zum Vorbild wurde: Man ließ sich gehen und verzehrte sich, wie Cobain. Ein möglicherweise letztes Mal waren verschwitzte, langhaarige Männer in zerrissenen Klamotten cool.

Man hat Cobain auch dafür bewundert, wie sehr er sich der eigenen Rolle als Star bewusst war; er kritisierte die Mechanismen der Popindustrie. Allerdings würde man in ihm heute, wäre er noch am Leben, mehr als je zuvor den sinnlos gequälten Geist sehen. Zum Glück ist die Rockmusik ironischer und weiser geworden – vielleicht erkennt man daran, dass die Zeiten bessere sind.

Jörg Burger

Der Siegeszug der Strickjacke und der Grunge-Mode

Vermutlich wurde Helmut Kohl Anfang der neunziger Jahre von denselben Menschen gehasst, die Kurt Cobain liebten. Dabei haben die beiden durchaus etwas gemeinsam: Sie entdeckten fast zeitgleich die Strickjacke als Ausdrucksmittel. Als Kohl 1990 Michail Gorbatschow im Kaukasus traf, um die deutsche Einheit zu verhandeln, trug er einen dunklen Cardigan. Der Kanzler, dem man ansonsten kein sonderliches Gespür in Kleidungsfragen unterstellte, hatte damit die Strickjacken-Diplomatie erfunden. Er verzichtete auf die Rüstung des Politikers, den Anzug, und trat somit symbolisch von der eigenen Macht zurück.

Dabei war der Cardigan zu militärischen Zwecken erfunden worden. Er wird zurückgeführt auf James Thomas Brudenell, den 7. Earl of Cardigan, der im 19. Jahrhundert General im Krimkrieg war und mit der Strickjacke gegen die Kälteprobleme der englischen Armee ankämpfte. Helmut Kohl hat sie zum Friedensbringer umgedichtet. Er machte damit das internationale Parkett zur Kuschelwiese. Zu Hause fand man das allerdings nicht geschickt, sondern schlicht unelegant.

Die Strickjacke von Kurt Cobain hingegen wurde in den neunziger Jahren zum Stilvorbild einer Generation, die sich unverstanden fühlte, obgleich sie sich selbst am wenigsten verstand. Cobains Cardigan, in dem er gerne auftrat, wurde zur Ikone des Grunge, einer rebellischen Haltung, der es nicht nur an eigenen Idealen mangelte, sondern auch an Feindbildern. In diesem Sinne war der Stil von Kurt Cobain Protest und Ironisierung der eigenen Haltung. Man wandte sich gegen Papa und Mama, obwohl man denen eigentlich nichts vorzuwerfen hatte – oder gerade deswegen. Zuvor sollte Protest martialisch wirken, nun wurde er infantil wie die Ringelpullover, die Motto-T-Shirts und die bunten Sonnenbrillen, die Cobain trug – und die Hipster von heute immer noch tragen.

Auch in Designer-Kollektionen wurde der Grunge-Stil der neunziger Jahre immer wieder zitiert. Von Alexander Wang, Proenza Schouler und Isabel Marant, zuletzt schuf Hedi Slimane eine ganze Grunge-Kollektion. Tatsächlich ist Grunge einer der letzten Kleidungsstile, die klar einer Epoche, den frühen Neunzigern, zuzuordnen sind. Seitdem ist es kaum noch möglich, Mode mit einer bestimmten Bewegung zu verbinden.

Der Grunge-Stil markierte auch das Ende aller Ambitionen, eine gesellschaftliche Haltung durch Kleidung auszudrücken. Letztlich war die Aussage des Cobain-Cardigans nicht weit entfernt von der des Kohl-Cardigans. Er sagte: Hier kommt jemand, der nichts Böses will. Schon weil er gar nicht wüsste, was er ändern wollte. Weil Widerstand zwecklos ist.

Tillmann Prüfer

Mädchen in Aufruhr, Premiere bei Musik-Download

Riot Grrrls: Mädchen in Aufruhr

Im Vergleich zur weltweit beliebten Grunge-Ästhetik der frühen Neunziger hatten es die Punk-Feministinnen der "Riot Grrrl"-Bewegung schon immer etwas schwerer, die Massen zu erreichen: Denn Riot Grrrl ist kein modisches Phänomen. Riot Grrrl ist eine Haltung. Der Einfluss dieser Bewegung ist allerdings noch heute, zwei Jahrzehnte später, deutlich spürbar.

Revolution Girl Style Now! forderten die Musikerinnen der Punkband Bikini Kill 1991 im Titel ihrer ersten Veröffentlichung, einer Kassette mit eigenen Songs. Im selben Jahr startete die Sängerin der Band, Kathleen Hanna, ein hand-kopiertes Magazin namens Riot Grrrl – und gab damit einer Bewegung ihren Namen, die mit Bands wie Bratmobile und Huggy Bear den Punk der Neunziger prägte und in Musik und Performance Geschlechterrollen lautstark infrage stellte. 1994 war das Riot-Grrrl-Phänomen in sämtlichen Mainstream-Medien angekommen.

Dass der Begriff einem Do-it-yourself-Magazin entsprang, war kein Zufall: Das soziale Netzwerk der Riot-Grrrl-Szene bestand, zunächst im Nordwesten der USA, aus Flyern und sogenannten Zines – so wie sich heute feministische Communitys über Blogs, Facebook und Twitter bilden. In beiden Fällen geht es darum, Feminismus in die Lebenswelt von Teenagern zu übersetzen – ein generationenübergreifender Dialog, der vielen Feministinnen bis heute nicht gelingt. Die Ausdrucksmöglichkeiten von Mädchen, die männer-dominierte Szenen satthaben, sind seither durch die technische Entwicklung erweitert worden, und so ist die Anzahl junger Frauen, die heute weltweit über digitale Medien miteinander im Zeichen der girl revolution in Kontakt stehen, um ein Vielfaches größer als die überschaubaren Musikszenen damals in den USA und Großbritannien. Ihre Themen sind die gleichen geblieben.

In Deutschland konnte die Riot-Grrrl-Bewegung nie Wurzeln schlagen. Die popkulturelle Rezeption verschluckte sich an den enthemmten Frauenpunkbands und präsentierte im einheimischen Musikfernsehen stattdessen eine verzuckerte Spielart des Grrrls: Für das einheimische "Girlie" bestand die Provokation schon darin, den Begriff "Mädchen" wieder besetzen zu wollen und den männlichen Hintern zu besingen. Lucilectrics Hit Mädchen aus dem Jahr 1994 ebnete hierzulande den Weg für gecastete Bands wie die Spice Girls, die dann im Pop-Mainstream den Typ "freches Mädchen" verkörperten. Diese Girlie-Groups wollten Spaß, aber bloß nicht die Machtfrage stellen. "Girl-Power" sollte ein konsumierbarer Feminismus sein, der endlich gut aussieht und niemandem zu nahe tritt. Diese Episode hinterließ nichts außer dem leeren Versprechen: Die Zukunft ist weiblich! Tatsächlich aber bremste die "Girl-Power" die Gleichberechtigung. Denn die Popgruppen dieser Welle regten ihre Fans eben nicht dazu an, sich selbst auf Bühnen auszuprobieren oder Geschlechterrollen zu hinterfragen.

Ein Wesenszug, mit dem die Riot-Grrrl-Bewegung bis heute inspirierend wirkt, ist die Idee der "Girl-Love", die den Zusammenhalt von Mädchen in den Vordergrund stellt. Kathleen Hanna schrieb damals: "Ich bin sicher, dass sich viele andere Mädchen in einer Revolution befinden, und wir wollen sie finden." Um postfeministisches Empowerment für den individuellen Erfolg – wie es etwa die Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg in ihrem Buch Lean in ausruft – ging es den Riot-Mädchen nicht.

Ihre lokalen Communitys und kleinen Konzerte versprühen selbst aus den Archiven heraus mehr Revolutionsgeist als die global vernetzten Mädchenmannschaften der digitalen Ära. Die Riot Grrrls haben mit ihrer Verbindung von Feminismus und Punkperformance eine körperliche Erfahrungswelt geschaffen, die online fehlt. Das gemeinsame Schreien, Springen, Schwitzen hat die Beteiligten anders mitgerissen, als es heute Klicks und Tweets und Gifs tun.

Die russischen Aktivistinnen von Pussy Riot, die sich nicht nur mit ihrem Namen immer wieder auf die Riot Grrrls bezogen haben, nahmen bis zu ihrer Verhaftung Anfang 2012 in ihren Performances schreiend und tretend diesen physischen Raum wieder ein. Spätestens seit ihrer Verurteilung zu langjährigen Haftstrafen sind sie zu Symbolfiguren geworden.

Natürlich protestieren auch die Femen-Frauen mit ihren Körpern. Doch die meist langhaarigen, schönen Frauen, die in Deutschland als neue Form des Feminismus gehandelt werden, erinnern mehr an die Girlies, die ebenfalls Blumen im Haar trugen und Männern gefielen. Die unbekleideten Brüste von Femen versagen im Transport politischer Botschaften. Um sie herum bilden sich keine Gemeinschaften.

Und so ist die heutige Sehnsucht nach den Riot Grrrls völlig berechtigt. Denn Pop bleibt der Ort, von dem aus eine Frauenrevolution weitergehen kann: Hier erreichen Mädchen einander. Sie können Rockstars sein und gleichzeitig Freundinnen. Die Bühnen stehen ihnen offen. Doch am wichtigsten ist, dass Frauen den Mut finden, ihren Gefühlen zu folgen, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, wie sie dabei wirken. "Zu radikal", "zu wenig weiblich", "zu laut" oder "zu leise" – das sind alles keine gültigen Kategorien mehr. Auch das ist ein Vermächtnis der Riot Grrrls.

Die Mädchenrevolution muss 20 Jahre später nicht neu ausgerufen werden. Sie hat niemals aufgehört. Und es ist ihr immer noch scheißegal, ob sie das Titelblatt einer Zeitung ziert. Es genügt ihr, die Mädchen zusammenzubringen, die in Aufruhr sind.

Teresa Bücker, 29, ist Bloggerin, Autorin und arbeitet als Social-Media-Managerin beim SPD-Parteivorstand

Der erste Musik-Download der Geschichte

Am 27. Juni 1994 machte die Musikindustrie einen mutigen, historischen Schritt nach vorn und stürzte kopfüber in den digitalen Abgrund: Zum ersten Mal bot eine große Plattenfirma einen kompletten Song ganz offiziell als Download an – und das völlig kostenlos! Aerosmith, immerhin eine der erfolgreichsten Bands des Planeten, hatten ihrem Label Geffen Records als Testballon das unveröffentlichte Lied Head First zur Verfügung gestellt, ein Überbleibsel ihrer vorangegangenen Albumproduktion. Aerosmith-Sänger Steve Tyler erklärte die Aktion in den damals üblichen Metaphern: "Wenn unsere Fans da draußen diesen information superhighway runterfahren, dann wollen wir an der nächsten Raststätte spielen."

Im Sommer 1994 war der erste Web-Browser der Firma Netscape noch nicht auf dem Markt und das Musikdateiformat "mp3" nur Forschern bekannt. Wer zu dieser Zeit überhaupt schon online war, freute sich über die Möglichkeit, Texte aller Art elektronisch verschicken zu können, und sei es auch nur an die paar Tüftlerfreunde, die ebenfalls ein Modem besaßen. Musik über die Telefonleitung auf den Rechner zu holen, das erschien damals als interessante, aber ziemlich verschrobene Idee. Wozu gab es schließlich diese ganzen tollen Plattenläden überall?

Tatsächlich standen den Early Adopters des digitalen Musikvertriebs im Sommer 1994 einige ziemlich hohe Hürden im Weg. Um an den exklusiven Aerosmith-Song zu kommen, musste man einer der zwei Millionen Kunden des Internet-Providers CompuServe sein. Die Downloadzeit für das 4 Minuten und 42 Sekunden lange Stück betrug dann, je nach Modem und Leitung, zwischen einer und vier Stunden.

Wer das Warten überstanden hatte und die 4,3 Megabyte große Datei in Gang zu setzen wusste, brauchte auch danach noch starke Nerven: Die ersten zwölf Sekunden von Head First bestehen aus rückwärts abgespieltem Gitarrengedudel – fatal error? –, gefolgt von einem höchst konventionellen Stück Rockmusik (inklusive dezenter Grunge-Anklänge und nervtötender Refrains), das die Aerosmith-Leute aus guten Gründen nicht auf ihr Album gelassen hatten.

Kein berauschender Auftakt, aber es gab kein Zurück mehr. Die nächsten Meilensteine der musikalischen Digitalisierung krachten dann allerdings von außen auf die Musikindustrie herein, sie hießen Napster (ab 1999), iPod (ab 2001) und iTunes Store (2003). Das ist inzwischen bekanntlich der größte Musikladen der Welt, mehr als 26 Millionen Songs sind dort zu haben. Head First ist einer davon.

Jürgen von Rutenberg

Katzen-Content, "Das wahre Leben"

Der erste Katzen-Content der Geschichte

Die Katze gehört zu den ältesten Haustieren des Menschen, doch heute ist sie Symbolträgerin des Eskapismus. Ist es nicht zum Heulen, dass alle sich brennend für Internetvideos von stolpernden, Klavier spielenden, in Kloschüsseln fallenden Katzen interessieren? Aber so wenige fürs deutsche Autorenkino, für die Zukunft der kommunalen Stromversorgung, für die Nöte des Blauflossenthunfischs?

Socks, Hauskatze im Weißen Haus, bei einer Pressekonferenz © Jennifer Young

Es begann 1994 mit Socks, einem schwarz-weißen Kater, dem US-Präsident Bill Clinton beibrachte, auf dem Rednerpult im Briefing Room des Weißen Hauses zu sitzen. Dieser freundliche Tierblick. Und wie lustig Socks mit Samtpfötchen auf den wichtigen Präsidentendokumenten auf Clintons Schreibtisch herumtapste: Schon waren die Bilder vergessen vom amerikanischen Soldaten, dessen Leiche irgendwelche Somalier durch den Staub zerrten. Unwichtig wurde die Tatsache, dass Clinton, Hoffnungsträger der Linken, gerade verhängnisvolle Liberalisierungen im Bankensystem durchgesetzt hatte.

Wenn es unschön und kompliziert wird, wenden wir uns schönen und unkomplizierten Dingen zu. Das ist verwerflich und sehr ungerecht, aber es ist die Realität unserer Zeit. Niemand diktiert die Moral. Kein erhebender Großgedanke trägt uns durch den grauen Alltag. Nur hier und da ist uns ein guter Einfall vergönnt, eine kluge Idee, eine wirkliche Begegnung mit einem anderen Menschen. Zwischendrin sehen wir uns Katzen und ihre kleinen Katzenschnauzen an.

Elisabeth Raether

Das TV-Format "Das wahre Leben" machte die Wirklichkeit zur Reality

"Ich bin mit Ihnen ins Bett gegangen und stehe mit Ihnen wieder auf!", strahlte die Dame vom Bodenpersonal am Flughafen Köln/Bonn. Sie hatte mich am Vorabend in Alfred Bioleks Talkshow gesehen und gab mir jetzt meine Bordkarte. Der Grund für meinen TV-Auftritt und den damit verbundenen Sekundenruhm: Ich war einer der Darsteller in der Fernsehserie Das wahre Leben, die im Herbst 1994 auf dem Sender Premiere lief.

Es handelte sich dabei um die deutsche Adaption von The Real World, dem ersten Format, mit dem der Musikkanal MTV in den USA das eigene Spektrum radikal und sehr erfolgreich erweitert hatte: Sieben junge Menschen, die sich vorher nicht kannten, lebten ein paar Monate in einer Wohngemeinschaft und wurden von Kameras begleitet – bei der Arbeit, im Nachtleben, beim Ver- und Entlieben.

Die Versuchsanordnung bei Das wahre Leben war die gleiche, und auch in Deutschland begann damit eine neue Ära. Bis dahin hatte das Abfilmen von "echten" Menschen in der ehrwürdigen Tradition des Dokumentarfilms gestanden – selbst der WDR-Klassiker Die Fußbroichs war mit öffentlich-rechtlicher Muße und Behutsamkeit gedreht worden. Nach uns aber kam die Flut der Realityshows: Big Brother, Dschungelcamp, Bauer sucht Frau, Frauentausch. Natürlich wären diese Sendungen auch ohne Das wahre Leben entstanden, aber wir waren am Anfang dieser Entwicklung. Auch wenn wir das damals nicht ahnten.

Im Frühjahr 1994 hatte ich gehört, dass der Produzent Markus Peichl auf der Suche nach Darstellern für Das wahre Leben sei, und ich wollte unbedingt dabei sein. Nachdem mein erstes Casting-Interview nicht gut gelaufen war (ich hatte dabei versagt, Madonna pantomimisch nachzumachen), war ich so wütend, dass ich mir am selben Tag den Arm brach, als ich in der Squash-Halle ungebremst gegen eine Seitenwand rannte. Wie ich mich überhaupt auf so eine Sendung einlassen könne, wurde ich damals oft gefragt. Mir fiel kein einziger Grund ein, warum nicht.

Das Projekt erschien mir romantisch, brutal und daher zeitgemäß und das Zusammenleben mit Unbekannten wie ein interessanter Selbstversuch. Außerdem dachte ich, und man möge mir meine jugendliche Arroganz verzeihen: "Irgendeinen Schwulen werden sie auf jeden Fall casten. Besser also einer, der nicht Marianne Rosenberg oder Barbra Streisand hört. Warum dann nicht gleich ich?"

Die Wohngemeinschaft im Wahren Leben war eine Zusammenwürfelung junger Erwachsener, die man damals noch nicht Hipster nannte: eine Szenebarfrau, eine Make-up-Künstlerin, ein Junggalerist, ein Männermodel, ein Rapper, dazu die Prise echtes wahres Leben – eine Feuerwehrfrau. Und ich: ein auf den Bereich Partys spezialisierter Volontär bei einer Stadtzeitschrift, mit Augenbrauenpiercing und Frisurentick (erst rot gefärbt, dann abrasiert).

Wir lebten in der ehemaligen Bibliothek der NVA in der Berliner Linienstraße, wo es damals noch keine Galerien oder Boutiquen für japanische Avantgardemode gab. Sobald in der Wohnung etwas potenziell Sendenswertes geschah (Streit um die Müllentsorgung, Gespräche über Oralverkehr, Outfitproben fürs Nachtleben), kamen ein Kameramann und ein Tonmann und filmten die Protagonisten, also uns. Einige meiner Mitbewohner waren auf Eigen-PR aus, andere auf Selbsterkenntnis, eine Portion Eitelkeit brachten wir alle mit. Die wirkungsvollste Strategie verfolgte ein Nebendarsteller, der damalige Freund der Barfrau: Bei jeder Gelegenheit entblößte er seinen trainierten Oberkörper. Kurz darauf war er Mitglied der Castingband Just Friends.

Ich dagegen versuchte während der Dreharbeiten wacker, ich selbst zu sein. Was ich damals nicht wusste: Das reicht nicht, um Menschen zu amüsieren – wenn man vom eigenen Freundeskreis absieht, der es naturgemäß faszinierend fand, wie ich in der Badewanne lag oder mein Vater mich in der Fernseh-WG besuchte. Und so ist es ein gängiger Irrtum, dass im Reality-Fernsehen – und heute natürlich auch auf YouTube und Instagram – jeder zum Star werden kann. Man braucht vielleicht keine klassische Gesangsausbildung, aber man braucht die Gabe, bei den Zuschauern Ekel, Neid, Gelächter, Mitleid oder sexuelles Begehren zu wecken. Und die Schamlosigkeit, diese Gabe einzusetzen. Viele Realityshow-Karrieren enden auf den roten Teppichen von Möbelhauseröffnungen (oder schmelzen wie die Liebe nach dem One-Night-Stand), aber manchmal schwingt sich daraus eben auch ein popkulturelles Phänomen wie Kim Kardashian empor, einst Selbstdarstellerin einer Realityserie, heute einer der bekanntesten Stars der USA. Die Verachtung der celebrity culture kommt häufig von denen, die beim Karaoke-Abend als stummer Zuschauer in der Ecke stehen bleiben.

Fürs Fernsehen war Das wahre Leben visionär, für mich selbst ein Experiment ohne Folgen. Obwohl: Kürzlich wurde ich in einer Berliner Bar angesprochen. Ob ich Adriano aus dem Wahren Leben sei. Mein Gesprächspartner erzählte, er habe damals komplexbeladen und unglücklich in der westdeutschen Provinz gesessen. Als er mich Fernsehen sah, habe er gedacht: So frei wie der kann ich auch leben.

Der Junge hat mich total überschätzt, aber so hat sich mein Ausflug ins Fernsehen doch irgendwie gelohnt. Die Band Fettes Brot sang damals in unserem Titellied: "Das wahre Leben ist ’ne Achterbahn / mal wird dir schlecht davon / mal willst du noch mal fahrn."

Adriano Sack ist Autor und lebt in Berlin

Mariah-Carey-Jahr, Forrest-Gump-Witze

Mariah Careys Gesangstil erobert die Welt

Wer 1994 Radio hörte oder sich auch nur gelegentlich im öffentlichen Raum aufhielt, konnte Mariah Carey nicht entkommen. In Deutschland wurde ihr Ohrwurm Without You zur meistverkauften Single des Jahres. Ihr Album Music Box, das im Jahr zuvor erschienen war, hatte der Menschheit unter anderem die Hymne Hero beschert und landete natürlich in aller Welt auf Platz eins. Zum Abschluss des Mariah-Carey-Jahres 1994 erschienen dann auch noch die Single All I Want For Christmas Is You und Mariah Careys Album Merry Christmas. Es wurde zum erfolgreichsten Weihnachtsalbum der Popgeschichte.

Wer in den vergangenen Jahren irgendeine Castingshow gesehen hat, konnte Mariah Carey immer noch nicht entkommen. Junge Frauen, die Popstars werden wollen, definieren "singen können" in neun von zehn Fällen als: "so klingen wie Mariah Carey". Das liegt unter anderem daran, dass Frauen, die bereits Popstars sind, das genauso sehen, sagen und praktizieren: Beyoncé, Britney Spears, Rihanna, Christina Aguilera – sie alle bedanken sich in Interviews immer wieder bei ihrem stimmlichen Vorbild, eben Mariah Carey.

Die einen bewundern Careys Gesangsstil als emotionsgeladene Vokalakrobatik, andere verdammen ihn als manierierte Pseudosoul-Effekthascherei. Fest steht: Auch heute noch singt selbst in ihrer mittelmäßigsten Nachahmerin in der hintersten Provinz unüberhörbar die Mariah Carey des Jahres 1994 mit.

Jürgen von Rutenberg

Forrest Gumps Apple-Witz ist erst heute richtig lustig

Forrest Gump war der erfolgreichste Film des Jahres 1994. Er wurde mit sechs Oscars ausgezeichnet. Bis heute gehen die Meinungen über dieses Tom-Hanks-Spektakel weit auseinander. Manche finden die Geschichte eines geistig minderbemittelten Mannes, der immer wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, unerträglich rührselig, andere lachen sich darüber kaputt oder schätzen den Film als brillantes Spiel mit historischen Ereignissen.

Die technischen Tricks, die Forrest Gumps Reise durch das 20. Jahrhundert ermöglicht haben, wirken heute nicht mehr ganz so verblüffend wie damals. Aber zumindest ein Witz in diesem Film ist in den 20 Jahren seit seinem Kinostart tatsächlich noch um einiges wahrer geworden – und damit lustiger: "Leutnant Dan schrieb mir, wir müssten uns ab jetzt keine Sorgen mehr machen, da er unser Geld in irgendwas mit Obst investiert habe", erzählt Forrest Gump aus dem Off, während er einen Brief hervorholt, auf dem das (damals noch sehr bunte) Logo der Firma Apple zu sehen ist.

Ja, ganz lustig. Doch eigentlich sah es für Apple im Jahr 1994 gar nicht so gut aus. Im Jahr zuvor hatte sich die Firma, die ihren Gründer Steve Jobs 1985 rausgeschmissen hatte, mit einem unausgegorenen Tablet-Computer namens "Newton MessagePad" blamiert. 1994 machte Apple erstmals einen Quartalsverlust und stand 1996 sogar kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Trotz alledem war den Drehbuchautoren, warum auch immer, kein lustigerer Aktien-Glückstreffer eingefallen als Apple.

Aber vielleicht lag ihrem Apple-Witz ja auch eine langfristigere Vision zugrunde. Für das Filmstreaming-Publikum des Jahres 2014 geht der Witz jedenfalls voll auf: Hätte Forrest Gumps Kumpel beim Börsengang etwa 100 000 Dollar in Apple-Aktien angelegt, wären die heute so um die sieben Milliarden Dollar wert. Lustig, oder?

Jürgen von Rutenberg

Die Maßstäbe, die Helmut Lang 1994 in der Mode setzte, gelten bis heute

Auch wenn man sich in den neunziger Jahren für Mode gar nicht so interessierte, musste einem irgendwann auffallen, dass sich in der Mitte des Jahrzehnts etwas veränderte: Das Aufgeplusterte in der Mode war auf einmal verschwunden, die Kleidung wurde eng. Ästhetisch gingen die Achtziger damit gerade erst zu Ende. Guckt man auf die Spitze der Entwicklung, dorthin, wo die Dinge vorangetrieben werden, landet man bei einem Namen: Helmut Lang. Es gibt die Marke bis heute, allerdings ist ihr Glanz verloren gegangen, seit der aus Wien stammende Designer Lang 2005 das Unternehmen verließ.

Es ist kaum vorstellbar, mit welcher Ehrfurcht der Name in den neunziger Jahren ausgesprochen wurde. Lang war schließlich, vom Erfolg überwältigt, von Wien nach New York gezogen, wo er in einem kleinen Büro in SoHo an seinen Entwürfen arbeitete – ein ruhiger, unauffälliger Mann, der selbst nur Jeans zum T-Shirt trug, die Zurückgezogenheit liebte und es genoss, dass alle in ihm den elitären Künstler sahen, obwohl es längst Lang-Boutiquen in aller Welt gab, sogar in Japan.

1994 war das Jahr seines Durchbruchs. Bei den Pariser Prêt-à-porter-Schauen war er gefeiert worden wie kein anderer: Auf einmal wurde klar, dass der Außenseiter es nicht nur schaffen würde in der Branche, sondern dass er allen voraus war. Seine Kleider und Anzüge strahlten eine Zeitgenossenschaft aus, die sich erst später erfüllte: Eng geschnitten, mit Materialien wie Kunststoff oder Nylon veredelt, schimmernd, glänzend oder sonst wie changierend, muteten sie an wie die passende Kleidung zur Jahrtausendwende. Ihre kühle, futuristische Eleganz fand verblüffend schnell ihren Weg von der Modesphäre auf die Straße, als gehöre sie eigentlich nur dahin.

So wurden die Neunziger das Jahrzehnt, in dem diejenigen, zu deren Selbstverständnis es gehörte, sich ganz vorne zu fühlen, also im Wesentlichen Journalisten und Werber, nichts lieber trugen als Kleidung von Helmut Lang. Die Eleganz, die Lang predigte, ist heute so verbreitet, dass bärtige Hipster viel schrulliger daherkommen müssen, um sich davon abzusetzen. So gut wie in den Neunzigern sahen sie nie wieder aus.

Jörg Burger