ZEIT: Sind Sie heute schon gelaufen?

Murakami: Ausnahmsweise nicht. Letzten Sonntag habe ich am Honolulu-Marathon teilgenommen, deshalb ruhe ich mich diese Woche aus. Aber normalerweise tue ich das jeden Tag. Ich stehe um vier Uhr auf, arbeite fünf Stunden, dann gehe ich laufen. Ich schwimme auch und nehme an Triathlon-Wettkämpfen teil. Um zehn Uhr abends gehe ich ins Bett.

ZEIT: Sie werden jetzt 65. Warum tun Sie sich das alles an?

Murakami: Eigentlich bin ich gar kein besonders physischer Mensch. Ich mache auch nicht Sport, weil das gesund ist. Tatsächlich geht es eher um einen metaphysischen Mechanismus. Ich will mich vom Körper lösen können. Ich will, dass mein Geist dem Körper entfliehen kann, wenn ich mich konzentriere. Das geht aber nur, wenn ich ihn stark halte. Der Körper muss ein Tempel sein. Eine stabile Struktur, aus der ich mich befreien kann. Beim Schreiben habe ich manchmal das Gefühl, von Steinmauern umgeben zu sein. Die zu durchbrechen kostet eine Menge Kraft. Aber nur so komme ich auf die andere Seite.

ZEIT: Die Helden Ihrer Romane verrichten mit größter Inbrunst die alltäglichsten Dinge. Man schaut ihnen bei der Hausarbeit zu und geht mit ihnen auf die Toilette und in die Küche. Die dauernde Wiederholung des Banalen geht ins Hyperreale über, und von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Fantastik.

Murakami: Ich lebe genau so. Ich lebe nach dem Trommelschlag der alltäglichen Dinge. Ich spüle, koche, bügle. Das liebe ich, weil mir dabei kein einziger Gedanke durch den Kopf geht. Erst wenn ich ganz leer geworden bin, bin ich in der Lage, etwas hervorzubringen.

ZEIT: Das klingt nun aber sehr nach einem spirituellen Ritual. Nach buddhistischer Meditation zum Beispiel.

Murakami: Sie meinen Zen-Bügeln? Es kann schon sein, dass ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, von japanischen Traditionen beeinflusst bin. Der Boden nimmt ja auch das Regenwasser auf. Aber ich glaube, es geht um etwas Generelleres.

ZEIT: Die einsamen Singles, die in Ihren Romanen ein mehr oder weniger langweiliges Großstadtleben führen, gibt es in aller Welt.

Murakami: Selbstständigkeit ist mir sehr wichtig. Und das ist vielleicht wirklich eine Erkenntnis, die aus einer Gruppenkultur wie der japanischen stammt. Ich mag Disziplin. Aber nur dann, wenn sie zu völliger Unabhängigkeit führt. Deshalb gehören meine Protagonisten nie einer Gemeinschaft oder einer Firma an. Sie sind auf der Suche. Dabei liegen mir meine japanischen Leser besonders am Herzen. Es kann aber kein Zufall sein, dass meine Bücher erst nach 1990 auch international so erfolgreich waren. Durch den Zusammenbruch der großen Systeme ist eine enorme Verunsicherung aufgetreten. Die Frage nach einem selbstbestimmten Leben wurde immer dringlicher. Und ich glaube, ich entwickele das Rollenmodell für einen wirklich unabhängigen Menschen.

ZEIT: Sind Sie Moralist?

Murakami: Wenn eine Geschichte ihren Leser nicht zu einem besseren Menschen machen würde, dann würde es sich nicht lohnen, sie zu schreiben.

ZEIT: Die meisten Ihrer Helden sind um die dreißig Jahre alt. Also so alt, wie Sie es waren, als Sie Ihren Jazzclub in Tokio aufgegeben haben, um sich voll und ganz der Literatur zu widmen. Es ist auch das Alter, in dem Sie mit dem Rauchen aufgehört und mit dem Laufen begonnen haben. Aber warum lassen Sie Ihre Figuren nicht mit Ihnen älter werden?

Murakami: Es ist ja nicht so, dass ich übers Älterwerden gar nicht nachdenken würde. Ich habe nur manchmal kein rechtes Verhältnis dazu. Vielleicht liegt es daran, dass ich keine Kinder habe. Da wird man nicht so oft daran erinnert. Wohl deshalb sind auch meine Helden kaum gealtert. Aber ich arbeite an mir. Gerade erst habe ich eine neue Kurzgeschichte geschrieben, die handelt von einem etwa fünfzigjährigen Mann. Das war eine große Herausforderung für mich. Ich glaube, ich bin erst heute in der Lage, über Figuren in jedem Alter zu schreiben.

ZEIT: Ihre Frauenfiguren sind so schön und idealistisch, dass man manchmal glaubt, Sie hätten sich beim Schreiben in sie verliebt.

Murakami: Ich mag starke Frauen. Zum Beispiel Aomame, die Heldin aus 1Q84. Es macht mir eigentlich viel mehr Spaß, über solche Frauen zu schreiben als über Männer. Tengo zum Beispiel, Aomames Gegenüber, ist mir sehr viel näher. Ich kenne ihn genau, weil er mir so ähnlich ist. Ich weiß, was er fühlt und was er tut. Nicht so bei Aomame. Mich in sie hineinzuversetzen, das ist eine große Herausforderung, da läuft meine Fantasie auf Hochtouren. Aber verlieben könnte ich mich in keine meiner Figuren. Schließlich bin ich, wenn ich schreibe, zumindest für einen Moment lang selbst der Charakter. Ich bin dann so sehr Aomame, wie Flaubert Madame Bovary ist. Aber dann werde ich eben auch wieder Tengo. Es geht darum, diese Balance zu halten. Es geht um den Wechsel von männlich zu weiblich, von einem Ort zum anderen. Ich möchte niemals an irgendetwas gebunden sein. Ich will immer kommen und gehen können.