Der seltsamste Theaterort der Republik liegt im Hamburger Schanzenviertel, am Schulterblatt 71. Früher ein glänzendes Varieté, zwischendurch ein Kino, ein profaner Baumarkt, sollte die Flora Ende der 1980er Jahre für das Musical Das Phantom der Oper hergerichtet werden. Stattdessen zogen linksradikale Autonome ein, die in diesem Jahr ihr 25. Jubiläum der Hausbesetzung begehen. Sie können sich anrechnen, dem Theater eine Bekanntheit gegeben zu haben, die weit über die Stadt hinweg ausstrahlt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass an regelmäßigen Terminen wie dem 1. Mai und dem Schanzenfest im September, ergänzt um Sondervorstellungen, wenn etwa Räumungsfantasien in der Politik oder den Medien geäußert werden, ein mit der Polizei choreografierter Dreiakter zur Aufführung kommt. Akt eins: brennende Mülleimer, schwarze Gestalten. Akt zwei: das Wasserwerferballett. Akt drei: die Lösung des dramatischen Knotens im Gerangel von Polizei und Autonomen im Schanzenviertel und in der Nachbarschaft. Darüber ließe sich fast vergessen, dass eigentlich etwas viel Spannenderes in Hamburg über die Bühne geht: ein Lehrstück nämlich über den Wettlauf zwischen Kapitalismus und Autonomen – und dem Staat, der hinterherläuft.

Ende letzten Jahres geriet das eingespielte Scharmützel ziemlich außer Rand und Band. Nachdem die legendären Esso-Häuser auf der Reeperbahn, ein Symbol für den Kampf um bezahlbaren Wohnraum, aufgrund von Einsturzgefahr evakuiert und zum Abriss freigegeben worden waren, sollte am 21. Dezember für den Erhalt der Roten Flora, für ein Bleiberecht von einer Gruppe afrikanischer Flüchtlinge sowie für eine soziale Stadtentwicklung demonstriert werden. Mehr als 7000 Demonstranten kamen, wurden aber bereits nach 50 Metern von der Polizei gestoppt. Am Ende des Tages waren Dutzende Verletzte zu verzeichnen, aufseiten der Polizei wie aufseiten der Demonstranten.

Seither kommt Hamburg nicht mehr zur Ruhe. Einen umstrittenen Angriff auf die Polizeistation Davidwache kurz nach Weihnachten hat die Polizei zum Anlass genommen, das Gebiet um Reeperbahn und Sternschanze zum "Gefahrengebiet" zu erklären. Damit herrscht jetzt eine Art "Ausnahmezustand light" in Hamburg, der weit in die Bürgerrechte eingreift und es der Polizei erlaubt, Personen nach Belieben zu kontrollieren und zu filzen. Die Gewalt wird das nicht eindämmen. Schließlich ist es kein Geheimnis, dass die Wut in Teilen der radikalen Linken auch von unnachgiebigen Polizeikontrollen befeuert wurde, die gegen die afrikanischen Flüchtlinge gerichtet waren, sowie von der Maßnahme, im Vorfeld der Demonstration vom 21. Dezember die Innenstadt als Gefahrengebiet auszuweisen. Die Polizei weist solche Zusammenhänge zurück: Sie sei "wie üblich deeskalierend aufgetreten", sagt ein Sprecher und beklagt eine "neue Dimension von Gewalt" in der linken Szene, für die man vorerst keine Erklärung habe.

Es ist also absehbar, dass es bald wieder knallt in Hamburg, zumal völlig offen ist, wie es mit der Roten Flora weitergehen wird. 2001 verkaufte der SPD-Senat das Gebäude kurz vor der Bürgerschaftswahl, um aus der Schusslinie des Rechtspopulisten Ronald Schill zu gelangen. Unter der Zusage des neuen Investors, am Status der Flora nichts zu ändern, ging sie für schlappe 370.000 Mark an Klausmartin Kretschmer. Der hatte damals vor, sich als Kulturmäzen einen Namen zu machen – und hatte wirre Ideen. Die Rote Flora mitsamt ihren Besetzern wollte er zu einer "kulturellen Samenbank" umformen, die Besetzer zogen es vor, ihm Hausverbot zu erteilen.

2009 trat Kretschmer erstmals mit Räumungsdrohungen an die Öffentlichkeit. Aufgeschreckt von diesem Horrorszenario, bot die Stadt Kretschmer 1,2 Millionen für den Rückkauf der Roten Flora. Er schlug das Angebot aus, holte sich den windigen Immobilienentwickler Gerd Baer ins Haus und ließ durchblicken, dass ihm von einer US-amerikanischen Firma ein Angebot in Höhe von 20 Millionen Euro für die Immobilie vorliege. Die Stadt konterte, indem sie den Bebauungsplan für das Grundstück änderte und eine kommunale kulturelle Nutzung festschrieb. Kretschmer und Baer kündigten an, gegen dieses Vorgehen zu klagen, schickten den Besetzern eine Kündigung und reichten einen Bauvorantrag für ein Konzert- und Veranstaltungszentrum ein, das mit 2500 Plätzen die alten Phantom der Oper -Pläne wieder aufleben lässt. Spukhafter kann man schwerlich von der Vergangenheit eingeholt werden.

Allerdings scheint die Rote Flora überhaupt ein geisterhafter Ort zu sein. Nicht etwa weil das Gebäude von außen wie von innen unheimlich wirkte, über und über beklebt mit Botschaften, Plakaten, besprüht mit Graffiti; nicht etwa weil es erst nachts so richtig zum Leben erwacht; auch nicht weil die Besetzer der Roten Flora lange selber Phantome zu sein schienen, die sich einer medialen Öffentlichkeit verweigerten. Denn damit ist es jetzt vorbei: Zwei junge Leute, die sich für den Anlass Klaus und Britta nennen, führen bei Presseanfragen durch die Räume, sehr freundlich, halten zuvorkommend Türen auf, bieten dem Gast ein Getränk an, konversieren mit ihm auf die artigste Weise und haben damit dem Genre der Rote-Flora-Reportage zur Blüte verholfen.

Der Kapitalismus findet gerade die Orte wertvoll, die sich widersetzen

Nein, wenn dieser Ort geisterhaft wirkt, dann deshalb, weil sich die Rote Flora seit 25 Jahren sehr handfest um Kapitalismuskritik bemüht hat – und nun rückblickend feststellen muss, dass der Kapitalismus und die Kritik an ihm mit einem von Marx entwendeten Wort "ein vertracktes Ding voller metaphysischer Spitzfindigkeiten" zu sein scheint. Kurz: Die Rote Flora ist ein Ort, an dem alles, was man tut, von Geisterhand gelenkt, sich in sein Gegenteil verkehren kann.