Japans Blutorakel

Miho Noji hat die Hoffnung nicht aufgegeben. "Er hat Blutgruppe 0", sagt sie. Nachdenklich schaut sie in die Luft, seufzt dann. "Ich habe A, ich bin emotional und manchmal empfindlich, streng und ernsthaft." Ihr Äußeres erweckt allerdings einen ganz anderen Eindruck: Miho Noji trägt ihr welliges Haar offen, und anders als viele Japanerinnen ihres Alters wagt sich die 26-Jährige auch in Turnschuhen aus dem Haus. Ein Widerspruch? Diese Gegensätze seien ja gerade typisch für Blutgruppe A, erklärt sie.

Eigentlich hätten Noji und ihr Exfreund also harmonieren müssen. Blutgruppe 0 – Leute dieses Typus sollen zwar egoistisch und unsensibel sein, aber eben auch ehrgeizig, leidenschaftlich und sozial. Und weil jede japanische Frauenzeitschrift trotz aller Gegensätze auf die Paarung A plus 0 schwört, glaubt Noji immer noch an eine glückliche Wendung – sogar ein halbes Jahr nach der Trennung.

"Ich weiß auch nicht, warum wir darauf vertrauen", sagt Noji, die gebildet ist und einen akademischen Abschluss hat. "Aber fast alle tun es." Tatsächlich kennt jeder Japaner die eigene Blutgruppe. Nach vorherrschendem Verständnis bestimmt die Blutgruppe den Charakter, das Temperament und damit die Eignung für einen Beruf. Politiker ziehen mit dem Aberglauben in den Wahlkampf, die Wirtschaft nutzt ihn aus.

Ein Industrieland, vielleicht das fortschrittlichste der Welt – und dann das? Hat sich hier ein uralter Volksglaube in eine Alltagsgewohnheit hinübergerettet? Wurzelt der Hokuspokus tief in der Geschichte des Inselvolkes? Weit gefehlt: Japans Blutgruppenhoroskope von heute haben ihren Ursprung in einer der vielen wissenschaftlichen Verfehlungen des vorigen Jahrhunderts.

Die Faszination für das Blut entspringt der medizinischen Forschung in Zeiten des Rassenwahns. Als der japanische Arzt Kimata Hara 1916 erstmals einen Zusammenhang zwischen Blutgruppe und persönlichem Charakter hergestellt hatte, dauerte es nicht lange, bis Forscher damit alles Mögliche erklären wollten – sogar den unterschiedlich starken Widerstand bei den Nachbarn gegen die japanische Kolonialisierung. Der Mediziner Takeji Furukawa berichtete 1931 in einem Aufsatz, dass sich die Volksgruppe der Ainu auf der Nordinsel Hokkaido viel bereitwilliger habe unterwerfen lassen als etwa die Taiwaner.

Gleichzeitig fand Furukawa heraus, dass unter den Taiwanern 41 Prozent die Blutgruppe 0 hatten, unter den Ainu nur gut 23 Prozent. Da musste ein Zusammenhang bestehen! Blutgruppe 0? Eben: stark, störrisch und eigensinnig. Genau für diesen Typus interessierte sich in den dreißiger Jahren das japanische Militär, um geeignete Soldaten für die Eroberungskriege im Pazifik zu rekrutieren.

Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg war die Blutgruppenlehre rasch diskreditiert, weil ihr schlicht die wissenschaftliche Grundlage fehlte. Schon die Stichprobe der durch Takeji Furukawa untersuchten Personen war zu klein gewesen. Und was Blutgruppen objektiv voneinander unterscheidet, sind verschiedene Moleküle an der Oberfläche der roten Blutkörperchen. Dass diese in irgendeiner Weise den Charakter bestimmen, behauptet heutzutage kein Wissenschaftler mehr.

Doch dem pseudohämatologischen Zauber des Blutgruppenglaubens tut das bis heute überhaupt keinen Abbruch. Im Fernsehen werden täglich mehrere Blutgruppenhoroskope ausgestrahlt, und für jeden einzelnen Typus gibt es alles Mögliche zu kaufen: Softdrinks, deren Zutaten bestimmte Charaktereigenschaften verstärken; Badesalz, das typuspezifisch entspannen helfen soll. Manche Datingveranstalter, die anhand der Blutgruppe passende Partner vermitteln wollen, haben für den Erfolgsfall sogar entsprechend unterschiedlich geformte Kondome im Sortiment. Bücher voller Tipps zum sozialen Umgang mit den Bluttypen verkaufen sich millionenfach.

Selbst Spitzenpolitiker versuchen ihre Fehler mit der Blutgruppe zu entschuldigen

So akzeptiert ist der Aberglaube, dass selbst Spitzenpolitiker ihre Fehler mit der Blutgruppe zu entschuldigen versuchen. Als Japans Regierung nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami des Jahres 2011 Ryu Matsumoto zum Wiederaufbauminister berufen hatte, musste dieser bald wieder seinen Hut nehmen. Er hatte Betroffene in der Katastrophenregion beschimpft. Unverzeihlich? "Meine Blutgruppe B bedeutet, dass ich wütend und ungestüm werden kann", erklärte ein kleinlauter Matsumoto danach. "Da kommen meine wahren Gefühle nicht immer gut rüber." Japans derzeitiger Premierminister Shinzo Abe hingegen erwähnt ganz gern, dass er Blutgruppe B ist – das mache ihn zu einer Führungspersönlichkeit.

Sucht man aber einen Wissenschaftler, der sich mit dem Thema befasst, muss man sich von den evidenzbasierten Disziplinen entfernen und etwa die Theologie bemühen. So glaubt der Religionsprofessor Terumitsu Maekawa von der Asia University in Tokio zwar auch nicht, dass die Blutgruppe den Charakter bestimmt. Aber vage Tendenzen liest er immerhin aus ihr ab. In einer Arbeit versuchte er die Verteilung der Blutgruppen mit dem Auftreten religiöser Weltbilder zu korrelieren: Im Westen, wo die Gruppen A und 0 überwögen, hingen die Menschen vor allem monotheistischen Religionen wie dem Christen- oder Judentum an. In Asien dagegen, wo es mehr Menschen der Blutgruppe B gebe, verehre man in Gestalt von Buddhismus oder Hinduismus eher mehrere Götter.

Doch harmloser Unfug ist die Blutgruppendeuterei inzwischen bei Weitem nicht mehr: In Japans Schulen wird von Mobbing aufgrund der Blutgruppe berichtet. Selbst bei Vorstellungsgesprächen müssen Japaner auf die Frage nach A, B, AB oder 0 gefasst sein. Der Mythos des Blutes ist auf dem besten Weg zu einer gefährlichen Tradition.

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