Plötzlich schwul

Es ist zehn Jahre her, ich war 44 – seit 15 Jahren verheiratet, Vater zweier Kinder – und spürte, dass ich mich eigentlich mehr zu Männern hingezogen fühle. Monatelang litt ich unter Schuldgefühlen meiner Frau gegenüber. Irgendwie hoffte ich darauf, eines Tages aufzuwachen und festzustellen, dass alles nur ein böser Traum war.

Aber so war das eben nicht. Mit meinem besten Freund hatte ich einige Gespräche. Eines Abends gab er mir die Nummer eines schwulen Kollegen, falls ich mit einem Gleichgesinnten reden wolle. Im Internet fand ich die Adresse der "schwulen Väter" in Köln. Ich quälte mich zum ersten Meeting. Aber es war gut, Männer zu treffen, die in der gleichen Situation waren. Zweimal erklärte ich meiner Frau, ich sei mit Kollegen unterwegs. Beim dritten Mal wollte ich nicht mehr lügen.

Mein Geständnis war für sie ein Schock, verständlicherweise. Ich fühlte mich schrecklich. Aber sie reagierte gut, überraschend gut. Und so konnten wir auch unsere Kinder beruhigen, deren erste Frage natürlich war, ob wir uns nun trennen wollten. Wir wollten es nicht.

2004 war auch in anderer Hinsicht mein Wendejahr. Ich entdeckte nicht nur meine Homosexualität, sondern verlor auch meinen Job. Ich war Bauingenieur gewesen. Über Umwege kam ich zu einem neuen Beruf: Im vorigen Jahr legte ich mit 52 Jahren mein zweites Staatsexamen ab. Jetzt bin ich Klassenlehrer einer fünften Klasse. Die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen kennen meine Geschichte. Das ist kein Problem.

Mit meiner Frau bin ich bis heute zusammen, wenn auch anders als zuvor. Im nächsten Sommer feiern wir unsere Silberhochzeit. Ich liebe meine Frau noch immer. Sie ist so tolerant, meinen schwulen Freundeskreis zu akzeptieren. An Silvester haben wir sogar alle zusammen gefeiert. Die Liebe geht manchmal ihre eigenen Wege.

Ich engagiere mich bei den Grünen in Nordrhein-Westfalen, dort bin ich einer der Sprecher der schwul-lesbischen Landesarbeitsgemeinschaft Queer. Ich stehe also wieder fest im Leben, wenn auch ganz anders als vor zehn Jahren.

Dirk Trapphagen, Leverkusen

Der neue Befund

Ich arbeite als Palliativmediziner in einem Hospiz, und nicht immer gehen die Menschen, die zu uns kommen – wir nennen sie Gäste –, davon aus, dass das Hospiz der letzte Ort in ihrem Leben sein wird. Mit vielen muss man immer wieder sprechen, bis sie sich mit der Ungeheuerlichkeit, nur noch den Tod zu erwarten, abfinden können.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Vor Kurzem hatte ich einen Gast, bei dem alles anders war. Er war sieben Monate lang bei uns. Seine Diagnose lautete: unbehandelbarer Tumor. Man hatte ihm gesagt, er habe nur noch wenige Wochen zu leben. Er hatte sich sehr intensiv mit dieser Prognose auseinandergesetzt und kam in dem klaren Bewusstsein, dass er hier die letzten Tage seines Lebens verbringen würde. Allein – der klinische Zustand sprach nicht für einen baldigen Tod, und so blieb es auch in den folgenden Wochen und Monaten. Der Gast fühlte sich recht wohl und konnte es genießen, so gut versorgt zu werden. Immer wieder beteuerte er, dass er weder Schmerzen noch andere beeinträchtigende Symptome aufzuweisen habe. Die Diagnose stellte er nicht infrage.

Erst nach gut sechs Monaten fragte er dann, wie das nun sein könne und wie es weitergehen werde. Wir beschlossen, eine erneute Diagnostik durchführen zu lassen. Das Ergebnis überraschte uns, denn an dem Tumor hatte sich nichts geändert. Und so lautete der Befund nun, dass es sich doch um eine gutartige Geschwulst handeln müsse. Ich konnte ihm also mitteilen, dass er jetzt und an diesem Tumor sicherlich nicht sterben werde und dass er sich so auf ein längeres Weiterleben einrichten könne und müsse.

Das war für ihn nicht einfach zu verdauen. Wer sich einmal darauf eingestellt hat, dass er bald tot sein wird, der sagt nicht mal eben so: "Also lebe ich einfach weiter."

Dr. Winfried Gahbler, Aachen