Immerhin wird er als Problem erkannt. An der Notwendigkeit der Unternehmen, Gewinn zu machen, wird das zwar nichts ändern. Aber der Wunsch, sich zu besinnen und anders zu wirtschaften, anständiger und selbstbestimmter, wird erkennbar. Der frühere Puma-Chef Jochen Zeitz – einst Deutschlands jüngster Vorstandsvorsitzender eines börsennotierten Unternehmens – ist jetzt 50 und sagt, es sei "Aufgabe eines Managers, seine Position mit der größtmöglichen Ein- und Umsicht auszuüben, sodass er für Ausgewogenheit und Inspiration am Arbeitsplatz sorgen kann, egal, ob er sich dabei auf die Lehren der Bibel, der Thora, des Korans oder anderer heiliger und weiser Bücher stützt".

Friedhelm Loh, Vorstandsvorsitzender der gleichnamigen Unternehmensgruppe, engagiert sich für den "Kongress christlicher Führungskräfte" mit 3700 Dauerteilnehmern. "Es gibt in vielen Unternehmen heute Leitbilder und Unternehmensgrundsätze", sagt er. "Ich vermisse aber die unbedingte Wertschätzung des Menschen. Wir vergessen zu oft das Wichtigste, das wir im Unternehmen haben, den Mitarbeiter."

Ähnlich sah es schon vor 40 Jahren der Unternehmer Götz Werner, der 1973 die Handelskette dm-drogerie markt gründete. Er gewann seine Einsichten nicht aus der Religion, sondern aus der spirituellen Weltanschauung der Anthroposophie. Sein Lehrer war der niederländische Unternehmensberater Hellmuth J. ten Siethoff, den Werner 1977 auf einem Seminar in der Schweiz kennengelernt hatte. Die Begegnung sei das "Schlüsselerlebnis" seines Lebens gewesen, sagt Werner heute.

Siethoff stellte ihm, dem jungen Erfolgsmenschen von Mitte dreißig, damals drei Fragen:

"Ist das Unternehmen für Sie da, oder sind Sie für das Unternehmen da?"

"Sind die Mitarbeiter für das Unternehmen da oder das Unternehmen für die Mitarbeiter?"

"Sind die Kunden für das Unternehmen da oder das Unternehmen für die Kunden?"

In seiner Autobiografie schreibt Werner: "Diese Fragen verfolgten mich." Je länger er darüber nachdachte, desto mehr veränderte sich sein Blick auf die Welt. Und er erkannte: "Nichts wird gemacht, ohne dass der Mensch das Ziel ist." Er zog den Schluss: "Also ist der Mensch nie Mittel, immer Zweck."

Werner begann, diese Einsicht in seinem Unternehmen merkbar werden zu lassen. Er baute Hierarchien ab, gab Mitarbeitern mehr Verantwortung und Freiheit, setzte auf Dialog statt auf Kommandos und ließ die Finger von Prämien und Boni. Um seine Kunden nicht zu täuschen, schaffte er die verführerischen Sonderangebote ab und setzte auf dauerhaft niedrige Preise. Werner fand unkonventionelle Lösungen für Probleme seiner Branche. Die Unsicherheit von Azubis baute er durch Theaterprojekte ab: Im Rollenspiel lernten die jungen Leute den ungezwungenen Umgang mit anderen.

In seinem Reformeifer machte Götz Werner auch vor Grundbegriffen der Betriebswirtschaft nicht halt. Zum Beispiel dem Wort Personalkosten. "Ein völlig falscher Begriff", findet er. "Ich habe noch kein einziges Unternehmen gesehen, in dem die Mitarbeiter das Ergebnis des Unternehmens real reduzieren. Nein, es ist immer andersherum. Die Mitarbeiter führen das Ergebnis des Unternehmens erst herbei." Deshalb heißen die Personalkosten bei dm "Mitarbeitereinkommen". Auch das Wort Lohn kann Werner nicht leiden. Er geht davon aus, dass Menschen arbeiten wollen und man ihnen das Geld nur deshalb geben muss, damit sie es auch können. Lohn ist die Grundlage, keine Gratifikation. "Wirtschaft heißt füreinander tätig sein", lautet das Credo des Unternehmers. Ein Satz, den man jedem Ökonomielehrbuch voranstellen sollte.

Und mit seinen Methoden hat Werner Erfolg – bis heute. Seine Drogeriekette blieb zwar deutlich kleiner als die des Konkurrenten Anton Schlecker, der für ein eher rabiates Management bekannt war, aber sie hat niemals rote Zahlen geschrieben. Das Unternehmen Schlecker ist heute tot, dm lebt und beschäftigt mittlerweile rund 46.000 Mitarbeiter. Anstand kann sich auszahlen.

Für Werner bleibt die "Schlüsselfrage unserer Gesellschaft, ob es gelingt, die gemeinsam geschöpften Werte brüderlich, also gerecht, zu verteilen". Deshalb wirbt er seit Jahren für ein staatlich garantiertes Grundeinkommen, das jeder erhält, der es braucht. Eine Flatrate von 1.000 Euro zum Leben, die den Menschen die Freiheit ließe, zu tun und zu arbeiten, was ihnen Freude macht. Seine Anteile am Unternehmen hat Werner inzwischen in eine Stiftung eingebracht. Seine sieben Kinder werden die milliardenschwere Firma nicht erben. In seinen Erinnerungen Womit ich nicht gerechnet habe schreibt Werner lakonisch: "Meine Kinder werden ihren Weg finden müssen, wie jeder andere auch."