ZEIT: Seit wann denn das?

Murakami: Das erste Mal ist es mir bei meinem Roman Wilde Schafsjagd passiert. Das ist jetzt über dreißig Jahre her. Ich saß am Schreibtisch, als plötzlich und wie von selbst diese seltsame Kreatur auftauchte. Der Schafsmann. Der kam von der anderen Seite. Ich wusste nicht, wer das war und was er von mir wollte. Aber ich wusste, dass ich ihn brauchte. Er war eine Nachricht für mich. Also habe ich ihn beschrieben. Mehr musste ich nicht tun.

ZEIT: Sind Sie religiös?

Murakami: Ich bin nicht religiös. Ich glaube nur an die Vorstellungskraft. Und daran, dass es nicht nur eine Realität gibt. Die wirkliche Welt und eine andere, irreale Welt bestehen zugleich, sie hängen ganz eng miteinander zusammen. Manchmal vermischen sie sich. Und wenn ich es will, wenn ich mich stark konzentriere, kann ich die Seiten wechseln. Ich kann kommen und gehen. Das passiert in meiner Literatur. Darum geht es. Meine Geschichten spielen mal auf der einen, mal auf der anderen Seite, und ich bemerke den Unterschied nicht einmal mehr.

ZEIT: Also geht es, wenn Sie von der anderen Seite sprechen, um einen literarischen Spiritismus?

Murakami: Es geht darum, was beim Schreiben passiert. Um die Dinge, die mir in meiner Vorstellungskraft begegnen und beim Erzählen der Geschichte helfen. Das können Einhörner, Schafe, Elefanten und Katzen sein, aber auch die Dunkelheit und die Musik. All das bekommt erst durch das Schreiben eine Seele. Es ist wie im Animismus. Die Dinge kommen zu mir, ohne dass ich sie rufe. Ich muss mich nur sehr darauf konzentrieren.

ZEIT: Sie sprechen von diesen Dingen, als gäbe es sie schon ewig.

Murakami: Manchmal fühle ich mich wie ein Geschichtenerzähler aus der Prähistorie. Die Menschen sitzen in einer Höhle, sie sind da gefangen, draußen regnet es. Aber ich bin auch da und erzähle ihnen ein paar Geschichten. Ich bin von Dunkelheit umgeben, aber diese Elemente, diese spirituellen Dinge, sind um mich herum, ich muss nur nach ihnen greifen. Das ist doch schon seit ewigen Zeiten so: Wir erzählen uns Geschichten. Wir hören gerne Geschichten. Und dafür bin ich nun mal Experte. Ich möchte ein möglichst guter Geschichtenerzähler sein. Ich weiß ja auch, dass das Leben da drinnen in der Höhle ziemlich elend ist. Mein Job ist es, die Menschen dieses Leben vergessen zu lassen. Dafür habe ich als Geschichtenerzähler eine Technik entwickelt. Auch wenn manche Leute glauben, es komme gar nicht so sehr darauf an: Erst durch Technik wird aus einer Geschichte auch eine gute Geschichte.

ZEIT: Wie haben Sie denn diese Technik entwickelt?

Murakami: Ich habe das nicht gelernt. Ich habe einfach immer ernsthaft geschrieben und weitergeschrieben. Dabei hat sich meine Technik wie von selbst entwickelt.

ZEIT: In Ihrem Roman Wilde Schafsjagd zum Beispiel kommen aber nicht nur übernatürliche Kreaturen vor. Das Buch handelt auch von einem kettenrauchenden Detektiv, es ist ein Krimi in der Tradition von Raymond Chandler und Arthur Conan Doyle. Sind Sie überhaupt ein japanischer Schriftsteller?

Murakami: Meine Eltern waren Lehrer für japanische Literatur. Vielleicht liegt es daran, dass ich schon aus Trotz früh vor allem andere Bücher gelesen habe. Dostojewski, Kafka, Tolstoi, Dickens und so weiter. Außerdem habe ich eine Menge amerikanischer Autoren ins Japanische übersetzt: F. Scott Fitzgerald, Raymond Carver und, ja, auch Raymond Chandler. Trotzdem bin ich ein japanischer Schriftsteller. Meine Wurzeln stecken in japanischem Boden.

ZEIT: In Japan gelten Sie als unpatriotischer Autor. Man wirft Ihnen vor, Sie seien zu verwestlicht.

Murakami: Das ist Unsinn. Ich mag nur eine bestimmte Sorte von Literatur nicht. Gegen Yasumari Kawabata oder Yukio Mishima habe ich eine richtige Allergie.

ZEIT: Beide gelten als Weltliteraten, beide haben sich umgebracht. Haben Japaner eine besonders stark ausgeprägte Todessehnsucht?

Murakami: Ein paar meiner besten Freunde sind so gestorben. Das ist sehr traurig. Aber sie hatten natürlich das Recht, das zu tun. Dass es in Japan mehr Selbstmorde gibt als im Westen, hat bestimmt auch mit der buddhistischen Lehre zu tun, die den Suizid nie als Sünde begriffen hat. Und einige Leute erkennen im Akt des Selbstmords tatsächlich eine gewisse Schönheit. Sie sehen darin eine stolze Tat. Das ist mir völlig fremd. Ich lebe, damit ich schreiben kann.