Der Blick aus dem Zugfenster hat den Reisenden schläfrig gemacht – Autobahnen, Gewerbegebiete, eine Reihenhaussiedlung nach der anderen. Ab und an fügen sich Felder oder ein schnurgerader Wasserlauf in die niederländische Monotonie. Doch dann, mit einem Mal, ist es, als habe der Zug jäh den Kurs gewechselt: Bis auf ein paar Bäume mit kahlen Ästen ist sämtliche Vegetation verschwunden, neben den Schienen breitet sich eine Gras-Savanne aus, bis zum fernen Horizont. Eine Gruppe wilder Tiere galoppiert vorbei. Gnus? Gazellen? Antilopen? Kann das überhaupt sein?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, muss der Reisende erst einmal am Bahnhof Lelystad aussteigen. Mit dem Taxi geht es raus aus der Stadt und weiter über matschige Feldwege bis zum Deich, wo hinter einer Schranke die Wildnis beginnt. "Willkommen im Draußen-Land der Niederlande" steht auf dem Schild, das zwei kämpfende Wildpferde zeigt. Tafeln klären Besucher über die Verhaltensregeln im Naturpark Oostvaardersplassen auf: "Mindestens 25 Meter Abstand halten, nicht füttern, nicht die Herden kreuzen." Es gibt Menschen, die behaupten, diese Gegend sei wie Afrika, nur dass hier nie die Sonne scheine. Wie zum Beweis geht nun auch noch ein Schauer nieder.

Wenige Schritte vom Eingang entfernt duckt sich ein Haus mit tief gezogenem Dach unter halb nackte Laubbäume, die Unterkunft der Ranger. Dahinter parken ein tarngrüner Jeep und ein Bus, in dem bis zu 40 Personen Platz finden. Zutritt zur Wildnis hat nur, wer sich einer der geführten Exkursionen anschließt – Safaris auf den Spuren der "Big Five" des Polders: Seeadler und Fuchs, Rotwild, Heckrind und Konikpferd. Seit im vergangenen Herbst ein Kinofilm über den Park in den Niederlanden zum Kassenschlager wurde, sind diese Touren enorm beliebt. Eines der am dichtesten besiedelten Länder der Welt entdeckt die freie Natur, direkt vor der eigenen Haustür.

Hans Breeveld – drahtig, stoppeliges Haar, grauer Vollbart – arbeitet hier seit 30 Jahren als boswachter, was wörtlich "Waldwächter" bedeutet. Er nutzt den Regenguss, um im Rangerquartier zunächst einmal von der Geschichte des Parks zu erzählen. Sie beginnt in den 1960er Jahren, als Teile des Ijsselmeers eingedeicht und trockengelegt wurden, um die niederländischen Ballungsgebiete zu entlasten: Polder, aus denen später die Provinz Flevoland entstand. Im tiefstgelegenen Teil jedoch wollte und wollte das Wasser nicht weichen. Pläne, in diesem Gebiet Schwerindustrie und Landwirtschaft anzusiedeln, wurden verworfen. So blieben die fünfeinhalbtausend Hektar Marschland sich selbst überlassen. Und es dauerte nicht lange, bis die ersten Bewohner der Oostvaardersplassen einzogen: Vögel, die zur Mauser und zur Brut kamen, auf dem Weg nach Süden rasteten oder gleich über Winter blieben.

Inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Ein niederländischer Ranger weiß, dass es diese Momente zu nutzen gilt, also bittet Hans Breeveld in seinen Allrad-Panda. Durch ein Tor geht es zum eingezäunten Teil des Parks, erst auf asphaltierten Wegen entlang der Gleise, dann über Grasland. Matschbrocken spritzen zur Seite. Wäre dies tatsächlich ein Nationalpark auf der Südhalbkugel, würde man jetzt hoffen, brüllende Löwen zu hören, wenigstens in weiter Ferne. Der Flevoland Game Drive jedoch hat eine andere Tonspur. Zwar trägt der Wind das Schnattern der Graugänse herüber, doch auch ein vages Dröhnen liegt in der Luft. "Die Autobahn", sagt Breeveld grinsend, "und über uns eine der Einflugschneisen zum Flughafen Schiphol."

Wir fahren vorbei an Schilffeldern und über karge Flächen, bretteben und leer bis auf die Gräser und Weiden, die der Wind allesamt in Richtung Osten gebürstet hat. Erst in den achtziger Jahren, kurz bevor der Polder zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, habe man hier Rotwild, Heckrinder und Konikpferde angesiedelt, erklärt der Ranger: "Um die Vegetation kurz zu halten. Weil Vögel nun mal nichts mit zwei Meter hohem Schilf anfangen können." Inzwischen sind die Rasenmäher auf vier Beinen eine der Hauptattraktionen der Oostvaardersplassen. Und in Sachen Vogelreichtum hat das Naturreservat mit Kormoran, Kiebitz, Bartmeise und Löffelreiher, Eisvogel und Weihe heute genauso viel zu bieten wie die Camargue und Coto de Doñata.

Von einem begrasten Hügel aus, der sich inmitten der Ebene wie eine Aussichtsplattform erhebt, betrachten wir Konturen von Tieren und Bäumen, die in der Ferne in milchigem Licht verschwimmen. Nur links am Horizont erinnern die blau-gelben Waggons der niederländischen Schnellzüge daran, dass diese Wildnis von Zivilisation umgeben ist. Ein beliebtes Motiv auf Fotosafaris in den Oostvaardersplassen sei der Seeadler, sagt Breeveld, "mit einem Hochspannungsmast im Hintergrund". Er brütet hier schon seit ein paar Jahren. Heute aber peilen nur ein paar Bussarde die Lage.

In mittlerer Entfernung zum Wagen ragen zwischen knorrigen Büschen Geweihe empor, Damhirsche. Zunächst sind es nur wenige Tiere, die sich wachsam umschauen, das Auto beobachten und die beiden Gestalten, die aussteigen und die Ferngläser anlegen. Doch plötzlich halten alle beim Grasen inne, das Kauen stoppt, starr blickt die Herde herüber. Dann setzt sich ein Tier nach dem anderen in Bewegung, Hufe fliegen über die Polder-Savanne, und das Rudel verliert sich am Horizont.

Als wir den Weg verlassen – was wäre auch ein Game Drive ohne Offroadstrecke –, taucht am Rand einer Wiese eine Gruppe Heckrinder auf. Breeveld schaltet herunter, und der Wagen hoppelt durch den Matsch auf sie zu. Etwa 30 Tiere stehen da samt Jungen, das dunkelbraune Fell dicht, die Hörner weit ausladend. In den zwanziger Jahren unternahmen die Brüder Heinz und Lutz Heck den missglückten Versuch, vom Hausrind auf den Auerochsen rückzuzüchten. Die Spezies, die dabei herauskam, trägt bis heute ihren Namen.

Aus dem Gras vor den Rindern erhebt sich ein Silberreiher und fliegt seine Schleife über einen Wasserlauf. Tief linst die Sonne inzwischen unter den Wolken hervor, das Gegenlicht spiegelt sich in den Prielen. Und dann, als Breeveld den Wagen schon in Richtung Ausgang durch mannshohe Sträucher steuert, sehen wir sie: Konikpferde! Die schwarzen Beine, Schweif und Mähne, die sich vom graubraunen Fell abheben, haben sie von ihren Ahnen geerbt, den Tarpan-Wildpferden aus Osteuropa, die längst ausgestorben sind. In kaum 50 Meter Entfernung stehen die gedrungenen Ponys nun im Dickicht vor uns, sehr gelassen auf einem Büschel Äste kauend. Wahrscheinlich geben sie gerade dem nächsten Reisenden Rätsel auf, der hinter dem Fenster eines Zugs sitzt, von dem nur das Rauschen an unsere Ohren dringt.