Der Scorsese aus dem Reich der Mitte – es ist eine eher hilflose Analogie, in die Jia Zhangke, der bedeutendste chinesische Filmemacher seiner Zeit, immer wieder von Kritikern hineingepresst wird. Aber schiefe Vergleiche können auch ihr Quantum Wahrheit enthalten. Das Lebens- und Überlebensgefühl, das Martin Scorseses hitzige Kamera in den siebziger Jahren in der Welt italoamerikanischer Mafiosi in New York einfing, weist tatsächlich eine gewisse Verwandtschaft auf mit dem, was Jia Zhangkes neuer Film A Touch of Sin in der chinesischen Provinz vorfindet – Gesetzlosigkeit, hemmungslose Gier und eine schnelle, schmutzige, unberechenbare Gewalt. Aber eben auch: eine himmelschreiend traurig-schöne Poesie des Desolaten. Dieser mit hypnotischer Ruhe erzählte Film folgt vier Figuren in losen Episoden auf ihren Wegen durch China: einem ehemaligen Minenvorarbeiter, der gegen korrupte Provinzgrößen aufbegehrt, einem skrupellosen Räuber, der Rezeptionistin eines Saunabordells und einem sehr jungen Wanderarbeiter.

Schon die erste Geschichte setzt den Ton. Als Störenfried läuft der stattliche Dao durch die Provinzstadt Shanxi. Er besucht seine ehemaligen Kameraden in der einst volkseigenen Mine, um sie gegen den Bürgermeister aufzuwiegeln, der sich den Betrieb erschlichen hat. Er fährt mit zum Flughafen, wo ein Empfangskomitee den neuen Boss mit Folkloredarbietungen begrüßt. Gerade hat er sich ein nagelneues Privatflugzeug gekauft. Vergeblich versucht Dao, Beschwerden nach Peking zu schicken. Er schreit, klagt die sonnenbebrillten Neumillionäre an – und wird von deren Handlangern mit einer Schaufel halb tot geschlagen. Dao greift zum Gewehr, und der Mann, der mit seinem militärisch geschnittenen Mantel aussieht wie ein General ohne Armee, wird zur wandelnden Nemesis.

Nicht Dao ist verrückt, sondern die Welt, die ihn verrückt macht. Diese Welt, das heißt: die alles durchdringende, alles verschlingende Korruption, zeigt Jia Zhangke ohne Betroffenheit oder aufgesetzte Empörung. Er zeigt sie mit der Selbstverständlichkeit, mit der man auch einen Wald oder eine Wiese filmen würde. Es ist ja auch eine Art Landschaft, die vor der Kamera entsteht, ein Panorama der menschlichen Verkommenheit: Dörfler, die Lastwagenfahrern eine "Maut" abknöpfen. Fabrikchefs, die ihren Angestellten die Folgen der Arbeitsunfälle aufbürden. Die Massagesalons und Themenbordelle, in denen das Geld versickert. Es entsteht das wuchtige Porträt einer bis in ihre feinsten zwischenmenschlichen Verästelungen barbarisierten Gesellschaft. Und doch weist der Film auch darüber weit hinaus.

Einmal flüchtet eine Frau vor Schlägern ins Zelt einer Wahrsagerin und Schlangenbeschwörerin. Eine alte Melodie setzt ein, und die Kamera folgt fasziniert den Bewegungen des schuppenglänzenden Reptils. Es ist ein seltsam selbstverlorener Augenblick. Ein Film hebt ab vom Boden der hässlichen Tatsachen und nimmt dabei die Last von den Schultern seiner Figuren. Immer wieder gibt es in A Touch of Sin solche Momente der Absurdität und Freiheit. Kühe blicken von einem Lastwagen so sanft wie unbeteiligt auf den Räuber hinab, der gerade ein Paar erschossen hat. Ein junger Hotelangestellter und eine Prostituierte schenken einer Handvoll Goldfischen die Freiheit in einem Fluss, um die Reinkarnation milde zu stimmen.

Man muss sich das Gesamtwerk von Jia Zhangke anschauen, wenn man begreifen will, was in China, diesem Riesenreich, geschieht. Denn der Regisseur hat sich mit seinem Land verändert, dessen hellsichtigster filmischer Chronist er ist. Als 1997 sein Film Xiao Wu auf der Berlinale lief, sah man aus China plötzlich Bilder von einer nie gesehenen Direktheit. Dieses Debüt, das übrigens von Martin Scorsese zutiefst bewundert wird, zeigte in nüchternen, quasidokumentarischen Szenen die Existenz eines Taschendiebs in einer Provinzstadt. Treffen mit Kumpels. Der Besuch bei einer angehimmelten Prostituierten, die sich aber einem reichen Kunden zuwendet. Eine Reise ins ärmliche Dorf der Eltern. Am Ende kauert der Dieb in Handschellen auf der Straße, zur Schau gestellt, während Propagandanachrichten aus einem scheppernden Lautsprecher eine neue Kampagne der drakonischen Strafen ankündigen.

Acht Spielfilme hat Jia Zhangke seitdem gedreht: Er folgte einer Theatertruppe von den Propagandaaufführungen der siebziger Jahre in die sich kommerzialisierenden Achtziger und dokumentierte den Wandel Chinas anhand seiner Schlager (Platform). Er erzählte von den Angestellten hinter den Kulissen eines gespenstischen Vergnügungsparks mit den nachgebauten Sehenswürdigkeiten der Welt (The World). Er machte die gigantische Baustelle des Drei-Schluchten-Staudamms zum realen Hintergrund von Figuren, deren Leben von den Zeitläuften überflutet wird (Still Life).

In A Touch of Sin zeigt Jia Zhangke nun ein Land, dem mit dokumentarischer Ästhetik nicht mehr beizukommen ist. Und dem Dreiundvierzigjährigen gelingt schier Unmögliches. Er zeigt die fratzenhafte Gegenwart seines Landes und überhöht sie zugleich. Er richtet den Blick auf das, was in China geschieht, und überlässt seine Geschichten zugleich der erlösenden Kraft von Kinobildern, die auch erzählen, was sein könnte. Trotzdem sind die Bilder nicht größer als das Leben. Die Kamera bleibt bei den Figuren, blickt leise kopfschüttelnd auf die Mörder und Kriminellen, verbündet sich mit den unglücklich verliebten Textilarbeitern, den abgeklärten Prostituierten und kämpferischen Rezeptionistinnen, die wie Zaungäste ihres Daseins wirken. Oder mit diesen Kühen, die im grauen Dunst zwischen leeren Highways und halb fertigen Hochhaustürmen von der Ladefläche eines Lastwagens glotzen.

Es kann uns nicht wirklich verwundern, dass der Film in China verboten ist.