Wie malt man das Dunkle, wie wird es lebendig? Für Carl Theodor Reiffenstein (1820 bis 1893) mag dieses Blatt Gotische Halle bei Vollmond zunächst einmal eine malerische Fingerübung gewesen sein. Dafür hat er aber ganz schön viel untergebracht auf den 9,9 mal 9,1 Zentimetern: Da ist das Kreuzrippengewölbe der Halle, das Maßwerkfenster mit rautenförmigen Scheiben, das den Blick hinüberlenkt zu einem Gebäude mit steiler Dachsilhouette. Ein kleiner Herr steht am Fenster. Neben der dreistufigen Tiefe der Szene ist das Spannendste zweifellos der Kontrast aus Natur- und Kunstlicht. Oben, nur angedeutet, der eisblaue Mond, im Zimmer gegenüber, nah und doch fern, das warm flackernde Kerzenlicht.

Durch die sechs Jahrzehnte währende Arbeit an seiner berühmten Sammlung Frankfurter Ansichten (1692 Aquarelle mitsamt Textseiten) erarbeitete Reiffenstein sich ein Verständnis für Architektur, das weit in die Kulturgeschichte hinüberragt. Es sei nicht die "malerische Schönheit allein", die das Gemüt an einem alten Gebäude so fasziniere, sondern "ein Stück Menschengeschichte, was uns unbewusst daraus anweht". Das Reiffensteinsche Traumstück hängt in Frankfurt, bei H. W. Fichter Kunsthandel (2400 Euro).