Worte sind alles in der Politik. Manchmal sind sie Nebelkerzen, mal Vorschlaghammer, mal Wattepuffer. Worte beenden Karrieren, Worte können uns aufpeitschen oder beruhigen. Die Politik hat ein instrumentelles Verhältnis zum Wort, und deshalb muss man das politische Wort ernst nehmen. Auch wenn das nicht immer leicht ist.

Zum Beispiel die Worte, die im Leitantrag des Linken-Parteivorstands zum Europawahlprogramm stehen. Nicht irgendwo hinten, im Dickicht der Spiegelstriche, sondern gleich vorne, im ersten Absatz der Einleitung heißt es:

"Die Europäische Union war einst eine Hoffnung für die Menschen. Aber was haben die Raubzüge der Großbanken, der Bürokratismus und die Unersättlichkeit der Rüstungskonzerne daraus gemacht? Spätestens seit dem Vertrag von Maastricht wurde die EU zu einer neoliberalen, militaristischen und weithin undemokratischen Macht, die nach 2008 eine der größten Krisen der letzten 100 Jahre mit verursachte. Viele verbanden mit der EU: mehr internationale Solidarität. Herausgekommen sind mehr faschistische Parteien, rechtspopulistische Hetzer und mehr Menschenjagd in und an den Grenzen der EU."

Was ist daran absurder: der Versuch der Linken, die Rechtspopulisten mit antieuropäischen Parolen zu übertrumpfen? Oder die aberwitzige Geschichtsvergessenheit?

Man könnte nun sagen, das ist nur ein Entwurf. Der wird noch diskutiert und war vielleicht auch nicht gar so ernst gemeint. Erst mal was raushauen, glatt schleifen kann man immer noch. Auch dafür sind Worte da. Es gibt ja auch schon Widerspruch aus der Partei. Der Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Gregor Gysi, ist nicht recht glücklich mit den Formulierungen.

Nur: Die Linkspartei stellt seit der Bundestagswahl die größte Oppositionsfraktion, Gysi läuft durch die Lobby des Reichstags und möchte als Oppositionsführer wahrgenommen werden. Wenn man aber das Parlament ernst nimmt und die Opposition, was gerade in Zeiten der großen Koalition ziemlich nötig wäre, dann muss man schon fragen: Wie bitte? "Eine der größten Krisen der letzten 100 Jahre"?

Dass die Linkspartei gelegentlich Schwierigkeiten mit ihrer eigenen Vergangenheit hatte, ist bekannt. Dass manche in der Partei den Kommunismus immer noch für eine ernsthafte Alternative halten, trotz aller historischen Erfahrungen – geschenkt. Aber gibt es im Kosmos der Linken eigentlich niemanden, der sich gelegentlich in einen Buchladen verirrt, wo jeden halbwegs aufmerksamen Leser derzeit die Titelseiten und Buchcover anspringen, die den Beginn des Ersten Weltkriegs (vor 100 Jahren) als "Ur- Katastrophe des 20. Jahrhunderts" bezeichnen? Vom Zweiten Weltkrieg ganz zu schweigen.

Die Euro-Krise, die Europa seit 2008 plagt, ist gefährlich und frustrierend, keine Frage. An Deutschland ist sie noch vergleichsweise schmerzlos vorübergegangen, aber in anderen Staaten hat sie Kleinsparer ruiniert, Menschen um ihre Zukunft gebracht, Jugendliche jeder Perspektive beraubt.