Als SPD-Generalsekretär in der großen Koalition muss man laut und ungehobelt sein, rauflustig, also: ein Mann, bestens vernetzt in Berlin, den Leuten aus zahlreichen Talkshow-Schlachten bekannt. Als SPD-General muss man das Profil des kleineren Koalitionspartners schärfen, muss SPD pur sein.

So weit die Theorie, bisher.

Die neue SPD-Generalsekretärin heißt Yasmin Fahimi, am 26. Januar soll sie auf einem Sonderparteitag offiziell gewählt werden. Sie ist freundlich, klug und eher leise. Sie kennt die Bundes-SPD nicht, sie kennt das Willy-Brandt-Haus nicht, sie kennt Berlin nicht, sie kennt die Medienlandschaft dort nicht.

Sigmar Gabriel weiß natürlich von der alten Regel, wonach der Juniorpartner in einer Koalition alles daransetzen muss, noch als eigenständige Partei wahrgenommen zu werden. Vor allem dann, wenn dieser Juniorpartner beim vorangegangenen Mal in dieser Rolle auf historisch miese 23 Prozent abgestürzt ist. Geht Gabriel mit der unbekannten Fahimi nun ein Risiko ein, das sich kaum kontrollieren lässt? Oder stimmt die Regel einfach nicht, jedenfalls nicht mehr?

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Fahimi ist 46 Jahre alt, eine Gewerkschaftsfunktionärin mit iranischen Wurzeln und niedersächsischer Biografie. Parteifreunde, die sie länger kennen, beschreiben sie als einstige Juso-Linke, die stets nach vorne denke, Ideen entwickele – und daher heute weiter in der Mitte der Partei angesiedelt sei als früher. Als Beleg dafür kann ihr Arbeitgeber herhalten: Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) gilt als die Arbeitnehmervertretung, die am stärksten auf Kooperation mit den Arbeitgebern setzt. Bei der IG BCE leitet Fahimi, eine Diplom-Chemikerin, das Ressort "Politische Planung" – mit Großorganisationen kennt sie sich also aus. Als Vorstandsmitglied des "Denkwerks Demokratie", eines Thinktanks, dem Vertreter von SPD, Grünen, Gewerkschaften und Umweltverbänden angehören, könnte sie den einen oder anderen frischen Gedanken, wenn nicht gar intellektuellen Impuls in die SPD einspeisen. Beste Verbindungen zur Gewerkschaft, in der SPD immer hilfreich, bringt Fahimi gleich doppelt mit: aus ihrem Arbeitsalltag – und als Lebensgefährtin des IG-BCE-Vorsitzenden Michael Vassiliadis.

Fahimis Vater ist Iraner, ihr älterer Bruder ist in Teheran geboren, sie selbst in Hannover. Wenn man sie aufgrund ihres Namens frage, wo sie denn herkomme, werde sie, so hat sie einmal öffentlich eingeräumt, wütend, sehr sogar.

Fahimis Benennung war ursprünglich eine Idee ihrer Demnächst-Vorgängerin Andrea Nahles. Gabriel favorisierte zunächst eine andere Lösung. Die alte Regel vom Generalsekretär als der Verkörperung reinster SPD hatte ihn darauf gebracht, seine Talkshow-Allzweckwaffe Ralf Stegner, Parteichef in Schleswig-Holstein, als Nachfolger von Andrea Nahles zu platzieren. Doch dann verwarf er diese Überlegung – und setzte fortan auf den denkbar radikalsten Gegenentwurf zu Stegner: auf eine sympathische Frau.