Ist Cornelius Gurlitt noch Herr seiner Entscheidungen? Nachdem ihn das Amtsgericht München kurz vor Weihnachten unter vorläufige Betreuung gestellt hat, ist das fraglich. Im Februar 2012 hatte die Staatsanwaltschaft Augsburg mit umstrittener juristischer Begründung zunächst 1400 Werke unter pauschalem Raubkunst- und Steuerhinterziehungsverdacht aus seiner Wohnung beschlagnahmt – und war dafür öffentlich heftig kritisiert worden.

Im Dezember 2013 wurde Gurlitts Recht auf Privatsphäre erneut empfindlich gestört, weil sich ein Verwandter Sorgen gemacht hatte – und der inzwischen gegen seinen Willen samt Fotos und Wohnadresse in die Öffentlichkeit gezerrte Gurlitt auf Klingeln und Klopfen nicht reagierte. Als die Feuerwehr daraufhin die Tür aufbrach, lag der seit Monaten von Journalisten belästigte 81-Jährige mit Ohrenstöpseln im Bett und teilte laut Polizei mit, er habe einfach "keine Lust gehabt, die Tür aufzumachen". Inzwischen hält er sich, angeblich wegen Herzproblemen, in einem Krankenhaus auf. Die dortigen Ärzte sollen die Betreuung beantragt haben. Der Berliner Rechtshistoriker Uwe Wesel hatte diese Möglichkeit schon Anfang Dezember im Deutschlandfunk befürchtet: "Es besteht meiner Meinung nach die Gefahr, dass die Staatsanwaltschaft aus Ärger über diese Blamage, die sich nun langsam herausstellen wird, für ihn den Antrag auf Betreuung stellt. Und Betreuungsrecht ist ein ganz gefährliches Instrument, das jemanden völlig entmündigen kann – so hieß das ja früher auch. Er hat bislang völlig normal gelebt. Er konnte einkaufen, konnte verreisen, konnte in die Schweiz fahren. Es gibt also eigentlich gar keinen Grund für eine Betreuung."

Nach der faktischen Enteignung Gurlitts vor zwei Jahren droht nun die Entmündigung. Dass eine militärisch-martialisch so genannte Taskforce Gurlitt schon seit Wochen in der von Bund und Ländern betriebenen Internet-Datenbank lostart.de einfach die Sammlung Gurlitt, die nach wie vor als legaler Privatbesitz zu gelten hat, veröffentlicht, kann man auch vor diesem Hintergrund verstehen. "Wenn Herr Gurlitt sich einen Anwalt nähme", gibt ein Mitglied gegen Zusicherung von Anonymität ganz offen zu, "dann könnte unsere Arbeit innerhalb weniger Tage beendet sein. Der juristische Boden, auf dem wir mit diesen Veröffentlichungen ohne Zustimmung des bislang nicht einmal offiziell Beschuldigten stehen, ist mehr als dünn. Das wissen auch alle Beteiligten."

"Bitte nicht" soll alles gewesen sein, was Cornelius Gurlitt der kafkaesken Regierungstruppe, deren Mitglieder nicht namentlich bekannt gegeben werden, beim bislang einzigen Kontakt mitgeteilt hat. Vorher schon, als er noch allein in seiner Wohnung leben konnte, hatte er gesagt: "Ich werde nicht mit denen reden, und freiwillig gebe ich nichts zurück. Die Bilder sind mein Privateigentum. Der Staatsanwalt hat genug, was mich entlastet." Auf diese Weise ist aus dem Fall Gurlitt längst ein politischer Gurlitt-Skandal geworden, für den die bayerische Justiz, aber auch Bund und Länder die Verantwortung tragen. Denn wahrscheinlich hat immer gestimmt, was Gurlitt sagte und die damalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ganz offiziell bestätigte. Auch sie nannte die jahrelange Beschlagnahme einer millionenschweren Kunstsammlung nur wegen eines nach wie vor nicht bestätigten Verdachts auf Steuerhinterziehung unverhältnismäßig. Uwe Wesel spricht gar von einer Amtspflichtverletzung der Staatsanwaltschaft nach Paragraf 839 BGB. Angeblich sucht diese nun verstärkt nach Belegen für ein noch nicht verjährtes Steuerdelikt.

Es gibt allerdings einen zweiten Aspekt, der zum Gurlitt-Skandal beigetragen hat: Hinzugezogene Wissenschaftler, die ihre Forschungen grundsätzlich losgelöst von wirtschaftlichen und politischen Vorgaben und Interessen betreiben sollten, haben ohne Not ihre Unabhängigkeit aufgegeben. Mindestens drei angesehene Wissenschaftlerinnen wussten seit 2012, dass die Wohnung von Cornelius Gurlitt durchsucht und schließlich, auf richterliche Anweisung hin, leer geräumt wurde. Eine von ihnen wurde von der Staatsanwaltschaft offiziell damit beauftragt, die Herkunft der Gurlitt-Sammlung zu klären. Keine der beteiligten Wissenschaftlerinnen wandte sich an Vorgesetzte, Kolleginnen oder Kollegen. Man ließ sich eine Schweigepflicht auferlegen und beruft sich bis heute darauf. Ein Gewissenskonflikt aber, wie ihn der Spagat zwischen moralischem Empfinden und juristischem Druck zwangsläufig mit sich bringen muss, hätte einen vertraulichen kollegialen Hilferuf durchaus gerechtfertigt. Vieles wäre dadurch möglich geworden: eine schnellere Intervention aus Berlin in Bayern, eine schnellere Kontaktaufnahme zu suchenden Erben der ursprünglichen Besitzer zum Beispiel. Stattdessen steht Deutschland nun wieder als kalter Bürokratenstaat da, der aus der Geschichte keine Lehren gezogen hat.