Erst höre ich einen. Später zwei. Dann vier, acht, zwölf. Und immer, wenn ich denke, jetzt kenne ich sie alle, entdecke ich den nächsten neuen Vogelton. Noch vor der Morgendämmerung pfeift und ruft und keckert es aus unzähligen Schnäbeln. Was die hervorbringen, klingt so kunstvoll, als hinge der Urwald ringsum voller Notenblätter – das ist kein Gezwitscher mehr, das ist eine Sinfonie. Ich bin längst überzeugt: Wenn es eine Paradiesmusik gibt, dann muss es sich dabei um dieses oszillierende Brausen handeln, auf dessen Wogen ich in den Tag gleite.

Nirgendwo in Nicaragua leben mehr Vogelarten als auf dem Archipel von Solentiname. Wäre man selbst ein Vogel, man würde sich gleich einreihen wollen: Weltverlorener als die 36 dampfenden Dschungelinseln ganz im Süden des Nicaraguasees kann nichts liegen. Ich befinde mich auf der Hauptinsel Mancarrón, die zu den vier Eilanden gehört, die dauerhaft bewohnt sind. Krokodilrückenartig ragt sie aus dem trüben See, der auf der Landkarte wirkt wie ein Bauchnabelpiercing an der schmalen Taille zwischen Nord- und Südamerika. 15-mal würde der Bodensee in ihn hineinpassen – damit ist der Nicaraguasee das zweitgrößte Binnengewässer zwischen Mexiko und Feuerland.

Als die ersten Sonnenstrahlen durch die Rollos fallen, schraffieren sie die Wände meines mönchszellenhaften Zimmers. Seine Schlichtheit ist im Grunde wie geschaffen für das kontemplative Vogelkonzerterlebnis. Doch mittendrin stechen auch ein paar merkwürdig grelle Clownerien ins Auge. Auf dem Nachttisch stehen zwei kreischbunte Tukane. Das Handtuch hält ein lustiges Krokodil. Und am Zimmerschlüssel hängt eine grüngelbe Schildkröte.

Die Figuren sind aus Balsaholz geschnitzt und finden sich überall im Hotel Mancarrón, dessen weiße Häuser sich im Dickicht verstecken. Auch im Speisesaal schwankt ein Mobile aus Schmetterlingen in der feuchtheißen Brise, als mir Nubia das Frühstück bringt. Die Mittfünfzigerin ist die Inhaberin des Hotels. Jede ihrer Bewegungen wirkt seltsam kontrolliert, sogar ihr Lächeln ist von Ernst durchdrungen. Ob es mit ihrer Vergangenheit zu tun hat? Nubia Arcia hat nämlich Geschichte geschrieben. Als Sandinistin der ersten Stunde ist sie in der Nacht vom 12. auf den 13. Oktober 1977 mit anderen Revolutionären von hier aus nach San Carlos auf das Festland gerudert. Dort führte sie einen Überfall auf eine Kaserne der Nationalgarde des Somoza-Clans an, der Nicaragua fast 43 Jahre lang tyrannisiert hatte. "Unser Angriff war erfolgreich, und er war der Beweis dafür, dass wir eine Chance hatten gegen das Militär. Ohne dieses Fanal hätte es den Aufstand nie gegeben", sagt Nubia und gießt vorsichtig Kaffee nach.

Ein Krokodil sperrt sein Maul auf, als wolle es seinen Rachen lüften

Die Attacke führte zu einem Vergeltungsschlag des Militärs auf den Inseln, machte Solentiname aber auch zu einer Keimzelle der sandinistischen Revolution, die zwei Jahre später siegreich war: Die Diktatorenfamilie floh, die Sozialisten übernahmen die Macht. Eine Schlüsselrolle spielte dabei Ernesto Cardenal. Der Lyriker, ehemalige Priester und spätere Kulturminister Nicaraguas hatte in den sechziger Jahren auf Solentiname eine christliche Gemeinschaft gegründet und mit den Einheimischen Gespräche über die Bibel initiiert. Mitschriften der Auslegungen veröffentlichte Cardenal 1975 als Das Evangelium der Bauern von Solentiname. Während der Entstehung dieses grundlegenden Werkes der Befreiungstheologie entdeckte Cardenal selbst die politische Bedeutung des Neuen Testaments, rief zum Kampf auf und ebnete so der Revolution den Weg. Gleichzeitig ließ er die Inselbewohner in naiver Malerei und Schnitzkunst schulen und machte ihre Arbeiten später in der Welt bekannt.

Bis heute widmet sich fast jeder zweite der knapp 1.000 Einwohner des Archipels dem Kunsthandwerk. Dass auf Mancarrón vor allem geschnitzt wird, hat mit Nubia zu tun: Sie und ihr deutscher Ehemann unterstützen die Produktion und den Absatz der quietschbunten Holzfiguren, die je nach Gemütslage pfiffig oder albern wirken. Woher stammen die Motive? "Schau dich um, dann verstehst du", sagt Nubia und ruft nach Martín. Kurz darauf erscheint das Hotelfaktotum, um mich zu begleiten: ein immerzu lächelnder junger Mann von umständlicher Höflichkeit. Seine Füße stecken in Gummistiefeln, in der rechten Hand blitzt eine Machete.

Es sind nur ein paar Schritte, bis uns der Dschungel verschluckt. Waldbananenstauden stehen im schwitzenden Grün, stachelige Coyol-Palmen sehen aus, als habe der Nagelkünstler Günther Uecker sich hier ausgetobt. Irgendwann schabt Martín an moosigen Steinen herum und legt Gravuren von Spiralen und Avatargesichtern frei. Die Zeichen sind bis zu 1.500 Jahre alt und stammen von den Nahuas, den Ureinwohnern Solentinames. Was sie bedeuten, weiß keiner genau. Je länger wir gehen, desto lebendiger wird es. Schmetterlingswolken stieben auf, Brüllaffen pöbeln im Geäst, ein Reiher nach dem anderen schwingt sich in die Luft. Nur die Tukane mit ihren absurden Riesenschnäbeln bleiben sitzen. Sie sind von ihren Holzbrüdern in meinem Zimmer kaum zu unterscheiden. Dann führt der Pfad am Ufer entlang, wo ein Krokodil sein Maul aufsperrt, als wolle es seinen Rachen lüften. Und gleich ein Stück weiter sehe ich eine Kaiserboa im braun gescheckten Camouflagelook unter Orchideen dösen. Als Martín meinen bangen Blick bemerkt, beruhigt er mich: "Die tun uns nichts. Hier gibt es doch alles in Hülle und Fülle." Bestimmt hat er recht. Solentiname wirkt tatsächlich wie eine Welt vor dem Sündenfall – jedenfalls solange es einem gelingt, die politische Geschichte des Archipels aus dem Blick zu verlieren. Aber soll man es überhaupt darauf anlegen? Immerhin: Kaum etwas entspricht der unschuldigen Schöpfungsidylle besser als die frohgemuten Holzfiguren, die die ehemalige Kämpferin Nubia vertreibt.