Aufsteigende Übelkeit beim Autofahren ist eine Kindheitserinnerung, die manche teilen. Die Ruhe des Körpers auf dem Rücksitz kommt im Gehirn nicht überein mit der vor dem Fenster dahinrasenden und wankenden Umwelt. Der Blick findet keinen Halt, ein flauer Nebel zieht in die Nebenhöhlen und breitet sich im Magen aus. Gewisse Erzählungen von feinsinniger Bauart bringen diesen Somatismus zurück, zum Beispiel Norbert Gstreins Roman Eine Ahnung vom Anfang .

Man ist da lesend einem Erzähler ausgeliefert, Anton, Lehrer in einer österreichischen Kleinstadt, der außerordentlich reflektiert spricht, wenn er der Erinnerung an seinen besten Schüler nachgeht. Der Familien-Kombi unter den Erzählperspektiven, könnte man meinen. Allerdings zeigt sich die Klugheit des Lehrers darin, dass er, was immer ihm bedrohlich erscheint, vagen Ahnungen überlässt. Auch werden alle Vorfälle, die entscheidend für die Geschichte sein könnten, einem nur halb zurückgehaltenen, stets durchschimmernden Verdacht unterworfen. Der Blick des Lesers, könnte man sagen, schmiert immer wieder ab an Andeutungen und Mutmaßungen, die ihn irgendwie durch eine ganze Landschaft von Zusammenhängen und gedanklichen Entwicklungen zu navigieren scheinen, ohne je richtig greifbar zu werden. Vor lauter Schwindel gelingt es einem nicht, Interesse und Empathie für die Geschichte aufrechtzuerhalten. Beim besten Willen, diese ehrbare literarische Anstrengung zu würdigen – ihre Ambition ist zu ostentativ und auf Dauer nervend, zumal sie nicht wenig eitel wirkt.

Glasklar ist indes, was so eine Erzählhaltung bedeutet, und Norbert Gstrein tritt schon seit seinem Debüt Einer (1988) als Vertreter dessen auf, was er bei Gelegenheit "eine verwackelte Erzähllinie" nannte. Darin stellen sich eine überaus sensible Sprachskepsis zur Schau, ein Bewusstsein einerseits für alles Wirkliche, das nicht verbalisierbar ist, und ein Bewusstsein andererseits für das, was überhaupt erst in die Wirklichkeit gedrängt wird, weil man es ausgesprochen hat.

Die Grenzen zwischen dem Sagbaren und dem Unsagbaren offen zu halten, der Verschiebung zwischen unterschiedlichen Wahrnehmungen Raum zu geben, zielt natürlich auf einen effet de réel höherer Ordnung. Die Relativität bestimmter Weltsichten wird dargestellt. Und klar ist auch, wogegen sich diese Art zu sprechen richtet: gegen die mies definitorische Rede der Bescheidwisser, den identifikatorischen Wahn der Bekenntnishuber. Diese literarische Ästhetik hält sich in gewisser Weise au-dessus de la mêlée, wie Romain Rolland das nannte: also über dem Schlachtgetümmel. Sie emanzipiert das Erzählen gegenüber jenen, die durch praktische Eindeutigkeit der Vielschichtigkeit der Welt einen Tort antun.

In diesem Roman spiegelt sich nun interessanterweise diese Distanznahme in der Handlung. Die Figur des hochintelligenten Schülers Daniel, der gerade die Matura gemacht hat, repräsentiert die faszinierende Offenheit einer zarten "Ahnung vom Anfang" eines Lebens, den bedeutungsschwangeren Ausnahmezustand der bürgerlichen Biografie. Daniel scheint nicht auf das Naheliegende zuzusteuern: "Studieren? Irgendwann einen Beruf haben, eine Frau und vielleicht Kinder? Morgens zur Arbeit gehen und am Abend nach Hause zurückkehren wie in einer Vorabendserie? War da nicht besser die Wüste?" Einen langen Sommer über sucht der Junge die Nähe des selbst etwas unbehausten Lehrers, der sich in eine Mühle am Fluss zurückgezogen hat.

Zehn Jahre später wird am Bahnhof des Ortes eine Bombenattrappe gefunden, mit der Botschaft "Kehret um!", und auf dem Fahndungsfoto glaubt der Lehrer Daniel zu erkennen. Er durchkämmt nun seine Erinnerungen nach Indizien, die auf so eine Radikalisierung hindeuten könnten. Dabei stellt sich heraus, dass damals auch religiöse Seelenretter mit ihm um den Einfluss auf das vielversprechende Kind konkurrierten, ein lästiger Religionslehrer und ein merkwürdiger amerikanischer Endzeitprediger.