ZEITmagazin: Frau Zeiner, Sie kamen mit Ihrem ersten Roman, Die Ordnung der Sterne über Como, dieses Jahr gleich auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Gleichzeitig singen Sie in einer Band, die neapolitanische Lieder spielt. Was für Musik ist das?

Monika Zeiner: Es sind meist liebesmelancholische Lieder aus den fünfziger und sechziger Jahren. Die Texte sind sehr traurig, sehr zerrissen und handeln immer von der unerfüllten Liebe, während bei uns der Schlager eher die erfüllte Liebe besingt. Der deutsche Schlager hat ja meist ein Happy End. Er ist weniger Ausdruck eines Gefühls, eher so eine Überredungstaktik, weiterzumachen, die Hoffnung nicht aufzugeben, den Kopf nicht hängen zu lassen.

ZEITmagazin: Wie sind Sie auf diese Schlager gekommen?

Zeiner: Ich hatte eine Zeit lang in Neapel studiert, da saßen die Punks auf der Straße und haben diese Lieder voll Inbrunst gespielt, aber überhaupt nicht ironisch gebrochen, das gehörte zu deren Tradition, das hat man nicht belächelt.

ZEITmagazin: Was war bei Ihnen zuerst da: die Liebe zur Literatur oder die zur Musik?

Zeiner: Ich habe mich früh für Literatur begeistert, aber ich erinnere mich an eine Zeit am Gymnasium, als ich einen Deutschlehrer hatte, der mich für eine "typische Dreierschülerin" hielt. Das erzählte er auch in jeder Sprechstunde meiner Mutter. Man könne, meinte er, über mich gar nicht viel sagen, und mit einer Drei könne man ja auch ganz zufrieden sein. Aber es war doch eine eigenartige Diskrepanz, weil ich mich tatsächlich sehr zu Sprache und Literatur hingezogen fühlte, aber der Lehrer mit seiner Autorität mir attestierte, dass das nichts für mich sei.

ZEITmagazin: Warum war er so von seinem Vorurteil überzeugt?

Zeiner: Vielleicht lag es mit an meiner Familie. Mein Vater hatte einen kleinen Handwerksbetrieb, ein Maler- und Verputzergeschäft mit vier oder fünf Angestellten. Meine Eltern kamen beide aus bäuerlichen, aus heutiger Sicht eigentlich fast archaischen Verhältnissen. Die Familie meiner Mutter hatte eine Kuh, ein paar Schweine und ein paar Hühner. Meine Eltern hatten jedenfalls keinen akademischen Hintergrund, und ich kann mir vorstellen, wenn da eine Frau Doktor in der Sprechstunde gesessen hätte, dann hätte sich dieser Lehrer eher gefragt: Steckt in dem Kind vielleicht doch etwas anderes als eine Dreierschülerin? Damals hatten Lehrer ja noch eine ganz andere Autorität, besonders gegenüber Nichtakademikern. Aber ich glaube, dass das ein Problem ist, das wir auch heute noch haben: dass die Kinder mehr nach dem familiären Hintergrund bewertet werden als nach ihren wahren Gaben.

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ZEITmagazin: Es ist dem Lehrer aber offensichtlich nicht gelungen, Sie von der Literatur abzubringen.

Zeiner: Zum Glück. In der 10. Klasse bekamen wir einen neuen Deutschlehrer, der vorher im Ausland gelebt hatte und wohl eher durch Zufall bei uns auf dem Land gelandet war. Ich wuchs in der Nähe von Tauberbischofsheim auf, in einer Gegend, die man auch Badisch Sibirien nennt. Dieser Lehrer hatte die grandiose Idee, uns aus einer langen Liste von Werken, die er für Weltliteratur hielt, eins auswählen zu lassen, um es der Klasse vorzustellen. Ich wählte Doktor Faustus von Thomas Mann. Ich hatte nicht mal die Hälfte verstanden, aber ich war total begeistert. Es war ein Erweckungserlebnis, das Tor zur Literatur. Ich habe dann alles von Thomas Mann gelesen. Und ich habe versucht, so zu schreiben wie Thomas Mann. Nun ja, das muss man sich dann wieder abtrainieren, aber es hat mich doch auf einen Weg gebracht. Wenn man als Jugendliche die Sprache von Autoren, die man toll findet, imitiert, klingt das natürlich ziemlich pathetisch und ist oft falsch, und während der alte Lehrer das sehr genau angestrichen hatte, gab mein neuer Deutschlehrer dem Raum. Er war ein Freigeist, der etwas mit der Begeisterung seiner Schüler anfangen konnte. So gesehen, war er meine Rettung.

ZEITmagazin: Hatten Sie später Schwellenangst vor der Universität?

Zeiner: Nein, die Schwelle war nicht groß – verglichen damit, als Mädchen aufs Gymnasium zu gehen. Mein Bruder ging schon aufs Gymnasium, da fand meine Mutter: Mach doch mittlere Reife, ein Mädchen muss doch nicht unbedingt aufs Gymnasium! Aber ich wollte unbedingt. Während meines Studiums hatten meine Eltern immer noch die Hoffnung, dass ich mal Lehrerin würde. Lehrerin hielt meine Mutter für einen sehr erstrebenswerten Beruf für ein Mädchen. Ich habe dann aber zum Glück einige Musiker kennengelernt, mit denen ich meine Band gründete. Die hatten nie Geld und lebten von Engagement zu Engagement. Sie haben mir gezeigt, dass es noch andere Lebensentwürfe gibt. Dass man auch frei durchs Leben gehen kann und sich nicht verrückt machen lassen muss, wenn man kein festes monatliches Einkommen hat. Ohne das Beispiel dieser Musiker hätte ich mich vielleicht nicht getraut, einen Roman zu schreiben.