Riot Grrrls: Mädchen in Aufruhr

Im Vergleich zur weltweit beliebten Grunge-Ästhetik der frühen Neunziger hatten es die Punk-Feministinnen der "Riot Grrrl"-Bewegung schon immer etwas schwerer, die Massen zu erreichen: Denn Riot Grrrl ist kein modisches Phänomen. Riot Grrrl ist eine Haltung. Der Einfluss dieser Bewegung ist allerdings noch heute, zwei Jahrzehnte später, deutlich spürbar.

Revolution Girl Style Now! forderten die Musikerinnen der Punkband Bikini Kill 1991 im Titel ihrer ersten Veröffentlichung, einer Kassette mit eigenen Songs. Im selben Jahr startete die Sängerin der Band, Kathleen Hanna, ein hand-kopiertes Magazin namens Riot Grrrl – und gab damit einer Bewegung ihren Namen, die mit Bands wie Bratmobile und Huggy Bear den Punk der Neunziger prägte und in Musik und Performance Geschlechterrollen lautstark infrage stellte. 1994 war das Riot-Grrrl-Phänomen in sämtlichen Mainstream-Medien angekommen.

Dass der Begriff einem Do-it-yourself-Magazin entsprang, war kein Zufall: Das soziale Netzwerk der Riot-Grrrl-Szene bestand, zunächst im Nordwesten der USA, aus Flyern und sogenannten Zines – so wie sich heute feministische Communitys über Blogs, Facebook und Twitter bilden. In beiden Fällen geht es darum, Feminismus in die Lebenswelt von Teenagern zu übersetzen – ein generationenübergreifender Dialog, der vielen Feministinnen bis heute nicht gelingt. Die Ausdrucksmöglichkeiten von Mädchen, die männer-dominierte Szenen satthaben, sind seither durch die technische Entwicklung erweitert worden, und so ist die Anzahl junger Frauen, die heute weltweit über digitale Medien miteinander im Zeichen der girl revolution in Kontakt stehen, um ein Vielfaches größer als die überschaubaren Musikszenen damals in den USA und Großbritannien. Ihre Themen sind die gleichen geblieben.

In Deutschland konnte die Riot-Grrrl-Bewegung nie Wurzeln schlagen. Die popkulturelle Rezeption verschluckte sich an den enthemmten Frauenpunkbands und präsentierte im einheimischen Musikfernsehen stattdessen eine verzuckerte Spielart des Grrrls: Für das einheimische "Girlie" bestand die Provokation schon darin, den Begriff "Mädchen" wieder besetzen zu wollen und den männlichen Hintern zu besingen. Lucilectrics Hit Mädchen aus dem Jahr 1994 ebnete hierzulande den Weg für gecastete Bands wie die Spice Girls, die dann im Pop-Mainstream den Typ "freches Mädchen" verkörperten. Diese Girlie-Groups wollten Spaß, aber bloß nicht die Machtfrage stellen. "Girl-Power" sollte ein konsumierbarer Feminismus sein, der endlich gut aussieht und niemandem zu nahe tritt. Diese Episode hinterließ nichts außer dem leeren Versprechen: Die Zukunft ist weiblich! Tatsächlich aber bremste die "Girl-Power" die Gleichberechtigung. Denn die Popgruppen dieser Welle regten ihre Fans eben nicht dazu an, sich selbst auf Bühnen auszuprobieren oder Geschlechterrollen zu hinterfragen.

Ein Wesenszug, mit dem die Riot-Grrrl-Bewegung bis heute inspirierend wirkt, ist die Idee der "Girl-Love", die den Zusammenhalt von Mädchen in den Vordergrund stellt. Kathleen Hanna schrieb damals: "Ich bin sicher, dass sich viele andere Mädchen in einer Revolution befinden, und wir wollen sie finden." Um postfeministisches Empowerment für den individuellen Erfolg – wie es etwa die Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg in ihrem Buch Lean in ausruft – ging es den Riot-Mädchen nicht.

Ihre lokalen Communitys und kleinen Konzerte versprühen selbst aus den Archiven heraus mehr Revolutionsgeist als die global vernetzten Mädchenmannschaften der digitalen Ära. Die Riot Grrrls haben mit ihrer Verbindung von Feminismus und Punkperformance eine körperliche Erfahrungswelt geschaffen, die online fehlt. Das gemeinsame Schreien, Springen, Schwitzen hat die Beteiligten anders mitgerissen, als es heute Klicks und Tweets und Gifs tun.

Die russischen Aktivistinnen von Pussy Riot, die sich nicht nur mit ihrem Namen immer wieder auf die Riot Grrrls bezogen haben, nahmen bis zu ihrer Verhaftung Anfang 2012 in ihren Performances schreiend und tretend diesen physischen Raum wieder ein. Spätestens seit ihrer Verurteilung zu langjährigen Haftstrafen sind sie zu Symbolfiguren geworden.

Natürlich protestieren auch die Femen-Frauen mit ihren Körpern. Doch die meist langhaarigen, schönen Frauen, die in Deutschland als neue Form des Feminismus gehandelt werden, erinnern mehr an die Girlies, die ebenfalls Blumen im Haar trugen und Männern gefielen. Die unbekleideten Brüste von Femen versagen im Transport politischer Botschaften. Um sie herum bilden sich keine Gemeinschaften.

Und so ist die heutige Sehnsucht nach den Riot Grrrls völlig berechtigt. Denn Pop bleibt der Ort, von dem aus eine Frauenrevolution weitergehen kann: Hier erreichen Mädchen einander. Sie können Rockstars sein und gleichzeitig Freundinnen. Die Bühnen stehen ihnen offen. Doch am wichtigsten ist, dass Frauen den Mut finden, ihren Gefühlen zu folgen, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, wie sie dabei wirken. "Zu radikal", "zu wenig weiblich", "zu laut" oder "zu leise" – das sind alles keine gültigen Kategorien mehr. Auch das ist ein Vermächtnis der Riot Grrrls.

Die Mädchenrevolution muss 20 Jahre später nicht neu ausgerufen werden. Sie hat niemals aufgehört. Und es ist ihr immer noch scheißegal, ob sie das Titelblatt einer Zeitung ziert. Es genügt ihr, die Mädchen zusammenzubringen, die in Aufruhr sind.

Teresa Bücker, 29, ist Bloggerin, Autorin und arbeitet als Social-Media-Managerin beim SPD-Parteivorstand

Der erste Musik-Download der Geschichte

Am 27. Juni 1994 machte die Musikindustrie einen mutigen, historischen Schritt nach vorn und stürzte kopfüber in den digitalen Abgrund: Zum ersten Mal bot eine große Plattenfirma einen kompletten Song ganz offiziell als Download an – und das völlig kostenlos! Aerosmith, immerhin eine der erfolgreichsten Bands des Planeten, hatten ihrem Label Geffen Records als Testballon das unveröffentlichte Lied Head First zur Verfügung gestellt, ein Überbleibsel ihrer vorangegangenen Albumproduktion. Aerosmith-Sänger Steve Tyler erklärte die Aktion in den damals üblichen Metaphern: "Wenn unsere Fans da draußen diesen information superhighway runterfahren, dann wollen wir an der nächsten Raststätte spielen."

Im Sommer 1994 war der erste Web-Browser der Firma Netscape noch nicht auf dem Markt und das Musikdateiformat "mp3" nur Forschern bekannt. Wer zu dieser Zeit überhaupt schon online war, freute sich über die Möglichkeit, Texte aller Art elektronisch verschicken zu können, und sei es auch nur an die paar Tüftlerfreunde, die ebenfalls ein Modem besaßen. Musik über die Telefonleitung auf den Rechner zu holen, das erschien damals als interessante, aber ziemlich verschrobene Idee. Wozu gab es schließlich diese ganzen tollen Plattenläden überall?

Tatsächlich standen den Early Adopters des digitalen Musikvertriebs im Sommer 1994 einige ziemlich hohe Hürden im Weg. Um an den exklusiven Aerosmith-Song zu kommen, musste man einer der zwei Millionen Kunden des Internet-Providers CompuServe sein. Die Downloadzeit für das 4 Minuten und 42 Sekunden lange Stück betrug dann, je nach Modem und Leitung, zwischen einer und vier Stunden.

Wer das Warten überstanden hatte und die 4,3 Megabyte große Datei in Gang zu setzen wusste, brauchte auch danach noch starke Nerven: Die ersten zwölf Sekunden von Head First bestehen aus rückwärts abgespieltem Gitarrengedudel – fatal error? –, gefolgt von einem höchst konventionellen Stück Rockmusik (inklusive dezenter Grunge-Anklänge und nervtötender Refrains), das die Aerosmith-Leute aus guten Gründen nicht auf ihr Album gelassen hatten.

Kein berauschender Auftakt, aber es gab kein Zurück mehr. Die nächsten Meilensteine der musikalischen Digitalisierung krachten dann allerdings von außen auf die Musikindustrie herein, sie hießen Napster (ab 1999), iPod (ab 2001) und iTunes Store (2003). Das ist inzwischen bekanntlich der größte Musikladen der Welt, mehr als 26 Millionen Songs sind dort zu haben. Head First ist einer davon.

Jürgen von Rutenberg