Großbritannien: Alle reden vom Wetter. Die Insel wird von heftigen Atlantikstürmen gepeitscht, und so manche Grafschaft steht unter Wasser. Vielleicht deswegen bemühte sich Schatzkanzler George Osborne um meteorologische Analogien, als er Anfang der Woche über die Aussichten für die britische Wirtschaft sprach. "Die wirtschaftliche Großwetterlage ist wesentlich erfreulicher als die aktuellen Satellitenbilder." Das Wirtschaftstief der vergangenen Jahre sei eindeutig dabei abzuziehen. Für 2014 rechnet Osborne mit einem Wachstum von drei Prozent, und so ziemlich alle Analysten und Wirtschaftsweisen bestätigen diese Prognose.

Es wird also ein Jahr des Aufatmens. Und für eingefleischte Angelsachsen, also für diejenigen, die sich in den letzten Jahren nicht nur um die Wiederbelebung der britischen Wirtschaft gesorgt haben, sondern um den Ruf des angelsächsischen Wirtschaftssystems an sich, wird es ein Jahr des Triumphes. John Redwood, der wirtschaftspolitische Sprecher der konservativen Fraktion im Parlament, klingt immer noch indigniert, wenn er an die Finanzkrise von 2008 erinnert und an "die Häme, die damals von Europa aus nach England schallte". Das angelsächsische Modell – niedrige Steuern, kleiner Staat und ein dynamischer Privatsektor – sei für tot erklärt worden. "Und jetzt? Jetzt kann die Euro-Zone gerade mal mit einem Prozent Wachstum rechnen, während die USA und Großbritannien drei Prozent vorlegen werden."

Auf den ersten Blick mag Redwood recht haben. In den vergangenen 14 Monaten haben britische Unternehmen mehrere Hunderttausend neue Jobs geschaffen. Die Arbeitslosenquote sank von 8,5 Prozent auf 7,4 Prozent. In der Euro-Zone dagegen blieb sie bei rund 12 Prozent. Gleichwohl ist diese Argumentation falsch. Die hohe Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone ist nicht durch makroökonomische Dogmen zu erklären, sondern durch die Strukturfehler der Einheitswährung. Überdies begründen Analysten ihren Optimismus mit den besseren Aussichten, die Großbritannien im Handel mit seinen wichtigsten Partnerländern habe. Außer den USA sind das die Euro-Staaten Deutschland, Frankreich, die Niederlande und Irland.

Es ist auch zu erkennen, dass hinter dem Vorhang aus erfreulichen Prognosen auf der britischen Bühne das nächste Drama einstudiert wird. Die Regierungskoalition aus Konservativen und Liberaldemokraten hat sich entschlossen, an dem angelsächsischen Modell festzuhalten – und bereitet damit der nächsten Krise den Boden.

Um den Haushalt auszugleichen, hat Osborne, seit er 2010 Finanzminister wurde, die Staatsausgaben um rund 81 Milliarden Pfund (97 Milliarden Euro) gekürzt. Das entspricht rund 4,5 Prozent der britischen Wirtschaftsleistung. Dadurch konnte er die Verschuldung von elf auf sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes reduzieren, ohne sich bei den Wählern allzu unbeliebt zu machen. Diese ertrugen die Einsparungen zunächst tapfer und machten aus der Not eine Tugend. Etatkürzungen von bis zu 25 Prozent pro Kabinettsressort wurden als notwendiges Übel akzeptiert. Als Osborne Anfang der Woche vom Wetter sprach und von den allgemein guten Aussichten, verkündete er darüber hinaus, dass der Sparzwang noch sehr lange bestehen bleibe. Selbst nach den Wahlen in zwei Jahren will er weitere 25 Milliarden Pfund einsparen. Das mag notwendig und richtig sein, aber den Briten reicht es nun. Genug gespart, sagen sie sich und kehren zu schlechten alten Gewohnheiten zurück. Anstatt ihre Schulden abzuzahlen, greifen sie wieder zur Kreditkarte und shoppen bis zum Anschlag. Für den Einzelhandel ist das gut, er war mit dem Weihnachtsgeschäft zufrieden. Auch die Zahl der angemeldeten Neuwagen hat einen neuen Höchststand erreicht – ebenso wie die Verschuldung der Privathaushalte. Im Dezember summierte sich die Schuldenlast der Bürger auf 1,4 Billionen Pfund (1,7 Billionen Euro). Es ist ein neuer Rekord und entspricht in etwa der Wirtschaftsleistung des Landes.

Der "Mann in dem Omnibus", wie der Normalverbraucher im Englischen bezeichnet wird, folgt also instinktiv dem konservativen Dogma. Es lebe der angelsächsische Kapitalismus! Und die Regierung folgt ihren Wählern auf diesem Weg. Wider besseres Wissen.

Der Aufschwung sollte langfristig sein und von einer reindustrialisierten Exportwirtschaft getragen werden, so hatte Osborne es sich 2010 vorgenommen. Dafür wurden Strukturreformen angeschoben, die die Industrie langfristig wettbewerbsfähig machen sollten, und die Vergabe von Forschungsgeldern an die Unternehmen wurde ausgeweitet. Lehrstellen für hoch qualifizierte Arbeitskräfte sollten geschaffen werden; Regierungsdelegationen begaben sich auf Reisen, um neue Märkte in Südamerika und Asien zu aufzutun. Anstatt an diesen Reformen festzuhalten, siegte politischer Opportunismus.

Das wenige Geld, das zur Ankurbelung der Wirtschaft da war, wurde in ein kurzfristiges Wohlfühlpaket gesteckt. Zwölf Milliarden Pfund (14 Milliarden Euro) stehen zur Verfügung, um jungen Briten den Einstieg in den Immobilienmarkt zu erleichtern. Zwar sind die Hauspreise nach dem Crash in weiten Teilen des Landes zunächst stark gesunken, aber für Berufseinsteiger ist das Eigenheim immer noch unerschwinglich. Durch ihr "Hauskaufhilfsprogramm" subventioniert die Regierung jetzt junge Käufer. Das Resultat: Immobilienpreise, die vor dem Crash um durchschnittlich 30 Prozent überzogen waren, liegen mittlerweile höher als 2007.

Was beim Wähler für gute Laune sorgen soll, feuert in Wahrheit die nächste Blase an, bevor die Wirtschaft richtig in Gang gekommen ist. Gleichzeitig wird ein anderer wichtiger Wachstumsmotor gedrosselt, denn die Kreditvergabe der Banken an kleine und mittelständische Unternehmen nimmt trotz aller Anreize der Zentralbank und Ermahnungen der Politik weiter ab.

Unterdessen stellt sich heraus, dass das Lehrstellenprogramm der vergangenen Jahre sein Ziel weitgehend verfehlt hat. Seit 2010 wurden 1,5 Millionen Lehrstellen geschaffen, doch über achtzig Prozent davon nicht in der Industrie, wo qualifizierte Arbeiter gebraucht werden, sondern im Einzelhandel, in Callcentern und in der Gastronomie.

Ganz gleich also, wer in fünf oder zehn Jahren Schatzkanzler sein wird: Wenn er oder sie dann die Meteorologie bemüht, um die Wirtschaftslage zu beschreiben, wird wahrscheinlich die Rede von einem bedrohlichen Tief sein, das über der Insel festsitzt.