Von Tallinn wanderte ich nach Pirita. Die Straße führt am Meer entlang, vorbei am ehedem sowjetischen Fährhafen. Er verfällt, ebenso der Segelhafen der Olympischen Spiele 1980. Diese Geschichte soll verrotten, weil sie sowjetisch war. Auch die Blutgeschichte der eigenen Kollaboration mit Hitlerdeutschland – inklusive Holocaust – lässt man in den jungen baltischen Demokratien gern verschwinden. Die Jahre 1941 bis 1945 versinken in den Jahrzehnten sowjetischer Herrschaft.

Ich lief weiter und fand einen unvergesslichen Doppelort. Am Meer steigt ein grüner Wall auf. Ihn krönt ein Obelisk. Daneben wuchtet ein Beton-Memorial für die sowjetischen Befreier, die doch hierzulande Okkupanten waren. Durch eine symbolisch gebrochene Mauer betritt man den Soldatenfriedhof: Sammelgräber, geordnet nach Waffengattungen. Grabsteine tragen deren Zeichen und Zahlen: die Menge der Beigesetzten. Zweihundert Meter landeinwärts beginnt der gegnerische Friedhof. Kreuzgruppen markieren ein weites Rasenfeld. In dessen Mitte erhebt sich ein Großkreuz. Man liest, in Marmor, Namen über Namen. Hier liegen Wehrmachtssoldaten – Deutsche und Esten, umgekommen im Verteidigungskampf gegen die Sowjetunion.

Wie gut, dass die Rote Armee nicht zu stoppen war. Wie nötig, dass sie weiterzog. Dass sie Auschwitz befreite. Dass sie über die Oder setzte. Dass sie, unter entsetzlichen Verlusten, die Seelower Höhen überwand. Und dann, fast schon am Ziel, starben nochmals 22.000 um und in Berlin. Diese unbekannten Ehrenbürger meiner Stadt besuche ich im letzten Licht des Jahres, bevor das neue erscheint.

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