Menschen, die sich für Gegenwartskunst interessieren, teilen eine traumatische Erfahrung: Videokunst. Die Art und Weise, wie Künstler und Kuratoren sie in Gruppenausstellungen zur Geltung bringen, ist ein nicht enden wollendes Ärgernis.

Gemälde oder Skulpturen stellen kein Problem dar. Solange man eben möchte, widmet man sich ihnen, ohne Start- und Endpunkt. In dieser Hinsicht sind diese vermeintlich anachronistischen Kunstformen mustergültig demokratisch und für mündige Betrachter angemessen. Bei Videoarbeiten hingegen diktiert meist die Präsentation die Rezeption, genauer gesagt: deren Unmöglichkeit. Selten gibt es festgelegte Aufführungszeiten, obwohl der Großteil der Videos einen klaren Beginn hat, von dem aus sich alles Weitere entspinnt. Und so gerät man oft mitten hinein in eine komplexe Erzählung oder eine Dokumentation, deren Bedeutungen man nicht zu durchdringen vermag, da man den Anfang verpasst hat.

Dann der erschrockene Blick auf den Begleittext: 30 Minuten Spieldauer! Im besten Fall gibt es eine Zeitanzeige, die Aufschluss darüber gibt, dass man sich gerade irgendwo in der Mitte befindet. Also die restlichen 15 Minuten etwas anderes anschauen, dabei ständig die Uhrzeit prüfen und rechtzeitig zurückkehren? Oder lieber zu Ende schauen, die erste Hälfte nachholen, die Bausteine mental zusammenfügen? Hast du Glück, kommst du zur rechten Zeit. Hast du Pech, hast du eben Pech. Es ist eine cäsarische Geste, die solche Arbeiten ausmacht: veni, video, vici.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Doppelt ärgerlich ist das bei Filmen, die konkrete Inhalte ins Bewusstsein rufen möchten. Nehmen wir als Beispiel die aktuelle Ausstellung Der Ungeduld der Freiheit Gestalt zu geben im Württembergischen Kunstverein Stuttgart. Vorausgeschickt sei, dass die Ausstellung (sie läuft bis zum 12. Januar) im Grunde gelungen ist. Der Kunstverein präsentiert Künstler, die ihrem Unbehagen an Politchauvinismus, Ausgrenzung und Überwachung Ausdruck verleihen. So begegnet man hier unter anderem einer rekonstruierten Folterzelle aus dem Spanischen Bürgerkrieg, deren Design von Avantgardekünstlern wie Wassily Kandinsky und Paul Klee inspiriert ist (Pedro G. Romero, Entrada: Barraçao, 2013), oder dem Office for Anti-Propaganda (seit 2007) von Marina Naprushkina, die über den Verkauf ihrer Gemälde ein Asylbewerberheim in Berlin kofinanziert. Doch gerade weil diese Ausstellung Botschaften hat, stört die ebenfalls reichlich vorhandene Videokunst. Sie läuft ab, komme, was und mehr noch: wer da wolle. Ihre Arroganz dem Betrachter gegenüber durchkreuzt jene kritisch-emanzipatorischen Ziele, für die sie so häufig eingesetzt wird.

Hinzu kommt, dass hier schlicht zu viele zeitbasierte Arbeiten zu sehen sind, mehrere Stunden sind es sicherlich. Dies ist kein Einzelfall, sondern ein weitverbreitetes Phänomen, über das sich schon der Kunsthistoriker Walter Grasskamp mit Blick auf den notorischen Video-Overkill so mancher Documenta mokiert hat. Kein Mensch verharrt so lange in Ausstellungen vor Bildschirmen und Projektionen. Geht es nicht pointierter, konzentrierter? Und warum haben Videoarbeiten eigentlich keinen Resetknopf?

Das wäre bei 8-Millimeter-Filmprojektionen oder auf überfüllten Großausstellungen zwar nicht praktikabel. Aber in Institutionen mit einem Ausstellungsprogramm, das kein Massenpublikum anzieht und bei dem man sich oft allein vor den Exponaten wiederfindet, wäre eine demokratischere Steuerung durch die Betrachter und eine zweckmäßigere Portionierung der Videokunst unproblematisch möglich.

Narrative Videoarbeiten schließlich, die von epischer Länge sind, die umfangreiche Dokumentationen, Essays oder intensive didaktische Ausführungen zum Gegenstand haben, eignen sich per se nicht für Gruppenausstellungen in Kunstinstitutionen. Aber offenbar scheint vielen Museen und Kunstvereinen das Publikum herzlich egal zu sein. Sie zeigen ihr Programm primär für gleich gesinnte Künstler oder Kuratoren. Und vergessen darüber, dass der Begriff Kunst ohne die Möglichkeit freier ästhetischer Wahrnehmung rein gar nichts mehr bedeutet.