ZEIT: Wie geht es Ihnen, wenn Sie schreiben?

Murakami: Schreiben ist für mich der Sinn des Lebens. Durch das Schreiben ist mein Leben etwas Besonderes geworden. Mein Schreibtisch ist das, was für Clark Kent die Telefonzelle ist: Hier verwandle ich mich in Superman. Beim Schreiben kann ich alles tun, was ich will. Ich habe keine Angst mehr. Aus der Vorstellungskraft kann ich alles schöpfen. Beim Schreiben kann ich die Welt retten. Aber sobald ich den Schreibtisch verlasse, verwandle ich mich wieder in Clark Kent zurück. Das können Sie mir glauben: Ich bin wirklich die gewöhnlichste Person der Welt. Ich bin ein guter Ehemann, schreie niemanden an, flippe niemals aus. Aber ich komme im normalen Leben auch auf keine einzige Idee für meine Literatur. Wenn ich laufe, koche oder am Strand liege, dann geht mir überhaupt nichts durch den Kopf.

ZEIT: Was machen Sie überhaupt auf Hawaii?

Murakami: Es ist so langweilig hier. Aber wenn ich in einem langweiligen Land wie Amerika lebe, habe ich das Gefühl, dass ich allein bin und nirgendwo hingehöre. Dann bin ich bei mir selbst und fühle mich unabhängig. Das gefällt mir. In Japan bin ich viel zu prominent. Man erwartet von mir, dass ich mich zu bestimmten Debatten äußere, ich werde auf der Straße erkannt, auch wenn ich nie im Fernsehen auftrete. Und ich bin dieser Position immer überdrüssiger geworden. Ich fühle mich viel freier, wenn ich nicht in Japan bin.

ZEIT: Wohnen Sie hier dauerhaft?

Murakami: Ich habe seit sieben Jahren ein Haus in Honolulu. Es ist ein schönes altes Haus, noch vor dem Krieg erbaut. Alle zwei Monate fliege ich nach Japan, um meine Mutter zu besuchen, die ist 90 Jahre alt und hat gesundheitliche Probleme. Aber insgesamt verbringe ich hier acht Monate des Jahres und vier in Tokio. Im nächsten Jahr wird sich das Verhältnis wohl umkehren. Dann läuft mein Vertrag mit der Universität aus und damit auch mein dauerhaftes Visum. Nach dem 11. September sind die Amerikaner da sehr strikt geworden. Ich frage mich manchmal: Sehe ich aus wie ein Terrorist?

ZEIT: Ihr Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki spielt zum Teil in Finnland. Waren Sie mal da?

Murakami: Einmal, in den achtziger Jahren. Aber das hatte ich schon wieder völlig vergessen. Also bin ich noch einmal hingefahren, als ich den Roman zu Ende geschrieben hatte. Es ist hübsch da.

ZEIT: Sie hätten auch fahren können, bevor Sie den Roman geschrieben haben.

Murakami: Ich recherchiere nicht gern. Das hemmt die Vorstellungskraft. Aber es ist seltsam. Ich habe mir mein Finnland im Kopf ausgemalt, und als ich da war, stellte ich fest, dass alles ganz exakt so aussieht wie im Roman. Ein echtes Déjà-vu. Genauso ging es mir bei Kafka am Strand. Auch da war die Stadt Takamatsu eine einzige Fantasiegeburt. Ich war noch nie zuvor dort gewesen. Aber als ich dann hinfuhr, war es, als hätte ich das alles selbst erfunden – die Strände, die Felsen, einfach alles. Oder in Mister Aufziehvogel: dasselbe mit der Mongolei. Je stärker die Fantasie arbeitet, desto wahrhaftiger wird das Bild. Aber natürlich – ein kleines bisschen gucke ich mir auch mal bei Wikipedia an.

ZEIT: Ihre Protagonisten sind meist ziemlich einzelgängerische Typen. Sind Sie selbst ein einsamer Mensch?

Murakami: Ich bin ein Einzelkind und habe mich mit den Katzen unterhalten, die wir zu Hause hatten. Einsamkeit bedeutet für mich Unabhängigkeit. Ich war mein ganzes Leben schon auf mich selbst gestellt.

ZEIT: Sie scheinen nicht darunter zu leiden.

Murakami: Ich kenne das alles sehr gut: die Depressionen, Ängste, die Widersprüchlichkeiten.

ZEIT: Dagegen gibt es Therapien. Die Psychoanalyse zum Beispiel ...

Murakami: Das brauche ich alles nicht. Ich kann doch schreiben. Wenn ich deprimiert bin, beginne ich eine Kurzgeschichte. Da findet sich dann schon eine Lösung für mein inneres Problem. Der Anfang solcher Geschichten ist ziemlich trübselig, aber irgendwie gelingt es dem Helden dann immer, seinem Leben eine Wendung zu geben. Beim Schreiben fallen mir sehr leicht Lösungen noch für die drastischsten Probleme ein. Dinge, auf die ich im richtigen Leben für mich selbst nie gekommen wäre. Es ist wie mit einer gespaltenen Persönlichkeit. Der Programmierer eines Videospiels weiß nicht, was der Spieler denkt, wenn er spielt, und der Spieler hat keine Ahnung, was dem Programmierer vorher durch den Kopf ging. Als würde man gegen sich selbst Schach spielen und könnte die Züge des anderen nicht vorhersehen. Eigentlich ist das die schizophrene Situation eines manisch Depressiven. Aber wenn ich vom Schreibtisch aufstehe, geht es mir viel besser. Das Schreiben heilt mich von der Traurigkeit.

ZEIT: Erinnern Sie sich an Ihre Träume?

Murakami: Ich träume schon so viel im Wachen, da muss ich das nicht auch noch nachts tun. Nein, wirklich, ich schlafe wie ein Stein.