DIE ZEIT: Zentral oder föderal geregelt: Welche Bildungssysteme sind erfolgreicher, was haben Sie durch Ihre Dissertation herausgefunden?

Mirjam Brautmeier: Es macht überhaupt keinen Unterschied bei den Schülerleistungen, ob die Bildungsagenda zentral vorgegeben oder föderal geregelt ist. Dieses Ergebnis meiner vergleichenden internationalen Studie hat mich schon sehr überrascht. Nicht die Staatsorganisation entscheidet über die Leistungen, sondern der familiäre Bildungshintergrund.

DIE ZEIT: In der aktuellen Pisa-Studie hat das föderale Deutschland zugelegt, während das zentralstaatliche Frankreich weiter zurückgefallen ist. Lassen sich daraus keine Schlüsse ziehen?

Brautmeier: Nein, schließlich sind die Traditionen und Strukturen dieser Länder sehr unterschiedlich. In Deutschland ist die föderale Struktur außerdem historisch gewachsen, die Gründe hierfür liegen auch in den nationalsozialistischen Erfahrungen der geistigen Gleichschaltung. Grundsätzlich ist die föderale Struktur im deutschen Bildungssystem gut, manche Fragen der Umsetzung sind aber nicht ideal.

DIE ZEIT: Kritiker fordern seit Jahren mehr Zentralismus in der Bildung. Werden da einfache Lösungen gesucht, ohne handfeste Argumente zu haben?

Brautmeier: Das Problem in Deutschland ist nicht der Föderalismus als solcher, sondern die Unübersichtlichkeit. Ich finde es absolut verstörend für Eltern, wenn es in jedem Bundesland ei-ne Kombination aus Haupt- und Realschule gibt, aber die Schulen neben anderen Inhalten auch noch andere Bezeichnungen haben! Da muss aufgeräumt und mehr Klarheit geschaffen werden.

DIE ZEIT: Diese Unzufriedenheit geht auch aus Umfragen hervor: 60 Prozent der Bevölkerung wünschen sich mehr Vereinheitlichung im Bildungswesen. Wie wahrscheinlich ist eine Angleichung der Bildungssysteme der Länder?

Brautmeier: Die Kultusministerkonferenz hat das Problem schon erkannt. Einiges hat sich bereits bewegt, etwa die wechselseitige Anerkennung von Lehrerexamen oder das Zentralabitur. Probleme bereitet aber noch die Evaluation. Derzeit dürfen Bildungsforscher einzelne Bundesländer nicht miteinander vergleichen, außer die Studie wurde von der Kultusministerkonferenz genehmigt. Zum Beispiel dürfen wir nicht nach Ursachen suchen, warum Bayern im Vergleich zu Bremen bei Bildungsstudien besser abschneidet.

DIE ZEIT: Warum nicht? Wovor hat man Angst?

Brautmeier: Ich nehme an, die Kultusminister fürchten sich vor den Resultaten und davor, dass plötzlich ein Land bloßgestellt werden könnte – etwa wegen Mängeln in der Lehrerausbildung.

DIE ZEIT: Bundesbildungsministerin Johanna Wanka ist wieder im Amt. Welchen Rat würden Sie ihr gerne mit auf den Weg geben?

Brautmeier: Ich würde mir wünschen, dass das Kooperationsverbot aufgehoben wird, dass der Bund die Länder im Bildungsbereich also finanziell unterstützen darf. Damit wären größere finanzielle Mittel vorhanden, um für mehr Bildungsgerechtigkeit unter den Ländern zu sorgen. Es gibt übrigens auch einen breiten Konsens zur Aufhebung des Verbots, sowohl unter Wissenschaftlern als auch unter Politikern. Etwa die Hälfte der Befragten in meiner Studie hält die Aufhebung in naher Zukunft für realistisch.