Urmann ist weder harmoniesüchtig noch konfliktscheu. Ins Abmahngeschäft sei er eher zufällig gerutscht, erzählt er, nachdem er sich zunächst als Strafverteidiger versucht hatte. Sein Interesse sei aber erlahmt, weil viele Klienten ihn "in die Rolle eines Sozialarbeiters zu drängen" versucht hätten. So stieg er 2006 ins Abmahngeschäft ein. Mit illegalen Hörbuchkopien ging’s los, später wurde die Pornoindustrie sein treuer Kunde. Heute bewegt sich Urmann, der sich als geländegängig beschreibt und die Bezeichnung "Abmahnanwalt" für eine unzulässige Verkürzung seiner Tätigkeit hält, im Grenzgebiet des Rechtsstaats. Diese Grenze habe er nie überschritten, erzählt er. Dass ihn zwei Berliner Anwälte nach den Redtube-Briefen wegen Erpressung angezeigt und dies veröffentlicht haben, verwundere ihn: "Leider haben aber viele in unserem Beruf einen schwierigen Charakter."

Mit Gegenwind kann Urmann umgehen. Ihn ficht es nicht an, dass der Gesetzgeber vor Kurzem neue Vorschriften gegen "unseriöse Geschäftspraktiken" erlassen hat, zu denen ausdrücklich einige Auswüchse von "anwaltlichen Geschäftsmodellen" mit der "massenhaften Abmahnung von Internetnutzern" gezählt werden. Da zuckt Urmann mit den Schultern und wirkt nicht so, als fühle er sich angesprochen. "Meine Kollegen und ich probieren gern mal neue Wege aus und prüfen stets, ob wir dabei auf dem Boden des Rechtsstaats bleiben. Natürlich kann jeder mal einen Fehler machen, aber wir sind davon überzeugt, legal und legitim zu handeln. Wir versuchen dabei natürlich, für unsere Mandanten das Beste rauszuholen", sagt er. Die Auftraggeber hätten das auch nötig. "Durch unzählige Urheberrechtsverletzungen im Internet liegt die Pornofilm-Industrie finanziell gesehen auf der Intensivstation", sagt Urmann.

Im Interesse seiner Mandanten wurde Urmann schon früher kreativ. So ging der "Porno-Pranger" 2012 in die Geschichte der Rechtspflege ein, als Urmann erwog, Namen von ihm abgemahnter Pornofilmkonsumenten ins Internet zu stellen. Es kam aber nie dazu. Nun sind es die Briefe in Sachen Redtube. In jedem davon fordert er 250 Euro, davon 170 Euro Anwaltshonorar. Wer nicht freiwillig zahlt, dem droht Urmann mit einem möglichen Gerichtsverfahren und "weitaus höheren Gebühren".

Vom tristen Regensburger Stadtrand in die noblen Elbvororte von Hamburg

Nach älteren Erhebungen eines Anti-Abmahn-Vereins zahlen durchschnittlich 40 Prozent aller Abgemahnten freiwillig. Dass die Zahlungsbereitschaft bei Pornografie ausgeprägter sei, bestreitet Urmann: "Wenn 40 Prozent aller Abgemahnten zahlen würden, dann könnten wir jetzt mit dem Firmenhelikopter zum Mittagessen fliegen. In Wahrheit liegt die Quote der Zahler deutlich niedriger."

Soll das heißen, dass Abmahnungen ein schlechtes Geschäft wären? Das würde immerhin erklären, warum Urmanns Kanzlei in einem tristen Gewerbegebiet am Regensburger Stadtrand liegt.

Dazu passt aber nicht, dass Urmann offiziell unter einer ganz anderen Adresse gemeldet ist. Das amtliche Verzeichnis führt ihn als Mitglied der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer Hamburg mit der Kanzleianschrift Elbchaussee 54. Die Elbchaussee zählt zu den vornehmsten Adressen der Hansestadt. Und wer die Nummer 54 sucht, entdeckt dort zwischen schmucken Stadthäusern tatsächlich eine Anwaltssozietät: die Kanzlei Reinberg, Meyer und von Beust, zu deren Namenspartnern auch Ole von Beust gehört, prominenter CDU-Politiker und lange Erster Bürgermeister von Hamburg. Es verwundert schon, warum ein auf Pornografie spezialisierter Abmahnprofi mit einer alteingesessenen Kanzlei nicht nur die Adresse in nobler Lage teilt, sondern – abgesehen von der Durchwahl – auch die Telefonnummer.

In der Elbchaussee scheint man über eine Nachfrage wenig erfreut zu sein. Urmann sei kein Mitglied der Kanzlei Reinberg, Meyer und von Beust oder anderweitig mit ihr verbunden, teilt man dort mit.Er sei lediglich einer von mehreren Mietern im Haus, das einem der Kanzleipartner privat gehöre. Das eigene Renommee werde durch Urmanns Porno-Abmahnungen nicht gefährdet, der Mietvertrag sei zudem schon vorher "völlig einvernehmlich" und zu Ende Januar beendet worden.