Gegen zehn an einem Freitagabend im Dezember setzt sich Guido, der Friseur, im Robinson Club Mallorca zu Claudia Pechstein. Die Wild Wild West Party beginnt gerade, die ersten Gäste singen mit. Pechstein hat sich in eine Ecke der Bar zurückgezogen, ihr ist kalt, sie zieht ihre Daunenweste bis oben zu. Sie friert andauernd, bemerkenswert für eine Eisschnellläuferin. Guido fragt sie: "Wie geht’s dir?" – "Gut!", sagt Pechstein und richtet sich auf, ihre Stimme hebt sich. Sie wirkt, als hätten ihr diese Frage in den vergangenen Jahren nicht viele gestellt. Guido hat Pechstein am Nachmittag drei Stunden lang geschminkt und frisiert. Für die Fotos. Pechstein vertraut ihm, und sie vertraut nicht vielen. Seit Jahren kommt sie nach Mallorca zum Training, heute Vormittag ist sie schon ein paar Stunden Rad gefahren, immer den Berg hinauf in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Sotschi. Früher trainierte auch das Team der Telekom im Robinson Club, feierte legendäre Partys, so lange, bis Jan Ullrich des Dopings überführt wurde. Die Party endete jäh.

Claudia Pechstein erzählt Guido, dass sie immer die Erste sein muss, jede Verkehrsampel ist für sie eine Herausforderung. Sie will siegen, siegen, siegen. "Du hast eine angenehme Stimme", sagt Guido. Pechstein lächelt, ihr Oberkörper gibt ein wenig nach. Entspannung. Sie muss sich nicht verteidigen, nichts erklären, Guido findet sie einfach nur gut. Guido sagt, er sei ein Verfechter der These, alles sei Kopfsache. Auch die Blutanomalie, von der Pechstein sagt, dass sie sie habe, bestimme sie selbst mit. Pechstein weiß nicht so recht. Spätestens nach zehn Minuten geht es in jedem Gespräch mit Pechstein um ihr Blut. Um die Frage: Hat sie es manipuliert oder nicht? Sie kennt ihre Werte auswendig, Hämatokrit, Hämoglobin, Retikulozyten. Sie ist Expertin für ihren Körper. Guido fragt, ob sie meditiere. Nein! Pechstein sagt, sie schaffe es, jede Runde in der Eishalle in fast derselben Zeit zurückzulegen, nur mit wenigen Hundertstelsekunden Abweichung. Guido: "Du bist ein Uhrwerk!" Das ist das Bild von Claudia Pechstein, das die Öffentlichkeit beherrscht – effizient, diszipliniert, kontrolliert. Fünf Olympiasiege, unzählige Weltmeisterschafts- und Weltcup-Medaillen, die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin. Eine Eislaufmaschine. Wäre die Nacht vom 7. auf den 8. Februar 2009 im norwegischen Hamar nicht gewesen, wäre diese Geschichte nun zu Ende. Seit dieser Nacht spricht Pechstein über sich wie über einen Fall.

Bei einer Blutprobe wurden damals erhöhte Retikulozyten gemessen. Daraufhin wurde Pechstein für zwei Jahre wegen Dopings gesperrt. In ihrem Blut oder in ihrem Urin waren keine verbotenen Substanzen gefunden worden. Claudia Pechstein war die erste Sportlerin, die aufgrund eines indirekten Beweises gesperrt wurde, aufgrund eines erhöhten Blutwertes, von dem zunächst niemand wusste, was er eigentlich genau bedeutete.

Der Fall Pechstein entwickelte sich daraufhin zu einer Art modernem Glaubenskrieg. Er entzweit Anwälte, Journalisten, Ärzte, Experten. Bis jetzt. Wer heute in diesem Fall recherchiert, wird stets gefragt, zu welchem Lager er gehöre, welche Tendenz er vertrete. Nach ein paar Wochen im Universum Pechstein fühlt man sich angeschlagen, als kämpfe man selbst in einer Schlacht. Claudia Pechstein polarisiert. Sie weiß das. "Wem das nicht passt, der kann mir aus dem Weg gehen." Sie hat sich stets mit Konkurrentinnen angelegt, mit Trainern, mit Funktionären, und seit vier Jahren liegt sie im fortwährenden Kampf mit der Internationalen Eislaufunion (ISU). Seit dem Ende der Sperre 2011 läuft Pechstein wieder für den Verband, der sie damals gesperrt und den sie gerade vor dem Landgericht München auf vier Millionen Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld verklagt hat. In jeder Eishalle hängt die ISU-Fahne, die Funktionäre des Verbandes müssen ihr gratulieren, wenn sie siegt. Und Pechstein siegt wieder. Sie gilt als eine der wenigen Medaillenhoffnungen für die Olympischen Spiele in Sotschi. Mit 41 Jahren.

Ein Freitagnachmittag in Berlin-Hohenschönhausen, Weltcup im Eisschnelllauf. In der Halle laufen die Maskottchen der Basket- und der Handballmannschaft, "Albatros" und "Fuchsi", auf dem Eis. Es sind nur wenige Zuschauer gekommen, Eisschnelllauf bleibt eine Randsportart. Pechstein ist auf dem Weg in die Umkleidekabine, ihr Gesicht ist gerötet, die blonden Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Sie wirkt angespannt, das tut sie oft. Wie es Claudia Pechstein geht, zeigt ihre Stirn: Wenn eine tiefe horizontale Falte erscheint, steht sie unter Druck. Ist die Stirn glatt, ist Pechstein entspannt. Eine "Sympathieträgerin", wie es so schön heißt, war sie nie. Sie ist nicht geschmeidig, nicht nett, nicht bescheiden. Ihr Trainer André Unterdörfel, der seit ihrer Sperre bei ihr ist, sagt, sie ziehe Kraft aus negativen Emotionen. Wut treibt sie voran.

An diesem Ort ist Pechstein groß geworden, hier stand sie 1976 mit dreieinhalb das erste Mal auf dem Eis. Ein hyperaktives Kind. Ihre Mutter Monika Pechstein sagt, sie habe nie schlafen wollen, das letzte Mittel war der Sport. Alle vier Kinder waren einmal Eisläufer, durchgehalten hat nur Claudia. Nun wird die Mutter oft gefragt: "Wie geht’s deiner Tochter?" So als gäbe es die anderen Kinder gar nicht. Als sie klein war, musste Claudia Pechstein viele Jahre die S-Bahn um 6.12 Uhr in der Früh schaffen und war oft abends erst um 20 Uhr zu Hause. Dann war "Claudi" endlich kaputt. "Ich habe nichts vermisst in meiner Kindheit", sagt sie. Ihre Discobesuche kann sie an zwei Händen abzählen. Sie hatte nie Zeit für andere Leidenschaften. Sie war seit zehn Jahren nicht mehr im Kino, sie liest nicht gern. Selbst am Tag nach dem Mauerfall ging sie zum Training. "Ich kann doch nicht alles stehen und liegen lassen." Entweder sie trainiert, sie schläft, oder sie tritt bei einem Wettkampf an. Ihre Mutter erinnert sich, Claudia habe als Kind geweint, wenn sie nicht auf dem Treppchen stand. Pechstein wollte stets die Erste sein. Es gab nie etwas anderes als das Eis.

Man ahnt, was dieser Dopingvorwurf für sie bedeutet. Es geht nicht nur um ihren Ruf. Es ist, als sei ihr gesamtes Leben infrage gestellt worden. Sie selbst sagt, sie trage das Wort "Doping" nun wie einen Stempel auf ihrer Stirn. Ein Schandmal. Solange es nicht ausgemerzt ist, wird sie keine Ruhe geben.