Einstmals, vor mehreren Tausend Jahren, durchschnitten sie in wendigen Booten pfeilschnell das Schwarze Meer, zum Schrecken der Kauffahrer und Bewohner der Küstenorte. Sie züchteten in den kaukasischen Bergen und in den vorgelagerten Steppen grandiose Pferde, die hochbegehrt waren bei Krimtataren, Türken und Russen. Sie entwickelten Techniken des Acker-und Gartenbaus, wovon bis heute die Obstbaumwälder entlang der Schwarzmeerküste zeugen. Sie lebten einfach, in strohgedeckten Lehmhütten, in freien Verbänden, unabhängig, niemandem unterworfen, untertan nicht einmal den eigenen Fürsten, denen mehr Pflichten als Rechte aus ihrem Stand erwuchsen. Adyge habse, ein Sittenkodex, mündlich weitergetragen von Generation zu Generation, regelte ihr Zusammenleben.

Sie hatten keine Schriftsprache. Über ihr Leben berichteten fremde Chronisten. Die gaben ihnen, den westkaukasischen Stämmen, darunter die Kabardiner, Schapsugen, Ubychen, den Namen Tscherkessen. Zum ersten Mal fiel der Begriff im 13. Jahrhundert. Sie selbst nannten sich Adygejer.

Ihr Unglück war, dass ihre Heimat an der Schnittstelle zweier Welten lag: Orient und Okzident. Hier kreuzten sich die Interessen von Völkern und Reichen, für die der westliche Kaukasus je nach Blickwinkel die Brücke nach Asien oder nach Europa bildete. Der Kaukasus war einerseits eine Festung, die Mittelasien abschirmte, ein Schutz auch für zwei Meere, das Schwarze und das Kaspische, aber zugleich Ausgangspunkt und Durchgangsstation für Eroberungsfeldzüge. Es ging, damals wie heute, um die Aneignung neuer Lebensräume, Herrschaftszonen, Absatzmärkte.

Es kamen die Griechen, die Römer, die Goten und die Hunnen. Es kamen die Byzantiner, die Heere des Kiewer Rus. Im multiethnischen Osmanischen Reich machten tscherkessische Fürsten Karriere, einer wurde gar Sultan, und Zar Iwan der Schreckliche ehelichte am 21. August 1561 in Moskaus Mariä-Verkündigungs-Kathedrale im Kreml eine tscherkessische Prinzessin, die spätere Zarin Maria.

Das imperiale, imperialistische Russland – im Laufe des 19. Jahrhunderts sollte es den Tscherkessen zum Verhängnis werden. Der Krieg war von beispielloser Unerbittlichkeit und Härte, auf beiden Seiten. Indem die russischen Truppen immer tiefer in die Berge vordrangen und neue Festungen in der Ebene bauten, sperrten sie die Tscherkessen auf immer engerem Raum ein. Widerspenstige Siedlungen wurden niedergebrannt, Viehherden weggetrieben oder gleich abgestochen, ganze Gebiete "ethnisch gesäubert".

Und doch konnte die Eroberung des Kaukasus noch bis 1859 verhindert werden, erst da nahmen die Russen den Norden ein, Tschetschenien und Dagestan. Nur der Westkaukasus und die Tscherkessen blieben unbesiegt. 1861 ein neuer Anlauf. Die russische Regierung stellte die Menschen vor die Alternative: Entweder sie übersiedelten an festgelegte Orte in der Ebene und lebten dort unter russischer Verwaltung, oder sie verließen die Heimat und gingen in die Türkei.

Das Kubaner Kosakenheer griff erneut an. Die tscherkessischen Stämme kämpften um ihr Überleben. Im Tal von Sotschi versammelten sich Angehörige der Abadzechen, Schapsugen und Ubychen und wählten eine Art Parlament: die Medschlis. Sie bestimmten auch eine fünfzehnköpfige Regierung. Gleichzeitig leiteten sie erste politische und administrative Reformen für ihren neu gebildeten Staat ein. Es war ein letzter, verzweifelter Versuch, den Untergang abzuwenden. Zweimal im September 1861, auf der Taman-Halbinsel und am Oberlauf des Flüsschens Fars, traf eine tscherkessische Delegation Zar Alexander II. Beim zweiten Treffen überreichte sie dem Herrscher ein Memorandum der "Union der tscherkessischen Stämme". Sie bat darum, dass ihr Volk in der Heimat bleiben und dort nach seiner Art und Weise leben darf. Dafür wollten sie Russlands Oberhoheit anerkennen. Auch entsandte die neu ernannte tscherkessische Regierung Botschafter nach Konstantinopel, Paris und London und bat um Schutz. Vergebens.

Die Truppen des Zaren rückten weiter vor, unaufhaltsam. Im Gebiet von Sotschi verschanzten sich die letzten Widerständigen. Fünf Tage lang, vom 7. bis zum 11. Mai 1864, hielten sie stand. Dann spien die russischen Kanonen Eisen und Feuer. Keiner der Verteidiger überlebte.

Am 21. Mai 1864 ließ Großfürst Michail Romanow, der Bruder des Zaren, seine Truppen in Kbaade, dem heutigen Krasnaja Poljana, zu einer Siegesparade antreten. Es folgte von Sotschi aus die Deportation des gesamten Volkes: ein Exodus über das Schwarze Meer, bei dem Hunderttausende starben. Seit dieser Zeit, so schreibt der Journalist Manfred Quiring in seinem gerade erschienenen Buch Der vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen (Ch. Links Verlag, 224 S., 16,90 €), weigern sich die Tscherkessen, Fisch aus dem Schwarzen Meer zu essen, in dem so viele ihrer Ahnen starben.

Heute sind die Tscherkessen über die Welt verstreut. Wie viele es sind, kann niemand sagen, die Schätzungen reichen von drei bis sieben Millionen. Nur noch 700.000 von ihnen leben in Russland, verteilt auf drei Republiken: Kabardino-Balkarien, Karatschajewo-Tscherkessien, Adygeja. Es ist ein Volk, das sich selbst im Museum oder im Internet besuchen muss, um die eigenen Wurzeln zu spüren. Ein Volk, das verschwindet, weil auch seine Sprache ausstirbt.