Er war ein Wilhelminer, der den Wilhelminismus verabscheute, seinen Dünkel, seinen Protz, seine autoritäre Ignoranz und Beschränktheit. Aber er litt auch unter dem hanseatischen Provinzialismus, der Indolenz seiner Stadt Hamburg, die er mit wahrlich wilhelminischem Optimismus und Zukunftsfreude zu einer Kunststadt machen wollte. Dazu gehörte als Erstes der Ausbau der bescheidenen Kunsthalle zu einer großen Galerie neuen Stils. Kein Museum sollte es sein, "das dasteht und wartet, sondern ein Institut, das tätig in die künstlerische Erziehung unserer Bevölkerung eingreift".

Mit diesem oft zitierten Satz formulierte Alfred Lichtwark bereits in seiner Antrittsrede 1886 die Vision eines modernen Museums, das seine Sammlungen "pädagogisch nutzbar" macht. In den folgenden fast drei Jahrzehnten prägte Lichtwark das kulturelle Leben in Hamburg und weit darüber hinaus. Es gelang ihm tatsächlich, den Geist der Avantgarde in die Stadt zu holen und aus der Stadt heraus ganz Deutschland Impulse zu geben.

Ausgangspunkt blieb zunächst "seine" Kunsthalle. Die Entwicklung des bereits 1869 eröffneten Hauses zu einem Institut von Rang war sein Verdienst. Dazu baute er die Gemäldegalerie mit deutscher Malerei des 19. Jahrhunderts und das Kupferstichkabinett aus, kaufte Meisterwerke von Max Slevogt und Lovis Corinth. Doch das Museum sollte auch die Kunstproduktion ankurbeln. Vierzig Künstler, einheimische und ausländische, darunter internationale Stars wie der Schwede Anders Zorn, wie Pierre Bonnard und Édouard Vuillard aus Frankreich, wurden eingeladen und mit Aufträgen versorgt.

Diese Idee der aktiven Kunstförderung – wobei Lichtwark die jungen Maler des Hamburgischen Künstlerclubs von 1897 besonders bedachte – war revolutionär. Max Liebermann, von dem Lichtwark 39 Gemälde erwarb, galt er, der Anreger und Vermittler, gar als "Praeceptor Germaniae".

Und ein praeceptor – das war Alfred Lichtwark tatsächlich. 1852 als viertes Kind eines Müllers in Reitbrook bei Hamburg geboren, hatte er zunächst eine Ausbildung zum Volksschullehrer absolviert. Später ging er nach Leipzig, wo er Buchwissenschaft studierte und 1885 promoviert wurde. Schon im Jahr darauf berief man den 34-Jährigen – nach einer kurzen Zwischenstation am Berliner Kunstgewerbemuseum – an die Hamburger Kunsthalle.

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Hier entfaltete er rasch eine staunenswerte Emsigkeit, rund um die Uhr beschäftigt als Ratgeber, Redner, Jurymitglied und versierter Autor. Und eben als Lehrer. Denn Kunst sollte in der Erziehung der Jugend eine ganz neue, wichtige Rolle spielen. So wurde Lichtwark zu einem Wegbereiter der Reformpädagogik. Unermüdlich hielt er Vorträge zum Thema, verfasste Übungen in der Betrachtung von Kunstwerken und initiierte eine "Lehrervereinigung zur Pflege der künstlerischen Bildung in der Schule". Die Herzen und nicht nur die Köpfe der Schüler und ihrer Erzieher wollte er erreichen. "Ein Lot Anschauungsvermögen ist für das Leben mehr als ein Zentner Wissen", lautete sein Motto. Auch die in Berlin erscheinende "neue deutsche Bombenkunstzeitschrift" Pan, an der Lichtwark seit 1895 maßgeblich beteiligt war, wünschte er sich als "Bildungsorgan für Deutschland".