Neulich, in Dubai, kam ich zu einem Shopping-Erlebnis erster Güte. In der Dubai Mall, der Welt größtem Shoppingcenter, bei Kinokuniya, der Welt größtem Buchladen. Headquarter in Tokio, Filialen in Malaysia, Singapur, Taiwan, Australien, Indonesien. Und eben in Dubai. Bücher über Bücher, auf 6000 Quadratmetern, nur eine Etage von den beiden langen exquisiten Designerfluren entfernt, Bücher in arabischen Kringeln, in chinesischer Kalligrafie, in japanischen Zeichlein gedruckt. Natürlich viel von Fräulein Banana, aber auch die Memoiren von Lawrence of Arabia, dem in Cambridge geschulten, übrigens elegant formulierenden Wüstenfuchs. Reden von Churchill. Bunte Biografien von Scheich X oder Scheich YZ. Der Tod des gedruckten Buches war gestern. Heute kann man in Dubai sehen, wohin der Trend geht, zu Pastell nämlich. Im Zentrum des Kinokuniya Bookshop steht ein Altar, darauf stapelt sich sehr viel Koran. Allahs Wort, seit eineinhalbtausend Jahren in Stein gemeißelt, jetzt aber doch in neuem Gewand, im Angebot sind in die Farben: Limonengelb, Lavendelbleu, Pistaziengrün. Wie viel ist schon spekuliert worden über das Kopftuch der muslimischen Frau, hier wird erst mal die Frage beantwortet: Was passt dazu? Ein hübsches Toffee? Eher sanftes Pfirsich? Allah goes fashion, Gott ist groß!

Man muss sagen, dass Gott die Zeichen der Zeit gerade noch erkannt hat. Wo Wüste ist, wächst der Durst nach Kultur. Das kann man auch im Mekka der Ungläubigen, im weit entfernten Greenwich Village, Manhattan, beobachten, aus dem viele Rubel und Dollar eine Art von Ödnis gemacht haben. Aufgehübschte Kulissen, wie nachgebaut für einen Vintage-Film. In den wilden zwanziger Jahren hatte hier Edna St. Vincent Millay in einer zweieinhalb Meter breiten Dachstube gedichtet und war dabei "sehr, sehr arm und sehr, sehr lustig". Ezra Pound hauste in einem Hinterhof. Heute drängen sich auf der Länge von zwei Häusern drei Marc Jacobs Fashion Stores, nämlich Marc (Marc Jacobs Women) und Marc (Marc Jacobs Men) und auch der Marc Jacobs Beauty Shop, alle drei verdichtet in der einst so wilden Bleeker Street, über die Derek Walcott schrieb: "Wenn ich die Dämmerungen des Sommers verdichte, wird daraus ein Monat der Straßenmusik und Wassersprenger, die im Staub liegen, und kleiner Schatten, die davonrennen." Jetzt werfen da die Immobilienschilder ihre Schatten. Und doch wächst wohl, zwischen ihnen wie zwischen den Skylines der ubiquitären Shoppingmalls von Dubai, das Gefühl, dass es etwas anderes braucht. Marc Jacobs jedenfalls hat sich selbst gegenüber Book Marc eröffnet, was ein schöner, mit viel Fotobänden und wenig Literatur ausstaffierter Laden ist. So fürs Flair. Jacke ist ja sonst nur Hose, Label hin oder her, und wer weiß denn noch, dass sich hinten in der White Horse Tavern einst Dylan Thomas zu Tode gesoffen hat, einer der Welt größten Dichter, um noch mal eine Prise Superlativ einzustreuseln.

Das Buch als Buchflair, sagen wir, als atmosphärisches Immobilienzuckerle – es ist nicht das, wovon Botho Strauß träumt. Aber – es ist, ja doch, ein Buch!