Dass der israelisch-palästinensische der "Kern" aller Nahostkonflikte sei, war schon immer falsch – eine Mär, die mit der Wirklichkeit so viel gemein hat wie eine Blockflöte mit einer Basstuba. Nie war diese Lesart falscher als heute, wo Mittelost sich nicht als "Kampf der Kulturen", sondern als "Kultur des Kampfes" entpuppt hat: Araber gegen Araber, Sunniten gegen Schiiten, Regime gegen ihre Völker. Der längste und blutigste Krieg fand nicht etwa zwischen Israel und seinen Nachbarn statt, sondern zwischen dem Irak und dem Iran (1980 bis 1988). Der Palästina-Konflikt ist längst an den Rand der Bühne gedrängt worden.

Was zu unseren Lebzeiten wenig an seiner Unlösbarkeit ändert. Wie oft USA und EU mit einer Versöhnung experimentiert haben, lässt sich kaum mehr zählen. Man weiß sehr wohl, wie sie auszusehen hätte: zwei Staaten, zwei Hauptstädte in Jerusalem, kein Rückkehrrecht, Gebietstausch, halbwegs offene Grenzen. Jetzt probiert es Außenminister John Kerry wieder, freilich unter einem ungünstigeren Stern als je zuvor. Denn eine Supermacht, die sich zurückzieht (Irak, Afghanistan) und so schnell keine Ordnungskriege mehr führen wird, verliert Glaubwürdigkeit und Durchsetzungskraft.

Zu einem Dutzend alter Knoten kommt plötzlich ein neuer hinzu. Die israelische Zeitung Ma’ariv berichtet von einem Gebietstausch, den die Israelis den Amerikanern vorgeschlagen hätten: Ein Siedlungsblock im Westjordanland geht an Israel, ein ähnlich großes Areal südöstlich von Haifa an einen künftigen Palästinenserstaat. Klingt doch fair, oder? Die Ironie lässt sich kaum toppen. Die schärfsten Proteste kamen nicht etwa aus Ramallah, der Quasi-Hauptstadt der Palästinenser, sondern von jenen 300.000 Arabern – allesamt israelische Bürger –, die sich plötzlich unter der palästinensischen Flagge wiederfinden würden.

"Das ist eine hirnverbrannte Idee", tobt Achmed Tibi, einer von zwölf arabischen Knesset-Abgeordneten – so als handele es sich um "Schachfiguren, welche die Spieler hin und her bewegen können". Ein Kollege: "Bürger eines demokratischen Staates sind weder Instrumente noch Geiseln." Dies von Repräsentanten einer Minderheit, die nie besonders loyal zum Staate Israel war, von dem auch nicht besonders wohlwollend behandelt worden ist. Arabische Bürger dürfen zum Beispiel nicht in der Armee dienen, die in Israel als klassische Aufstiegsleiter fungiert.

Der Ironie zweiter Teil: Diese Parlamentarier sind normalerweise leidenschaftliche palästinensische Nationalisten. Aber unter palästinensischer Souveränität leben? Das wäre zu viel des Patriotismus, bedeutete doch der Fahnenwechsel "Goodbye" zum demokratischen Rechtsstaat und "Hello" zu einem jener Regime, die ringsum scheitern oder schon gescheitert sind. Überdies kann kein Rechtsstaat seine Bürger ausbürgern, auch nicht per Grenzverschiebung.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Diese Rochade ist tatsächlich irreal. Sie zeigt abermals, wie verkeilt die beiden Seiten sind. Selbst eine scheinbar vernünftige Idee wie der Gebietstausch erweist sich als Illusion. Denn vorbei sind die Zeiten, als im 20. Jahrhundert Abermillionen von Menschen verschoben worden sind. Der Status quo ist unhaltbar, doch die eigentliche Tragödie im Unheiligen Land ist, dass der Status quo besser aussieht als jedweder Umbau. Wünschen wir John Kerry trotzdem mehr Glück, als seine Vorgänger hatten.