Je weiter weg im weichen Nebel der Geschichte, desto mehr verklären die Völker ihre Helden. Ariel Scharon war ein Feldherr vom Schlage Napoleons, Rommels oder Pattons. Solche genialen Siegertypen gibt der moderne Krieg mit seinen satellitengesteuerten Maschinen nicht mehr her. Die Israelis haben Scharon gefeiert, verehrt und zum Premier gekürt. Sie haben ihn aber nie verklärt. Denn so fabelhaft seine Heldentaten, so unauslöschlich seine Makel, die erst im Koma zu verblassen begannen.

Sie haben ihn "Bulldozer" genannt, den "Mann, der bei Rot nie anhält". Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk hat ihn komplexer, feiner gezeichnet: "Ich habe Scharon stets gemocht, aber auch Angst vor ihm gehabt." Am besten passt ein Begriff aus dem Boxkampf: "The Comeback Kid". Gegen Scharon war die Auferstehung des Lazarus ein bescheidenes Einmal-Wunder.

Die Neun Leben des Ariel (hebr. "Löwe Gottes") begannen im Unabhängigkeitskrieg 1948/49 – in der Schlacht um das eingeschlossene Jerusalem. Der 20 Jahre alte Zugführer befahl einen unbedachten Angriff, in dem fast die ganze Truppe fiel. Der Schwerverletzte schleppte sich verdurstend zu einem Schlammloch, wo sich das Blut der Verwundeten mit der dreckigen Brühe mischte. Er trank sie doch. Hier entstand der Mythos Scharon: Kampf bis zum Letzten, Überleben bis zum Letzten. Und sein Markenzeichen, die Insubordination.

In den frühen Fünfzigern befehligte Scharon die berüchtigte "Unit 101", die aus "Cowboys wie ihm" (The New Yorker) bestand und einen mörderischen Kampf gegen die Fedajin, die arabischen Terrorkommandos, führte. Entgegen den Befehlen zerstörte die Truppe das jordanische Örtchen Kibbia und brachte 40 Menschen um, darunter Kinder und Frauen.

Was das Hauptquartier vorgab, war Scharon auch im Sueskrieg (1956) egal. Kaum hatten sich seine Fallschirmjäger auf dem Sinai zum strategisch zentralen Mitla-Pass durchgekämpft, kam das "Stopp!" der Generalität. Scharon aber provozierte einen Angriff der gut verschanzten Ägypter, der ihm als Vorwand diente, seine gesamte Brigade in den Kampf zu werfen. 38 Israelis starben, dreimal so viele wurden verwundet. Der entscheidende Durchbruch war für den Generalstab "unautorisierte Aggression".

Diesmal blieb es nicht bei der verbalen Züchtigung. "Ariks" Karriere kam zum Stillstand. Aus dieser Zeit stammt der Tagebucheintrag des Gründervaters Ben Gurion: "ein visionärer junger Mann". Er müsse bloß aufhören, "die Unwahrheit zu sagen und ins Gerede zu kommen". Dann werde er zu einem "außergewöhnlichen militärischen Führer heranwachsen". Erst acht Jahre später wurde er rehabilitiert.

Als Kommandeur einer Panzerdivision im Sechstagekrieg entfachte Scharon einen "Blitzkrieg" auf Israelisch, der sich nicht um Nachschub und Rückwärtssicherung kümmerte, sondern nur ein Ziel hatte: den Sueskanal. Wieder ignorierte er den "Halt"-Befehl. Wieder landete er vor einem Tribunal, das ihn freisprach. Der "König Israels" hatte schließlich den Krieg gewonnen. Seine Strategie wurde zum Lehrstoff der U. S. Army. Zu Hause winkte ihm bloß ein Trostpreis: der Oberbefehl über den Sinai.

Scharons Kriegskunst geriet vollends zum Mythos im Jom-Kippur-Krieg von 1973. Der ägyptische Angriff hatte die Israelis, die mit nur 800 Mann am Kanal standen, überrumpelt. Das Land geriet in Panik. Scharon, der sich auf seine Farm zurückgezogen hatte, wurde als Kommandeur einer Reservedivision zurückgeholt. Wie er es schaffen wolle, fragte ihn sein Chef. "Das weißt du nicht? Wir werden den Kanal überqueren und den Krieg dort beenden." Scharons Division stieß aus der verzweifelten Defensive über den Kanal vor und schloss Sues und die Dritte Armee der Ägypter ein. Ein Militärtribunal bescheinigte ihm, dass sein tollkühner Sprung zwar eigenmächtig, aber "wirksam" gewesen sei. Und wieder wurde er drei Monate später entlassen.