Bis vergangenes Jahr habe ich in Berlin-Pankow gelebt. Aber ich gestehe, von dem Sowjetischen Ehrenmal am Schönholzer Wald, dem Christoph Dieckmann jedes Silvester einen Besuch abstattet, habe ich erst jetzt gehört. In der letzten Ausgabe der ZEIT hat Dieckmann dies Ehrenmal zum Ausgangspunkt eines Spaziergangs als einer historischen Betrachtung gewählt (ZEIT Nr. 2/14). "Russland sei Dank", schreibt er und erinnert an die Opfer der russischen Befreier im Zweiten Weltkrieg und das vergessene Elend der ausgegrenzten sowjetischen Besatzungssoldaten in der DDR.

Als dieses Ehrenmal Ende der vierziger Jahre gebaut wurde, packte die Familie meiner Großmutter in Moskau ihre Koffer. Als Professor von Beruf und Jude von "Nationalität" war mein Urgroßvater in der sowjetischen Hauptstadt nicht erwünscht. Ihm wurde nahegelegt, er solle verschwinden, ehe das Regime dies für ihn erledige. Die Familie flüchtete in die südrussische Provinz. Es war nicht die erste Flucht. In den ersten Tagen des Großen Vaterländischen Krieges musste sie ihr gesamtes Hab und Gut in ihrer Heimat Odessa zurücklassen. Eine Tante blieb und wurde von den Deutschen mit ihrem Ehemann und Baby nach Auschwitz deportiert. Meine Großmutter verlor auf ihrer Odyssee irgendwo in Kasachstan ihre Mutter, die an Typhus starb. Der Bruder der Verstorbenen zog in den Krieg gegen die Deutschen und kehrte nie zurück.

Nach dem Sieg kam der neue sowjetische Alltag. Es verschwanden Andersdenkende und Sich-nichts-dabei-Denkende, darunter auch mal Juden und irgendwann auch gezielt Juden.

Christoph Dieckmann richtet seinen Blick nach Osten und in die Nachkriegsgeschichte. Er sucht Empathie. Doch was ist in diesem Blick Empathie und was davon Verklärung?

Dieckmann spricht mit Bewunderung über die Differenzierung, mit der das sowjetische System die Deutschen behandelt habe. Gewollt oder ungewollt wird dies als Gegenentwurf zur westlichen Besatzung dargestellt. Vor lauter Bewunderung vergisst Dieckmann das Schicksal zahlreicher deutscher Nachkriegsgefangener in den sowjetischen Lagern. Bis heute muss ich den Boden anschauen, wenn meine Freunde von ihren Großvätern berichten, die beim Kriegsende nach Sibirien mussten und krank, gebrochen oder gar nicht zurückkehrten. Was für eine Erleichterung für mich, dass wir über die massenhaften Vergewaltigungen nicht offen miteinander sprechen. Und wie differenziert war die Vertreibung von Russlanddeutschen nach Kasachstan oder nach Sibirien? Eine Kollektivbestrafung aus Angst, die viele sowjetische Bürger deutscher Herkunft ihr Leben oder ihre Existenzen kostete.

Die Differenzierung, die Christoph Dieckmann bewundert, ist ein Konstrukt in seinem Kopf. Die Wahrheit ist, dass Deutschsein in den Sowjetjahren häufig fast genauso folgenschwer war wie Judesein in der Sowjetunion. Das Deutsche blieb das Böse. Alles dominierte die Erinnerung an den schrecklichen Krieg. Ich bin aufgewachsen mit Kriegsspielen in unserem Hof. Die Verlierer, die Schwächlinge, die Glücklosen unter den Kindern – sie alle wurden stets zu "Fritzen" gewählt, die in solchen Spielen gegen die guten "Rotarmisten" kämpfen mussten. Dies alles muss im Kontext des unendlichen Leids der sowjetischen Bevölkerung gesehen werden und der Befreiung Europas vom Terror der Hitler-Besatzung. Doch warum sollen wir diese Stereotypisierungen der Deutschen verschweigen?

Dieckmann leitet aus seinen Sentimenten subtile und weniger subtile Handlungsempfehlungen ab. Eine Empfehlung lautet, Russland nicht als "Dämonie des Autokraten Putin" anzusehen und nicht jeden Gegner der heutigen Machthaber, etwa den "Milliardärshäftling Chodorkowski", zum Freiheitskämpfer zu erklären.

Nein, lieber Nachbar aus Pankow, da machen Sie es sich zu einfach: Empathie ist gut. Schwierig ist zu erklären, wozu diese Empathie bestehen und wem sie gelten soll. Richtig ist, Empathie mit Menschen zu haben, deren Biografien durch den postsowjetischen Wandel (wie in der DDR) komplett umgeworfen wurden. Ihr Weltbild wurde innerhalb weniger Jahre zur Makulatur, und ihre Qualifikationen wurden verhöhnt. Richtig ist, die Verzweiflung der Menschen nachzuempfinden, die sich in einem Land befanden, das ab Anfang der neunziger Jahre im Chaos versank, und die sich seitdem nach Stabilität und Zukunftsperspektiven sehnen. Hier hat sie der starke Präsident Putin abgeholt. Er hat das Land stabilisiert und den Alltag für viele erleichtert.