Leah Hanwell arbeitet für eine Organisation, die staatliche Lotteriegelder für soziale Projekte verteilt. Ihr Mann Michel ist Franzose mit algerischen Wurzeln. Er sieht ziemlich gut aus und ist ein verlässlicher Typ, weshalb Leahs jamaikanische Kollegen es nur mit Groll sehen, dass eine Weiße sich einen der Ihren geangelt hat. Michel ist Friseur, aber wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, setzt er sich an den Computer und versucht sein Glück als Day-Trader. Leahs Mutter Pauline ist Irin und hält alle dunkelhäutigen Menschen für Nigerianer. Nigerianer ist für sie nur ein anderer Ausdruck für Menschen, denen plötzlich all die Läden in London gehören, die früher in irischer Hand waren.

Natalie ist eine erfolgreiche Anwältin, sie hat Francesco de Angelis geheiratet, einen Investmentbanker, den sie an der Uni kennengelernt hat. Francescos Mutter ist Mailänderin aus sehr guter Familie, die sich mit einem karibischen Bahnwärter eingelassen hatte, aus der Affäre ging Francesco hervor.

Felix hat dank seiner neuen Freundin Grace die Drogensucht überwunden. Das Gefühl, endlich mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität zu stehen, erfüllt ihn mit Stolz. Er nennt Grace seine Lebensretterin. Wenn Felix seinen Vater, einen resignierten Rastafari, der gerne von den alten, wild-rebellischen Zeiten erzählt, in dessen chaotischer und überheizter Wohnung besucht, muss er sich jedes Mal einen Ruck geben.

Nathan hingegen verdient sein Geld als Dealer und Zuhälter. Nathan, Leah, Natalie, und Felix wuchsen auf in der Hochhaussiedlung Caldwell im Londoner Nordwesten und gingen dort zur selben Schule. Jetzt sind sie Mitte 30 und haben es unterschiedlich weit gebracht. In Zadie Smiths neuem Roman London NW spielen Frisuren eine unauffällige, aber wichtige Rolle. Ohne die Hinweise auf die Dreads und Afros wüsste der Leser oft nicht, in welche ethnische Schublade er eine Figur einordnen soll.

Ob einer weiß oder schwarz ist, stellt in dem kosmopolitischen und multikulturellen London, das Smith beschreibt, nur noch eine physiognomische Äußerlichkeit dar, keine soziale Identität. Es gibt zwar noch das ethnische Raster, das die Wahrnehmung steuert, aber die Lebensläufe haben sich davon emanzipiert. Die Gesellschaft ist nicht gleicher geworden, aber unübersichtlicher. Es gibt white trash und Aufsteiger aus Immigrantenfamilien. Und es gibt reiche Paradiesvögel wie Francesco mit seinem karibischen Sexappeal, Dreadlocks und italienischer Upper-Class-Attitüde: "Er trug eine leichte Stoffhose, keine Strümpfe und diese Schuhe, durch deren Seiten Schnur gefädelt ist, einen blauen Blazer und ein rosa Hemd. Ein unbeschreiblicher Akzent, als wäre er irgendwo in der Karibik auf einer Jacht geboren und von Ralph Lauren großgezogen worden."

Die alte englische Klassengesellschaft sortiert sich neu. Darin liegt durchaus ein Freiheitsgewinn. Die Kluft zwischen Arm und Reich, privilegiert und abgehängt ist weiterhin gewaltig, aber die Lebenswelten korrelieren nicht mehr automatisch mit der Hautfarbe. Die Irin Pauline kann sich abgehängt fühlen von den ganzen "Nigerianern". Und über Natalie, die Anwältin, die mit ihrem exotischen Traumprinzen von Investmentbanker Imponier-Dinnerpartys gibt, sagt eine missgünstige Schulfreundin, die auf die unterste Sprosse der sozialen Leiter zurückgefallen ist: "Voll arrogant. So ’ne Kokosnuss. Außen braun, innen weiß. Hat sich für sonst was gehalten." Die postethnische Gesellschaft macht die Hautfarbe nicht unsichtbar, aber deutungsoffen.

Wo die Lebensläufe flexibler werden, nimmt die Selbstbeobachtung zu. Gleich auf der ersten Seite des Romans fängt Leah im Radio den Spruch auf: "Ich allein verfasse das Lexikon, das mich definiert." Verfasser des eigenen Lebens zu sein ist Glück und Stress zugleich. Selbstbeobachtung und Selbsttäuschung arbeiten dabei Hand in Hand. Für Nathan sieht die Welt so aus: Als schwarzer Junge giltst du als süß, bis du zehn bist, danach wechseln die Leute die Straßenseite, wenn du ihnen entgegenkommst. Für Michel ist Frankreich ein stagnierendes Land, in dem niemand vom Fleck kommt. In England hingegen kann man sich hocharbeiten, wenn man den Willen hat, "von dem Drama da unten wegzukommen".

Natalie ist die Überfliegerin. Ihr jüngerer Bruder ist vorbestraft, ihre ältere Schwester Cheryl bringt ein Kind nach dem anderen zur Welt, aber Natalie war fleißig, hat ein Stipendium für die Uni bekommen, und jetzt verdient sie so viel, dass sie ihre Familie unterstützen kann. Sie ist "das eine Mädchen aus dem Tausend-Schüler-Hexenkessel, das es zu etwas gebracht hat; vielleicht sogar zu so viel, dass sie vergessen hat, wo sie herkommt".