Als am 14. November 2013 der Prozess gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff beginnt, sitzt der Mann, der ihn hierher in den Gerichtssaal brachte, regungslos da und lächelt. Es ist das Lächeln eines Schachspielers, der zu wissen glaubt, dem Gegner stets ein paar Züge voraus zu sein.

Gut zwei Monate und 20 Zeugen später steht der Prozess vor dem Aus. Alles deutet darauf hin, dass er schon übernächste Woche enden wird, mit einem Freispruch für Christian Wulff. Doch Clemens Eimterbäumer sitzt noch immer da und lächelt. Er wirkt, als habe er sich diesen Ausdruck ins Gesicht genäht.

14 Monate lang hat der Oberstaatsanwalt gemeinsam mit 24 Beamten des niedersächsischen Landeskriminalamts (LKA) ermittelt. Er hat in diesem Zeitraum viel Fanpost erhalten, aber auch Morddrohungen. Rund 30.000 Seiten Akten sind zusammengekommen, eine Million Dateien wurden ausgewertet, ungezählte SMS, Mails und Vermerke gesichtet, 45 Bankkonten durchforstet, acht Büros, Häuser und Wohnungen durchsucht, drei Staaten um Amtshilfe ersucht. Bis zu vier Millionen Euro sollen Ermittlungen und Prozess laut Medienberichten gekostet haben.

Zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik muss sich ein ehemaliges Staatsoberhaupt vor einer Strafkammer verantworten. Christian Wulff und sein Freund, der Filmfinanzier David Groenewold, sind angeklagt wegen Vorteilsannahme im Amt beziehungsweise Vorteilsgewährung, strafbar gemäß Paragraf 331 und 333 des Strafgesetzbuches. Es ist Eimterbäumers erster richtig großer Fall. Er ist 43 Jahre alt, ein junger Oberstaatsanwalt, der als besonnen, klug und sorgfältig gilt. Während er gegen Wulff ermittelte, hat er psychologische Aufsätze gelesen, um den Einfluss der Medienberichterstattung auf die persönliche Einstellung zu verstehen. Eimterbäumer war einmal Richter, aber er hat sich dafür entschieden, Ankläger zu sein. Und wenn nicht ein Wunder passiert, dann wird er den Gerichtssaal als Verlierer verlassen.

Seine Schlacht beginnt am ersten Prozesstag. Im Saal 127 des Landgerichts Hannover balgen sich die Fotografen beim Versuch, doch noch das Bild zu bekommen, wie Christian Wulff auf dem weinrot gepolsterten Stuhl Platz nimmt, auf dem vor ihm Mörder saßen, Drogendealer und Kinderschänder. Das Bild des ehemaligen Bundespräsidenten auf der Anklagebank. Doch es ist ein sinnloses Ringen, denn Wulff bleibt stehen, bis alle den Raum verlassen haben. Dieses Bild wird er nicht liefern. Christian Wulff will nie wieder derjenige sein, auf den die Menschen herabschauen. Er will niemandes Trophäe sein. Vor allem nicht die von Clemens Eimterbäumer, der ihm direkt gegenübersitzt, nur zehn Meter entfernt.

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Nachdem Eimterbäumer die Anklage verlesen hat, unaufgeregt, mit monotoner Stimme, will sich Christian Wulff äußern. Er drückt den Rücken durch, zieht die Schultern nach hinten, der Anzug sitzt tadellos. Am Revers prangt das Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband. Er spricht 50 Minuten lang ohne ein einziges Äh der Unsicherheit, ballt die Faust, als wolle er Mitstreiter für einen Kampf gewinnen. Er ist nicht gekommen, um dieses Verfahren einfach über sich ergehen zu lassen. Er ist hier, um selber Anklage zu erheben.

Auf Wulffs Anklagebank: die Medien, deren Jagdeifer und Sensationslust alle Grenzen gesprengt hätten, gipfelnd in der Frage eines Reporters der Financial Times Deutschland, ob es zutreffe, dass Wulff als 15-Jähriger bei der Schülersprecher-Wahl Mitschüler mit After Eight bestochen habe; die Beamten des LKAs Niedersachsen – wegen "einseitiger Ermittlungen" und "grenzwertiger Durchleuchtung meines Lebens", die zum Verlust seiner Privatsphäre geführt hätten; und nicht zuletzt eine Staatsanwaltschaft, die diesen ausufernden Ermittlungen Vorschub geleistet habe und die in seinen Augen mit zweierlei Maß messe. Wulff schließt mit dem Satz: "Die persönlichen Schäden werden bleiben, vermutlich ein Leben lang." Sein Blick geht starr geradeaus, verharrt auf dem Gesicht von Clemens Eimterbäumer. Der lächelt und schweigt.