DIE ZEIT: Herr Hauer, beim Summit Club, dem Reiseveranstalter des Deutschen Alpenvereins, kann man erstmals eine Besteigung des Mount Everest buchen. Sie werden die Expeditionsreise im Frühjahr 2015 leiten. Passt der Everest wirklich in einen Katalog – als Kompaktangebot, das von der Haustür bis zum Gipfel reicht?

Rupert Hauer: Warum nicht? Es handelt sich ja nicht um ein Rundum-sorglos-Paket. Wir stellen zwar die Ausrüstung, kümmern uns um Genehmigungen, Transfers und Verpflegung, die Sherpas tragen Zelte hoch und platzieren die Sauerstoffflaschen auf dem Weg. Aber die Teilnehmer müssen natürlich selbstständig bergsteigen. Den Gipfel bezwingt jeder allein.

ZEIT: Die Tour dauert zwei Monate. Wie läuft sie ab?

Hauer: Unsere Route führt über die tibetische Nordseite des Everest. Bis zum Basislager auf 5.200 Meter Höhe fahren wir mit dem Jeep. Von dort aus steigen wir in das vorgeschobene Basislager auf 6.400 Meter. Das ist noch einfaches Gelände. Aber parallel zum Anstieg beginnt die Akklimatisation. Deshalb kommen wir erst nach zwei Wochen an. Von dort aus unternehmen wir mehrere Touren in die Hochlager 1 und 2 auf 7.000 und 7.600 Meter, steigen wieder hinab, aber schlafen auch mal oben, damit sich der Körper an die dünne Luft gewöhnt. Dann warten wir auf ein Wetterfenster für den Aufstieg. Das kann bis zu 20 Tage dauern. An ein, zwei Tagen im Mai ist das Wetter normalerweise günstig. Dann beginnt der eigentliche Aufstieg, ab etwa 7.500 Metern mit Sauerstoff.

ZEIT: Die Reise kostet rund 38.000 Euro. Was rechtfertigt einen derart hohen Preis?

Hauer: Die Genehmigungen für den Aufstieg sind bereits sehr teuer. Hinzu kommen eine sehr aufwendige Logistik und eine angemessene Bezahlung für die Sherpas. Unser Preis ist fair.

ZEIT: Sind Sie auch der Natur gegenüber fair? An manchen Stellen gleicht der Everest, der vielen Besteigungen wegen, einer Müllhalde.

Hauer: Wir nehmen alle Ausrüstung, die wir hinauftragen, auch wieder mit runter. Auf die Sauerstoffflaschen gibt es viel Pfand. Den bekommen die Sherpas. Die haben also ein Interesse daran, dass keine Flasche liegen bleibt. Der restliche Müll wird mit Yaks zurück ins Basislager gebracht.

ZEIT: In diesem Jahr haben an den wenigen zur Besteigung geeigneten Tagen mehr als 900 Bergsteiger versucht, den Gipfel zu erreichen – mit Begleitpersonal waren gut 3.000 Menschen rund um die Spitze unterwegs. Ist der höchste Berg der Welt nicht längst überlaufen?

Hauer: Deshalb steigen wir über die Nordseite auf. Dort sind achtmal weniger Bergsteiger unterwegs als auf der Südseite. Davon abgesehen, ist doch am Großglockner oder am Montblanc genauso viel los. Der Trend zur Kraftprobe mit der Natur hält eben an, das zeigt auch der Extremsport-Boom. Dass manche dabei vom Everest träumen, halte ich für normal. Und dann ist es doch gut, wenn ein Veranstalter wie der Summit Club mehr Sicherheit in die Sache bringt.

ZEIT: Inwiefern ist das nötig? Der Everest gilt ja technisch nicht als schwieriger Berg, weil der Anstieg zum Gipfel eher moderat verläuft.

Hauer: Genau das verführt zum Leichtsinn. Ich habe im Mai auf der Nordseite vier unerfahrene Deutsche gesehen, die ohne professionelle Führung dort oben waren. Die hatten nur die Logistik und die Sherpas gebucht. Ich halte das für sehr gefährlich. Diese Bergsteiger waren das erste Mal mit Sauerstoff unterwegs und besaßen weder solide Wetterdaten noch ordentlichen Funkverkehr untereinander. Im Notfall war jeder auf sich allein gestellt. Und in diesen Höhen sind weniger technische Schwierigkeiten das Problem als taktische Fehler. Schon Kleinigkeiten wie der Ausfall der Stirnlampe oder der Bruch eines Steigeisens können lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. Wenn in unserer Gruppe jemand Probleme bekommt, hat er ein Team um sich. Dann fälle ich als Bergführer eine Entscheidung: Ich kann mehrere Sherpas mit ihm absteigen lassen – oder es selbst tun.

ZEIT: Jedes Jahr kommen Menschen am Everest um. Sie haben im letzten Frühjahr einen Amerikaner gerettet, der kurz vor dem Gipfel erblindet war. Auch ein Opfer der Selbstüberschätzung?

Hauer: Nein, der hatte nur den Fehler gemacht, seine Brille vereisen zu lassen, sodass er durch sie nichts mehr sehen konnte. Ohne Brille aber waren seine Augen beim Aufstieg ungeschützt. Das führte zur Erblindung. Wie gesagt: kleiner Fehler, große Folgen.