An einem Montagmorgen im November steht Morsal Nabi im Nieselregen vor ihrem Wohnheim in Bochum und friert. Die junge Afghanin zieht ihren Mantel enger an den schmalen Körper, sie klappt den Kragen hoch. Es gibt Tage, da wünscht sich Nabi, dass sie beim Frühstück keine Nachrichten auf ihrem Smartphone gelesen hätte. Heute ist so ein Tag. Gerade wird im Deutschen Bundestag darüber diskutiert, welche der afghanischen Helfer in Deutschland Asyl bekommen sollen. Es geht um Dolmetscher, Fahrer oder Wachleute, die in den vergangenen Jahren für die Deutschen gearbeitet haben. In der Zeitung steht etwas von verschiedenen "Gefährdungskategorien", in die die Unterstützer eingeteilt werden. Bei Kategorie eins und zwei soll die Ausreise erlaubt sein. Nabi hat ein flaues Gefühl im Magen, für einen Dolmetscher ist es bereits zu spät, er wurde von den Taliban ermordet.

In diesen Tagen kehrt die 23-Jährige in ihre Heimat zurück, um als Dozentin für Wirtschaftswissenschaften an einer Universität in Afghanistan zu arbeiten. Es ist natürlich nur ein Gedankenspiel, aber: Hat sie durch ihr Studium in Deutschland auch mit dem Feind kooperiert? Könnte auch sie zum Ziel der Taliban werden? "Wird schon gut gehen", sagt sie. Was soll sie auch sagen? Wie die Sicherheitslage sich dieses Jahr entwickeln wird, kann keiner einschätzen.

Morsal Nabi ist eine von elf afghanischen Studenten, die ein Jahr lang an der Ruhr-Universität in Bochum an einem "Bachelor Upgrading Programm" teilnehmen. Der Kurs wurde für Afghanen konzipiert – und soll den heimischen Bachelor auf ein westliches Niveau heben. Mit dem Abschluss können Nabi und ihre Kommilitonen nach ihrer Rückkehr an einer Hochschule lehren.

In diesem Jahr ziehen nach und nach die ausländischen Kampftruppen aus Afghanistan ab, dann soll das Land langsam unabhängig von den westlichen Mächten werden. Es ist häufig davon die Rede, dass der Aufbau, der Wandel hin zu einem demokratischen Land von "innen" heraus vollzogen werden muss: Die Afghanen sollen ihn selbst in die Hand nehmen. Afghanistan ist ein sehr junges Land, 70 Prozent der Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt. Das sei eine Chance, sagen Experten, aber auch eine sehr große Herausforderung. Menschen wie Nabi werden im besten Fall die Entwicklung des Landes maßgeblich beeinflussen. "Wir müssen in die Köpfe investieren", sagt Lars Gerold, Leiter des Referates für Afghanistan des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Ohne ein funktionierendes Bildungssystem sei an eine eigenständige Demokratie und einen nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel nicht zu denken, davon ist man in Deutschland überzeugt. Im Rahmen des Sonderprogramms "Stabilitätspakt Afghanistan" unterstützt der DAAD seit 2002 den akademischen Aufbau in Afghanistan. Auch Nabis Programm wird von ihm finanziert. Dank dieser und anderer ausländischer Gelder ist seit dem Sturz der Taliban viel passiert: Heute studieren 80.000 Afghanen an 26 staatlichen Hochschulen im ganzen Land. Der DAAD vergibt jedes Jahr Stipendien, ermöglicht Forschungsaufenthalte in Deutschland, unterstützt Lehrende in Afghanistan.

Neben Nabi trippeln ihre beiden afghanischen Kommilitoninnen von einem Fuß auf den anderen, auch ihnen ist kalt. Sie haben Tücher lose um den Kopf gelegt. Nabi trägt die Haare zu einem Zopf gebunden. Als sie vor einem Jahr in Bochum ankam und das Wohnheim an einer Schnellstraße mit Blick auf eine Tankstelle sah, ein siebenstöckiges Hochhaus, außen Wellblechfassade, innen Graffiti und bröckelnder Putz, wollte sie nur noch zurück nach Kabul zu ihrer Familie. Sie ist dann doch geblieben, von den Kursen an der Uni war sie sofort begeistert. Weil die Dozenten so jung sind und viele von ihnen weiblich. Weil es überall Internet gibt und Bücher mit aktuellen Forschungsergebnissen.

Zu Beginn des Programms 2002 wurden in erster Linie männliche Studenten nach Deutschland geschickt. Aber 2013 sind es zum ersten Mal acht Frauen und nur drei Männer. Auch hier deute sich ein Bewusstseinswandel an, sagt Wilhelm Löwenstein, er ist Professor für Entwicklungsforschung in Bochum und hat das Programm mitentwickelt. Der Frauenanteil bei den 3.000 Lehrkräften liegt heute bei 20 Prozent, zur Zeit der Taliban waren es gerade mal vier. Nabi soll ein Multiplikator sein, das erhoffen sich der DAAD und die deutsche Regierung. Es ist ein sperriges Wort – für eine sehr wichtige Aufgabe: Ähnlich wie ein Missionar soll sie das, was sie in Deutschland gelernt hat, in ihrem Land an die Studenten weitergeben.

"Wir haben kluge Leute ins Ausland geschickt, damit sie dort viel lernen und das Wissen mit nach Afghanistan bringen", verkündet Osman Babury, der stellvertretende afghanische Bildungsminister. Wie in vielen anderen Krisenregionen leidet auch Afghanistan darunter, dass die besten Köpfe das Land verlassen – und es schwierig ist, sie wieder zurückzuholen. Das Land braucht diese jungen Menschen unbedingt. In den nächsten Jahren rechnet das Bildungsministerium mit einem Anstieg der Studentenzahl um 90 Prozent. Es fehlt an Dozenten, die auf einem westlichen Niveau lehren können. Wirtschaftsexperten wie Nabi und ihre Kommilitonen sind besonders gefragt.

Im Seminarraum wählen Nabi und ihre Freundinnen die Plätze auf der rechten Seite, links sitzt ihr Kommilitone, auch fern der Heimat ist eine Distanz zwischen den Geschlechtern spürbar. An der Wand hängt eine Weltkarte aus dem Jahr 1999. Die einzelnen Länder sind je nach ihrem nationalen Einkommen im Verhältnis zum Weltwirtschaftseinkommen in verschiedenen Blautönen ausgemalt. Die Fläche Afghanistans ist weiß, das nationale Einkommen lag damals bei 0,1 Prozent. Auch heute sieht es mit der Wirtschaft nicht sehr viel besser aus, über 90 Prozent des Bruttoinlandsproduktes werden durch ausländische Hilfen finanziert. Nabi notiert mit Kuli auf ihren Block: "Sicherheit = öffentliches Gut". Vorne neben der Tafel steht der Dozent und erklärt, warum eine gerechte Verteilung der öffentlichen Güter auch aus wirtschaftlicher Sicht wichtig ist. Das Niveau der afghanischen Studenten sei zwar deutlich besser als noch vor ein paar Jahren, aber immer noch nicht auf dem deutschen Stand, sagt er. Der Aufbau eines Bildungssystems sei eben ein langer Weg.

Später in einer Pause sitzt Nabi in der Cafeteria der Uni und erzählt: von ihrer Zeit in Pakistan während des Krieges, von der Rückkehr in ein völlig zerstörtes Land. Von ihrem Vater, der auf dem Land in der nordafghanischen Provinz Baglan aufwuchs. Heute wohnt ihre Familie in Kabul, ihr Vater ist Arzt, er hat in der ehemaligen Sowjetunion studiert. "Er möchte für uns die beste Ausbildung", sagt sie. Und: "Er unterstützt mich." Nabi weiß, dass eine solche Unterstützung nicht der gesellschaftlichen Norm in Afghanistan entspricht. Wenn sie an ihre Freundinnen in Kabul denkt, wird sie oft traurig. Viele sind schon verheiratet, kaum eine studiert, den Großteil ihrer Zeit verbringen sie im Haus. Sie dagegen hat schon an der Universität Kabul einen Bachelor in Finance and Banking gemacht. Wenn sie ihr Studium in Deutschland abgeschlossen hat, wird sie unterrichten und ihr eigenes Geld verdienen können. Mit etwas Glück kann sie später noch ihren Master in Bochum machen. Sie sagt, dass sie gerne nach Afghanistan zurückkehrt, weil sie ihre Familie vermisst und helfen möchte, ihr Land aufzubauen. Letztendlich hat sie aber keine Wahl. Ihr Stipendium des DAAD ist an die Bedingung geknüpft, dass sie zurückgeht. Diese Rückkehr, sagt sie, werde schon eine Umstellung sein.

Hier in Bochum teilt sie sich eine Wohnung mit Studenten aus anderen Teilen der Welt – dort hat sie nicht mal ihr eigenes Zimmer. Nabi wird bei ihrem Onkel und zusammen mit ihren Cousinen, die noch nie eine Schule besucht haben, in einem Zimmer schlafen. "Ich bin wie ein Alien für die." Als Nabi sie letztes Jahr besucht hat, haben sie das erste Mal Jeans gesehen. In solchen Momenten muss sie manchmal an den Satz mit dem Schlüssel denken. "Bildung ist der Schlüssel für die Zukunft Afghanistans." Sie hat diesen Satz schon oft gehört. Sie, Nabi, wird diesen Schlüssel bald in der Hand halten. Doch wenn sie an ihre Verwandten in Baglan denkt, glaubt sie, dass es noch lange dauern wird, bis der Schlüssel richtig passt.

Gut 4.800 Kilometer von Deutschland entfernt sitzt Sardar Kohistani im August mit einem Becher Tee in der Hand am Pool eines Guesthouses in Kabul, in dem Ausländer übernachten und das von einem graubärtigen Torwächter bewacht wird. Hinter den hohen Mauern kehrt auf den Straßen langsam Ruhe ein. Nur gelegentlich dröhnt Sirenenlärm in der Ferne, es knallt wie bei einem Schuss. Kohistani winkt ab, das sei lediglich eine Motorenverpuffung gewesen. Er lächelt gequält, wenn man ihn nach seiner Rückkehr nach Afghanistan fragt. Kohistani ist Professor für Geografie an der Universität in Kabul. 2005 kam er nach Deutschland, um zu promovieren. Vor drei Jahren kehrte er in seine Heimat zurück. Damals schien das geografische Institut an der Universität Kabul aus der Zeit gefallen zu sein. Die Studenten mussten Karten noch mit Bleistift auf Papier zeichnen. Die Bücher stammten aus den sechziger Jahren. Die Atlanten zeigten die Welt des Kalten Kriegs: Die Grenzen der längst zerfallenen Sowjetunion konnten damit studiert werden. Dem aktuellen wissenschaftlichen Standard genügte die Bibliothek nicht mehr.

Kohistani ist jung für einen Professor, 38 Jahre alt, glatt rasiert, anthrazitfarbener Anzug, graues Hemd. Er blättert in zwei Büchern, die mit deutscher Hilfe für die afghanischen Geografen neu aufgelegt wurden. Er streicht mit der Hand über das Cover und zeigt stolz die Hochglanzbilder von Landschaften und Pflanzen in einem der Werke. Damit lasse sich gut lernen, sagt Kohistani. Fast zwei Jahre hat es von der Idee für den Neudruck bis zu dem Augenblick gedauert, in dem er die ersten Exemplare in der Hand hielt. Sogar die älteren Dozenten baten ihn um Bücher, obwohl sie neidisch auf die jungen Wissenschaftler sind und um ihre Posten fürchten. Kohistani redet gestenreich, und er lacht oft. Ohne seinen fast grenzenlosen Optimismus hätte er wohl schon aufgegeben. "Die Senioren hören nicht auf jüngere Institutsmitglieder, sie wollen sich nichts sagen lassen", sagt Kohistani. "Der Wandel ist schwer für sie." Viele der Alten könnten keine Computer bedienen, verstünden kein Englisch, empfingen keine E-Mails, arbeiteten nicht mit Suchmaschinen. Sie seien in der Zeit vor dem afghanischen Bürgerkrieg stehen geblieben. Doch ohne Rechner lasse sich im 21. Jahrhundert keine Lehre betreiben, sagt Kohistani. Mit deutscher Hilfe richtete er PC-Arbeitsplätze ein. Nun werden 80 Studenten am Computer ausgebildet und arbeiten mit dem Geografischen Informationssystem, das internationalem Standard entspricht.

Wer im afghanischen Bildungssystem etwas ändern will, braucht viel Geduld. Das merkte Kohistani, als er sich des 40 Jahre alten Curriculums der Geografen annahm. 2007 wurde ein neuer Lehrplan entwickelt, doch bislang existiert dieser nur auf dem Papier. Kohistani und seine Mitstreiter wollen einen Masterstudiengang einrichten, aber dafür fehlen ausgebildete Dozenten. Ein Großteil der Lehrenden hat kein Diplom, keinen Master- oder Magisterabschluss. Lediglich fünf Prozent der Wissenschaftler an der Kabuler Universität haben promoviert. Ausländische Dozenten nach Kabul zu locken ist nicht leicht. Entführungen und Anschläge haben Akademiker aus Deutschland und anderen europäischen Ländern abgeschreckt. Kohistani schreckt der Terror nicht ab. "Die junge Generation will lernen, wir dürfen sie nicht alleinlassen", sagt er. Besucher aus Deutschland versucht er zu beruhigen: Die Sicherheitslage habe sich schon etwas gebessert.

Auf Nabi würden solche Sätze wenig beruhigend und tröstend wirken. Es sind nicht nur die Sicherheitslage und der Generationenkonflikt, die ihr Sorgen bereiten, sondern es geht für sie gerade als Frau um sehr viel mehr: An den Universitäten wird der Umbruch der Gesellschaft in einem Mikrokosmos sichtbar werden. Wenn es hier gelingt, den Wandel einzuleiten, wäre das ein gutes Zeichen – für die ganze Gesellschaft. Nabi soll dann wohl auch eine Art Symbol sein für die Öffnung Afghanistans, für den Willen zum Fortschritt.

Doch mit dem Aufenthalt in Deutschland, mit den Erfahrungen, wie das Leben in einem demokratischen Land funktioniert, wird die Rückkehr nicht unbedingt leichter. "Uns ist wichtig, dass die Studenten den Bezug zur Heimat nicht verlieren", sagt Lars Gerold vom DAAD. So ist es in Bochum Pflicht, die Masterarbeit zu einem Afghanistan-Thema zu schreiben. Natürlich sei ein Studium in Deutschland grundsätzlich erst einmal sehr positiv, sagt Nils Wörmer von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul – aber Bildung finde eben nicht in einem luftleeren Raum statt. Ob der Aufbau eines Bildungssystems nach westlichem Vorbild gelingen kann, hänge stark mit der gesellschaftlich-politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der gesamten Region zusammen. Was nützen gut ausgebildete Juristen, die nicht eingesetzt werden, weil die Afghanen – gerade auf dem Land – lieber zum Ältestenrat gehen? Was nützen gut ausgebildete BWL-Studenten, wenn es keine Firma gibt, die sich traut, in Afghanistan zu investieren? Und Nabi wird nur als Dozentin arbeiten können, wenn nach den Wahlen in diesem Frühjahr Frauen weiter an den Universitäten zugelassen sein werden.

Jemand, der vielleicht diese gesellschaftlich-politischen Rahmenbedingungen für Nabi und andere Dozentinnen schaffen könnte, ist Basir Feda. Der 30-Jährige macht an der renommierten Hertie School of Governance einen Master in Public Policy and Good Governance. Die Universität an der Berliner Friedrichstraße gilt als Eliteeinrichtung für den politischen Nachwuchs. Feda spricht fließend Englisch, trägt ein hellblaues Hemd, "Boss" ist auf die linke Brusttasche gestickt. Feda gehört zu einer kleinen aufstrebenden Elite in seinem Land. Bei seiner Rückkehr könnte er eine zentrale Rolle in der afghanischen Politik einnehmen. Er hat nach seinem Schulabschluss für die Amerikaner gedolmetscht, dann für die deutsche Botschaft und die UN gearbeitet. Schon damals spürte er eine Distanz – zwischen sich und vielen seiner Landsleute: Du bist gar kein richtiger Afghane, sagten sie zu ihm, wenn er anfing, mit seinen Bekannten über Politik zu diskutieren. Ob es ihm gelingt, bei seiner Rückkehr die Akzeptanz und vor allem das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen? "Die sozialen und kulturellen Strukturen in Afghanistan sind nicht mit denen in Deutschland zu vergleichen", sagt er. Auch er muss wieder lernen, geduldig zu sein, er weiß das, und doch fällt es ihm mit jedem Monat, den er in Deutschland ist, schwerer. Gerade fiebert er den Wahlen im Frühjahr entgegen. Wenn diese demokratisch ablaufen, dann hat er allen Grund zum Optimismus. Und wenn nicht? Er zuckt die Schultern, gerade kann er nicht sagen, ob er dann zurückkehren möchte. Denn das hieße für ihn, in einem korrupten Staat zu arbeiten.

Später am Abend hockt Nabi im Schneidersitz auf einem plüschigen Sofa in der Gemeinschaftsküche. Vor sich auf den Knien hat sie ihr Smartphone liegen. Sie ist bei Facebook, nutzt WhatsApp, skypt jeden Abend mit ihrer Familie. Vor ein paar Wochen war sie in Paris, auf dem Eiffelturm. Aber das Tollste, erzählt sie, seien die zwei Tage im Disneyland gewesen. Sie sei fast die ganze Zeit nur Karussell gefahren, Achterbahn, Autoscooter. Ihr Finger fährt über den Bildschirm ihres Smartphones, irgendwo hat sie noch die Fotos gespeichert. In ihrem Zimmer sind die Wände kahl, im Regal steht roter Nagellack, auf dem Tisch liegt ein Gebetsteppich. Sie sei nicht wirklich gläubig, sagt sie und grinst. "Ich weiß nicht mal, ob ich in die richtige Himmelsrichtung bete." Aber irgendwie gebe ihr das Beten ein Gefühl von Zuhause.

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