Wir leben in Angst

Wenn Sie mich fragen, wer mein Feind ist: Ich habe keinen Feind außer denen, die mich zu ihrem Feind erklären. Ich lebe in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, in einem Viertel namens Boy-Rabe. Als Priester der katholischen Saint-Bernard-Kirche erlebe ich den Religionskonflikt der letzten Wochen hautnah: Unsere Gemeinde wurde von Rebellen geplündert, die mir auch mein Auto weggenommen haben.

In ganz Bangui patrouillieren seit fast einem Jahr, seit dem 24. März 2013, schwer bewaffnete Männer auf Lastwagen. Wir Zivilisten leben in ständiger Angst und müssen uns verstecken, damit wir nicht von Querschlägern getroffen oder gekidnappt werden. Schwer zu sagen, wer hier gegen wen kämpft. Wir hören die Schusswechsel, aber wissen nicht, was vor sich geht. Greifen die muslimischen Seleka an? Oder die christlichen Anti-Balaka?

Aus meiner Sicht hat die Kirche in dieser Krise nur eine Aufgabe: Sie muss Frieden predigen und alle Menschen, insbesondere die Christen, davor warnen, zur Waffe zu greifen. Ich predige trotz der vielen Toten Versöhnung. Das Strafen liegt bei Gott. Ich hoffe auf eine Versöhnungskommission wie in Südafrika. Ich versuche, denen zu vergeben, die uns Leid zufügen, auch wenn es schwerfällt.

Innocent Awulu ist Priester in Bangui. Seinen handschriftlichen Augenzeugenbericht können Sie auch im Original nachlesen.

Religionskrieg - ZEIT-Redakteurin Evelyn Finger über den Konflikt in Zentralafrika In der Zentralafrikanischen Republik bekriegen sich Christen und Muslime aufs Blutigste. Evelyn Finger über den katastrophalen Konflikt in Zentralafrika und die Gefahr eines Genozids.

Ich sehe die Opfer

Religion soll eigentlich die Menschen einen. Doch jetzt hat ein Religionskonflikt unsere Gemeinschaft zerstört und das Leben zum Stillstand gebracht. Ich wohne im Viertel Mandoba und arbeite im städtischen Krankenhaus. Ich sehe Opfer von Vertreibungen, Überfällen, Plünderungen. Aber für das, was jetzt geschieht, fehlen mir die Worte. Menschen werden verschleppt, gefoltert, getötet. Schwangere werden vergewaltigt, Kinder massakriert. Ich fürchte mich. Aber dank meines Glaubens halte ich aus. Ich wehre mich durch meine friedliche Haltung, leider zählt das nicht. Wenn ich die Macht hätte, würde ich dafür sorgen, dass die Gewalt ein Ende nimmt. Meine Hoffnung ist, dass der Geist der Toleranz die Herzen meiner Mitmenschen erfasst.

Mauricette Dan ist Krankenschwester in Bangui. Ihren handschriftlichen Augenzeugenbericht können Sie im Original nachlesen.

Bitte helfen Sie uns!

Ich habe gesehen, wie Unschuldige mit Macheten getötet, Häuser gebrandschatzt und geplündert wurden. Es ist elend. Eigentlich komme ich aus dem Viertel Miskine, bin aber wegen der Kämpfe in ein anderes Viertel geflohen. Diesem Konflikt liegt nicht die Religion zugrunde, sondern die Politik. Die Religion kam ins Spiel, als islamistische Rebellen am 24. März 2013 in Bangui einfielen und Christen angriffen. Vorher waren wir Brüder und lebten in Harmonie. Der Erzbischof und der Imam von Bangui tun jetzt gemeinsam alles dafür, dass Frieden wird. Sie haben uns Jugendliche aufgefordert, uns nicht von der Politik beeinflussen zu lassen. Besonders schlimm finde ich, dass Politiker die Jugend aufhetzen.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Meine Familie wurde an unterschiedliche Orte vertrieben. Wegen der Gefahr kann man weder zur Arbeit gehen noch zur Schule. Oft haben wir nichts zu essen oder zu trinken. Wer kämpft gegen wen? Ich würde sagen: Muslime gegen Christen. Das alte Staatsregime gegen das neue. Die ehemaligen Seleka gegen die Anti-Balaka. Zentralafrikanische Muslime gegen das französische Militär.

Ich habe keine Mittel, um mich zu verteidigen. Das Einzige, was ich tun kann, ist, Ihnen zu schreiben. Bitte helfen Sie uns, Zentralafrika wieder sicher zu machen. Wenn Sie mir oder meiner Familie helfen, egal wie, wären wir glücklich. Wir haben sonst keine Zukunft.

Theophila Ngilibet ist Schülerin in Bangui. Ihr handschriftlicher Augenzeugenbericht  im Original.